Widerstand

Generalprobe für den 20. Juli

Von Rainer Blasius

Nach dem Attentat in der “Wolfsschanze“

Nach dem Attentat in der "Wolfsschanze"

14. Juli 2004 Nach der alliierten Invasion vom 6. Juni 1944 stand für Generalmajor Henning von Tresckow fest, daß gehandelt werden müsse - "koste es, was es wolle". Der Chef des Stabes der Heeresgruppe Mitte wollte den verhaßten "Führer" schon seit Anfang 1943 durch einen Sprengstoffanschlag beseitigen, und einer solchen Aktion stimmte Claus Schenk Graf von Stauffenberg vorbehaltlos zu.

Seit 1. Oktober 1943 tat dieser Generalstabsoffizier, der nach einer schweren Verwundung in Afrika sein rechtes Auge, die rechte Hand und zwei Finger der linken verloren hatte, Dienst im Bereich des "Chefs der Heeresrüstung und Befehlshabers des Ersatzheeres", Generaloberst Friedrich Fromm. Zunächst war der charismatische Adelige im Berliner Bendlerblock als Stabschef beim Chef des Allgemeinen Heeresamtes (AHA), General Friedrich Olbricht, eingesetzt. Olbricht hatte Stauffenberg ausdrücklich angefordert, um mit ihm gemeinsam den Staatsstreich gegen Hitler zu planen.

Alarmplan "Walküre"

Die Verschwörer beabsichtigten, den Umsturz in Deutschland nach einem gelungenen Attentat auf den "Führer" mit Hilfe des Alarmplanes "Walküre" herbeizuführen. Dieser war ursprünglich von der Wehrmachtführung konzipiert worden, um bei inneren Unruhen im Heimatgebiet - etwa bei organisierter Sabotage, einem Einfall gegnerischer Luftlandetruppen oder einem Aufstand ausländischer Zwangsarbeiter und Kriegsgefangener - den Wehrkreiskommandos die Möglichkeit zu geben, ihre Kräfte in Kampfeinheiten und Alarmgruppen zusammenzufassen und einzusetzen. Der von Olbricht und Tresckow bereits im Sommer 1943 bearbeitete und umfunktionierte Alarmplan versetzte die Hitler-Gegner in die Lage, die in und um Berlin herum stationierten Wach-, Schul- und Ausbildungstruppen des Ersatzheeres für ihre Zwecke regimesprengend einzusetzen.

Die Beförderung zum Oberst und der Wechsel auf die Stelle des Chefs des Stabes beim Befehlshaber des Ersatzheeres am 1. Juli 1944 eröffnete Stauffenberg die Chance, gelegentlich an Hitlers Lagebesprechungen teilzunehmen. Für ein schnelles und beherztes Handeln sprach jetzt zum einen die desaströse militärische Lage an der West- und Ostfront, zum anderen auch die Verhaftung der von Stauffenberg hochgeschätzten sozialdemokratischen Widerstandskämpfer Julius Leber und Adolf Reichwein am 4./5. Juli. Eine erste Gelegenheit, den Diktator zu töten, gab es am 6. Juli. Auf dem Obersalzberg bei Berchtesgaden mußte Stauffenberg im Beisein Fromms über personelle Neuaufstellungen und über die Mobilisierung von "Sperrdivisionen" für die Ostfront vortragen, die dringend benötigt wurden, weil die Rote Armee seit Beginn ihrer Juni-Offensive 28 deutsche Divisionen vernichtet hatte: 350.000 deutsche Soldaten blieben tot, verwundet oder gefangen auf den weißrussischen Schlachtfeldern.

Anschlag selbst ausführen

Auf dem Flug von Berlin nach Salzburg führte Stauffenberg in einer Aktentasche englischen Sprengstoff mit sich. Den Mitverschwörer Generalmajor Helmuth Stieff, Chef der Organisationsabteilung im Generalstab des Heeres, begrüßte er bei der Ankunft auf dem Obersalzberg mit den Worten: "Ich habe das ganze Zeug mit." Stauffenberg setzte offensichtlich noch auf Stieff und hoffte, daß der Generalmajor den Sprengstoff an jenem Donnerstag auf dem Obersalzberg oder am folgenden 7. Juli bei der Vorführung neuer Ausrüstungsgegenstände vor Hitler auf Schloß Kleßheim bei Salzburg zünden würde. Stieff, der den Nationalsozialismus wegen der Judenverfolgung und der brutalen Besatzungspolitik verabscheute, winkte jedoch ab: "Lassen Sie gefälligst die Finger davon!"

Jetzt faßte Stauffenberg den Entschluß, nicht nur den Staatsstreich zu organisieren, sondern auch den Anschlag selbst auszuführen. Und schon am Montag, dem 10. Juli, wies ihn Fromm an, sich am nächsten Tag zu einer Lagebesprechung auf dem Obersalzberg einzufinden. Weil das beabsichtigte Sprengstoffattentat nach dem Willen der meisten Widerstandskämpfer außer Hitler auch den Reichsführer SS und Reichsinnenminister Himmler sowie den Oberbefehlshaber der Luftwaffe und "zweiten Mann" im "Dritten Reich", Reichsmarschall Hermann Göring, treffen sollte und darüber hinaus Stieff wieder energisch abriet, teilte Stauffenberg vor Beginn der Lagebesprechung Olbricht telefonisch mit, daß nichts stattfinden werde, "weil der Reichsführer SS nicht eingetroffen ist". Eine weitere Gelegenheit bot sich am 15. Juli 1944 im "Führerhauptquartier Wolfsschanze" in Ostpreußen, nachdem Hitler seinen Berghof verlassen hatte und in der Nacht zum 15. Juli wieder in das baulich erweiterte, aber noch unfertige Hauptquartier eingezogen war.

"Wenn das der Führer wüßte!“

Gemeinsam mit Fromm trifft Stauffenberg an dem heißen Sommertag, einem Samstag, gegen 9.35 Uhr mit einer Kuriermaschine von Berlin auf dem Flugplatz in Rastenburg ein. Nach einer Unterredung mit dem Chef des Oberkommandos der Wehrmacht, Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel, begeben sich die Offiziere zur Lagebaracke in unmittelbarer Nähe jenes "Gästebunkers", den Hitler während der Befestigungsarbeiten an seinem "Führerbunker" vorübergehend bewohnt. Auf dem Weg zwischen "Gästebunker" und Lagebaracke begrüßt der "Führer" dann Stauffenberg und einige Generale mit Handschlag. Die Lagebesprechung und eine Sonderbesprechung ("Stellungsbau und Auffangorganisation") dauern von 13.10 bis 14.20 Uhr. Anschließend scheint Hitler in einer fünfminütigen Unterredung Fromm und Stauffenberg mitgeteilt zu haben, daß die vorgesehenen "Sperrdivisionen" in der Verantwortung des Reichsführers SS ausgebildet und ihm truppendienstlich unterstellt werden. Über Hitlers Versuch, der SS zusätzlichen Einfluß auf die Heeresorganisation einzuräumen, ist Stauffenberg empört.

Der Oberst will an diesem Tage Hitler beseitigen. Daher sind auch die Vorbefehle zu "Walküre" gegen elf Uhr in Berlin von seinem Nachfolger als Stabschef im AHA, Oberst Albrecht Ritter Merz von Quirnheim, nach Absprache mit Olbricht herausgegeben worden. Zwischen 14.30 und 14.45 Uhr ruft Stauffenberg jedoch Merz an und teilt mit, daß "aus der Sache" nichts geworden sei. Während Merz nun telefonisch sämtliche Maßnahmen stoppt und kurzerhand zu einem Übungsalarm erklärt, entschließt sich Olbricht, die Bereitschaft der "Walküre"-Alarmverbände in Potsdam, Döberitz und Krampnitz persönlich zu inspizieren, zumal noch kein weiterer Befehl zur Besetzung wichtiger Punkte in der Reichshauptstadt ausgegeben worden ist. Sarkastisch sagt er auf der improvisierten Inspektion zu einigen Offizieren: "Wenn das der Führer wüßte!"

"F ürchterliche Gewißheit"

Verdacht schöpfte jedenfalls niemand - außer Fromm, der bei seiner Rückkehr mit dem Kurierflugzeug am Abend dieses Tages von dem angeblichen Übungsalarm hörte und daraufhin am 17. Juli Olbricht im Bendlerblock zur Rede stellte. In der im Herbst 2004 erscheinenden vorzüglichen Fromm-Biographie macht der Potsdamer Historiker Bernhard R. Kroener darauf aufmerksam, daß der Befehlshaber des Ersatzheeres am 15. Juli eine "fürchterliche Gewißheit" erhalten haben muß: "Stauffenberg hatte ihm, als er seine neue Stelle antrat, mitgeteilt, ,er wolle, falls bis zum Herbst kein Wunder geschieht, selbst eine Änderung herbeiführen'.

Fromm wußte also, daß Stauffenberg das geplante Attentat gegen Hitler ausführen wollte, und er dürfte sich darüber im klaren gewesen sein, daß es bei dessen körperlicher Versehrtheit kein Pistolenattentat sein würde. Ebenso war ihm bewußt, daß in einem solchen Fall zeitgleich ,Walküre' befohlen werden müßte, um die Schlüsselpositionen der Macht in die Hand zu bekommen. Als er von ,Walküre' erfuhr, mußte ihm klar gewesen sein, daß Stauffenberg am 15. Juli das Attentat hatte ausführen wollen. Da Stauffenberg nur in seiner Anwesenheit mit Hitler gesprochen hatte, konnte kein Zweifel darüber bestehen, daß den Befehlshaber des Ersatzheeres im Falle eines Gelingens der Sprengsatz wohl ebenso getroffen hätte wie Hitler. Fromm mußte also spätestens am 15. Juli klargeworden sein, daß ihn sein engster Mitarbeiter ohne Warnung dem Tode oder zumindest erheblichen Verstümmelungen ausgesetzt hätte."

Fatale Folgen

Was geschah an jenem Tage im "Führerhauptquartier"? Die einen Zeithistoriker - so Kroener und Christian Müller - nehmen an, daß Stauffenberg offensichtlich nicht in der Lage war, rechtzeitig vor Beginn der Besprechung in einem unbeobachteten Augenblick den chemischen Zeitzünder in Gang zu setzen. Andere wie Peter Hoffmann und Gerd Ueberschär folgen der unmittelbar nach Kriegsende verfaßten Darstellung des Mitverschwörers Hans Bernd Gisevius. Demnach hatte der für das Amt des Reichsverwesers vorgesehene Generaloberst a. D. Ludwig Beck von dem erst am 16. Juli mit einem Kurierzug nach Berlin zurückgekehrten Stauffenberg erfahren, daß Stieff die Aktentasche mit der Bombe plötzlich aus dem Besprechungsraum herausgetragen habe, während Stauffenberg mit Berlin telefonierte, um von dort doch noch die Zustimmung zu einem Handeln gegen Hitler zu erlangen, ohne daß Himmler oder Göring bei der Lagebesprechung zugegen wären.

Ob Stieff tatsächlich wieder die Nerven verlor, wird sich kaum mehr feststellen lassen. Jedenfalls wollte Stauffenberg beim nächsten Mal keine Rücksicht mehr auf das Fehlen einzelner NS-Größen oder auf die Haltung seiner Mitverschworenen nehmen und auf jeden Fall losschlagen, weil er durchdrungen war vom symbolischen Wert eines Attentats als Signal des "anderen Deutschlands". Wütend meinte der Oberst über den Verlauf des 15. Juli zu einem Vertrauten: "Man müßte das ganze Führerhauptquartier in die Luft sprengen!" Das wäre nach den vergeblichen Anläufen sicherlich die Musterlösung gewesen. Was den Plan "Walküre" betrifft, so kann der 15. Juli jedenfalls als eine Art Generalprobe für den 20. Juli angesehen werden - mit der fatalen Folge, daß am Tage des Umsturzversuchs der Alarmbefehl erst herausgegeben wurde, als die im Bendlerblock versammelten Widerstandskämpfer von Stauffenberg persönlich die Nachricht erhielten, daß der "Führer" tot sei - was sich bekanntlich für die mutigen Hitler-Gegner schnell als tödlicher Irrtum erwies.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.07.2004, Nr. 162 / Seite 7
Bildmaterial: dpa/dpaweb

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