29. Dezember 2003 Qin Shihuandgdi, der erste chinesische Kaiser, erhielt bei seinem Tod 210 vor Christus eine stattlichen Grabbeilage: eine gewaltige Armee aus mehreren tausend ursprünglich bunt bemalten Terrakotta-Kriegern. Kein Gesicht, keine Frisur, kein Kleid der Tonfiguren gleicht dem anderen.
Doch nach 2200 Jahre langer Lagerung im feuchten Erdreich droht der gewaltigen Streitmacht schon bald nach der Ausgrabung ein weiteres Schicksal. An der Luft verlieren die Figuren allmählich ihre Farben. Zurück bleiben die von Fotografien bekannten ockerfarbenen Rohlinge. Die Restaurierung hat sich als recht schwierig erwiesen, weil die gängigen Techniken nur wenig geeignet sind. Jetzt könnte der Terrakotta-Armee endlich die "Rettung" winken. Forscher der Ludwig-Maximillians-Universität in München haben ein Verfahren entwickelt, mit dem sich die Bemalung von frisch ausgegrabenen Tonsoldaten dauerhaft erhalten läßt.
Imposantes Grabmal
Geboren wurde Qin Shihuandgdi 259 vor Christus während der letzten Phase der "sieben streitenden Reiche" unter dem Namen Yin Zheng. Schon mit jungen Jahren zum König des Qin-Staates gekrönt, unterwarf er 221 vor Christus die anderen miteinander rivalisierenden Königreiche und schuf ein vereintes chinesisches Reich. Er veranlaßte unter anderem den Bau der Chinesischen Mauer und führte ein einheitliches Schriftsystem ein. Qin Shihuandgdi starb im Alter von fünfzig Jahren während einer Inspektionsreise in der Provinz Hebel. Hinterlassen hat er ein imposantes Grabmal, mit dessen Bau 246 vor Christus begonnen wurde und das die ganze Welt abbilden sollte.
Die ersten Fragmente eines Terrakotta-Kriegers kamen 1974 ans Tageslicht, als Bauern im Dorf Xiyang in der Provinz Shaanxi einen Brunnen gruben. Als man auf immer mehr Überreste stieß, war rasch klar, daß es sich um eine der bedeutendsten archäologischen Fundstätten des zwanzigsten Jahrhunderts handelte. Inzwischen erstreckt sich das Ausgrabungsfeld über eine Fläche von mindestens vier mal vier Kilometer mit mehr als hundert Einzelgruben. Bislang sind etwa 1500 Terrakotta-Krieger, lebensgroße Pferde und Streitwagen ausgegraben und notdürftig restauriert worden. Man schätzt, daß sich allein in den jetzigen Ausgrabungsstätten noch bis zu 8000 Einzelfiguren unter der Erde befinden. Weitere, vor gut einem Jahr entdeckte Fundstätten sollen die bekannten noch erheblich übertreffen.
Als die ersten Figuren geborgen waren, zeigte sich, daß die Restauratoren vor einer großen Herausforderung standen. Insbesondere die Bemalung hat unter der langen Lagerung im feuchten Erdreich stark gelitten. Sie besteht aus einer Grundierung mit dem ostasiatischen Qi-Lack und einer darüberliegenden Pigmentschicht. In den Lack hat sich im Laufe der Zeit Wasser eingelagert, das an der Luft rasch verdunstet. Wenn die Luftfeuchtigkeit unter 84 Prozent sinkt, reißt die Grundierung und löst sich zusammen mit der Pigmentschicht von den Figuren. Herkömmliche Restaurierungsverfahren konnten den Ablösevorgang bislang nicht stoppen, so daß man nach besseren Techniken gesucht hat.
Kompressen für Tonkrieger
Eine Strategie, die Grundierung an den Terrakotta-Körper zu binden, besteht darin, die Figuren vor dem völligen Austrocknen zu bewahren. Dazu ersetzt man das Wasser zumindest teilweise durch das wasseranziehende Polyethylenglykol. Da die Grundierung feucht bleibt, reißt sie nicht. Doch kann sich Schmutz an der feuchten Oberfläche leichter ablagern, wodurch die Figuren empfindlicher gegen Berührung werden.
Einen anderen Weg, den Qi-Lack dauerhaft an die Terrakotta-Soldaten zu binden, haben die Münchner Forscher eingeschlagen. Heinz Langhals, Daniela Bathelt und Ingo Rogner verwenden eine wasserlösliche organische Substanz, die sie mit Kompressen auf die Tonfragmente bringen. Die Acrylat-Monomere können durch die feinporige Struktur der Grundierung bis zur Tonoberfläche dringen. Anschließend wird die Substanz gehärtet.
Farbeindruck bleibt naturgetreu
Dazu bestrahlen die Forscher die behandelten Proben mit energiereichen Elektronen. Die Strahlung kann durch die Farb- und Lackschicht dringen, nicht aber in die Terrakottaoberfläche. Trifft sie auf die Acrylat-Moleküle, verbinden diese sich zu langen Ketten und fixieren dadurch die Grundierung. Die Polymerisation wird durch den Sauerstoff der umgebenden Luft gestoppt. Dadurch entsteht auf der Oberfläche der obersten Pigmentschicht kein Glanz, der den naturgetreuen Farbeindruck der Tonkrieger verfälschen würde. Selbst bei einer hohen Strahlendosis werden die Farbpigmente nicht in Mitleidenschaft gezogen.
Das Verfahren hat noch einen weiteren Vorteil. Während der Bestrahlung wird zusätzlich Röntgenstrahlung erzeugt, die die Proben sterilisiert und verhindert, daß die Lackschicht durch Mikroorganismen und Pilze angegriffen werden kann. Wie die Forscher in der Zeitschrift "Angewandte Chemie" (Bd. 115, S. 5854) berichten, ließe sich damit die Bemalung der Terrakotta-Krieger für die kommenden 50 bis 100 Jahre bewahren. An zahlreichen Tonfragmenten ist das Verfahren bereits erfolgreich getestet worden. Jetzt soll der erste Tonkrieger Qin Shihuandgdis mit dem neuen Verfahren restauriert werden.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.12.2003, Nr. 302
Bildmaterial: AP