„Rinderflüsterer“ Joep Driessen im Gespräch

„Die Kühe verdienen ein längeres Leben“

05. Juni 2008 Er versteht die Körpersprache der Kühe: Der Niederländer Joep Driessen gründete eine Beratungsfirma für Milchviehhalter. Im Interview erklärt er die sechs Freiheiten der Weide und klärt darüber auf, wie Kühe leben sollen.

Herr Driessen, als ich Sie per E-Mail um dieses Interview bat, haben Sie zurückgeschrieben: „Rufen Sie mich gerne an. Das Leben einer Milchkuh geht nicht über Rosen.“ Was meinten Sie damit?

Dass das Leben einer Kuh nicht so einfach ist. Auf der Weide ist das Leben einer Kuh eigentlich ein Paradies. Aber die meisten Ställe sind nicht gut genug. Ich spreche immer von den sechs Freiheiten der Weide: Licht, Luft, Ruhe, Raum, Futter und Wasser. In den meisten Ställen werden diese sechs Freiheiten nicht vollständig angeboten. Und das ist die Hauptursache, warum die meisten Kühe nur drei Laktationen erleben, also nur drei Kälber bekommen, drei Milchperioden haben und dann schon geschlachtet werden müssen mit etwa fünf Jahren.

Eine Studie mit 42.000 Milchkühen in Sachsen hat ergeben, dass mehr als ein Viertel davon sogar noch während der ersten Laktation, also sehr rasch nach dem ersten Kalb, ausgemustert wird. Man sagt, dass die Kühe in der DDR kleiner waren und die Liegeboxen in den Ställen jetzt zu eng sind für die großrahmigen Schwarzbunten. Statt zu liegen, stehen die Kühe viel auf den Spaltenböden und bekommen Klauenerkrankungen.

Wir sehen das in Holland auch, dass die Kühe in achtzehn Jahren zwölf Zentimeter gewachsen sind. Sie sind auch länger und breiter geworden und haben weniger Muskeln, dafür aber größere Euter. Sie haben also auch weniger Kraft, die sie zum Beispiel zum Aufstehen brauchen würden. Deswegen ist das Leben für die Kühe schwieriger geworden. Das kann man aber kompensieren durch bessere Liegeboxen, die lang und breit genug sind. Aber die fehlen eigentlich in 90 Prozent der Ställe weltweit.

Die meisten Boxen sind zu klein, zu kurz, zu eng und nicht weich genug. Das ist eine der Hauptursachen für die gesundheitlichen Probleme der Kühe. Euterentzündungen und Klauenerkrankungen sind die größten Probleme. Auch das Warten vor dem Melkstand bedeutet viel Stress für die Kühe. Die Kuhgruppen werden immer größer und die meisten Melkkarussells sind zu klein. Die Kühe stehen da zweimal zwei Stunden Schlange, vier Stunden am Tag. Eine Kuh hat aber nicht so viel freie Zeit. Am besten wären für die Kuh vierzehn Stunden Liegezeit, sechs Stunden Fresszeit, zwei Stunden zum Sozialisieren und Spielen und zwei Stunden Melkzeit.

Wie ließe sich das erreichen?

Die Wände müssen raus, damit die Kuh mehr Luft und Licht hat. Man sollte den Boden aufrauen, damit die Kuh Griff hat beim Laufen. Und die Liegeboxen müssen größer und weicher sein. Sie haben gerade gesagt, ein Viertel der Jungkühe geht nach dem ersten Kalb zum Schlachter. In jene jungen Kühe, die zum ersten Mal gekalbt haben und im Durchschnitt 26 Monate alt sind, sollten die Bauern sich hineinversetzen. Die Kühe kommen in eine neue Gruppe, in der sie die Jüngsten sind, sie sind gestresst, haben Schmerzen nach der Geburt und müssen sich auf das Melken einstellen.

Was passiert derweil mit dem Kalb?

Das Kalb kommt nach der Geburt zunächst in eine kleine Kälberhütte und wird dann nach zwei Wochen in eine Gruppe von zehn bis fünfzehn Kälbern integriert.

Und es wird immer von der Mutter getrennt, oder?

Einiges in der Milchviehhaltung ist sehr weit weg von der Natur. Das ist vor allem die Besamung, die Trennung vom Kalb und das Enthornen durch Säure oder Brennen. Es gibt bereits Betriebe in Holland, die das nicht mehr akzeptieren. In einem Pilotprojekt lassen im Moment zehn Betriebe die Kälber acht Wochen bei ihren Müttern.

Ein solches Projekt gibt es auch in Deutschland am Bundesforschungsinstitut für Ländliche Räume, Wald und Fischerei. Die Kälber wurden in der Herde gut akzeptiert, sagen die Studienleiter.

Ob die Kälber bei ihren Müttern bleiben können, hängt vor allem vom Platz ab. Wenn die Verbraucher den doppelten Milchpreis bezahlen würden, dann könnten die Bauern investieren in mehr Platz für die Kuh und ihr Kalb. Mehr Platz würde auch bedeuten, dass die Kühe ihre Hörner behalten können, denn sie werden nur entfernt, weil die Tiere mit Hörnern eine größere Distanz zueinander einhalten müssen. Im Moment können sich nur die besten zehn Prozent der Bauern das Beste für die Kuh leisten. Hier in Holland streben wir jetzt erst einmal für die Kühe rund um den Geburtszeitraum eine sogenannte stressfreie Abkalblinie an. Die Kühe bekommen eine besondere Betreuung drei Wochen vor und nach der Geburt in einem gesonderten Bereich mit Stroh. Die besseren Betriebe hier haben das schon und sind sehr zufrieden.

Sie unterscheiden zwischen besseren und weniger guten Betrieben. In Deutschland ist die Agrarstruktur sehr heterogen. Es gibt kleine Familienbetriebe im Süden, sehr große Betriebe im Osten und mittlere im Nordwesten.

Ein guter Betrieb mit 50 Tieren verdient immer noch mehr als ein schlechter mit 100. Kleine Betriebe müssen nur einen kleinen Auslauf an den Stall bauen, einige Futterplätze mehr einrichten, ein paar Lampen mehr installieren. So lässt sich eine höhere Milchleistung erreichen.

Was wäre eine sehr hohe Milchleistung?

In den Vereinigten Staaten werden 12.000 Liter Jahresleistung pro Kuh erreicht. In Westeuropa haben die besten Betriebe auch schon 11.000 Liter. Interessant sind aber vor allem die 100.000-Liter-Kühe. Das sind Kühe, die in ihrem ganzen Leben 100.000 Liter Milch gegeben haben. Sie haben also etwa elf Laktationen hinter sich. Die meiste Milch geben diese Kühe in der sechsten und siebten Laktation. Das heißt, die Bauern sortieren die Kühe aus nach drei Laktationen, obwohl sie immer noch produktiver werden würden – eigentlich unökonomisch. Es ist interessant, dass die Bauern, die sehr gut für die Tiere sorgen, auch die 100.000-Liter-Kühe im Stall haben.

Selbst die 100.000-Liter-Kühe gehen aber eines Tages zum Schlachthof. Insgesamt stammen zwei Drittel des europäischen Rindfleisches aus der Milchwirtschaft. Bauern sagen ja dann euphemistisch: „Die Kuh geht auf die Reise.“

In den Niederlanden sagen die Bauern: „Die Kühe gehen in den weißen Stall.“ Der weiße Stall, das ist der Kühlschrank.

Nach der Milchpreissteigerung im Sommer 2007 haben viele Bauern lange aufgeschobene Behandlungen und Stallbaumaßnahmen in Auftrag gegeben. Wenn sie es diesmal selbst schaffen, den Milchpreis anzuheben, wird sich dann auch etwas für die Kühe ändern?

In den letzten zehn Jahren war es so, wenn die Betriebe überhaupt ein bisschen wachsen wollten, mussten die Bauern ihr ganzes Geld an der Milchbörse in weitere Milchquoten stecken, so dass sie mehr Milch erzeugen und verkaufen konnten. Wenn sie einen besseren Milchpreis erreichen, können sie auch in bessere Liegeflächen, schnellere Melkmaschinen investieren. Das bedeutet mehr Kuh-Komfort, aber auch mehr Bauern-Komfort. Beides ist sehr wichtig, denn ich denke, die Kühe verdienen ein längeres Leben, und der Bauer verdient eine bessere Entlohnung. Für beide gibt es ein Hauptproblem – dass das Leben der Kuh eben nicht über Rosen geht.

Die Fragen stellte Christina Hucklenbroich.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP

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