Partnervermittlung für Behinderte

Hella will einen Intelligenten

Von Andrea Jeska, Hamburg

Vorsichtige Annäherung: Bei den Wochentreffs in der Schatzkiste suchen Behinderte einen Partner

Vorsichtige Annäherung: Bei den Wochentreffs in der Schatzkiste suchen Behinderte einen Partner

04. Dezember 2008 Carsten darf den Kartoffelsalat nicht essen. Da ist Zucker drin. „Da ist Zucker drin“, sagt Carsten. Fünfmal in einer Minute sagt er das. Wieso die Würstchen schon weg sind? Carsten haucht sein Lamento über den Zucker im Kartoffelsalat und darüber, dass er seine Diabetikerkekse nun nicht dabei hat, weil er sich auf die Würstchen verließ. Meine Kekse, sagt Carsten, weißt du. Weißt du, ich bin doch ins Koma gefallen. Ich bin ins Koma gefallen. Ins Koma.

Zum Grillen haben sie sich getroffen. Die dunklen Tage nahen, an denen unerfüllte Sehnsüchte plötzlich wieder groß erscheinen. Viel Abwechslung ist nicht in den Wohngemeinschaften. Um 20 Uhr ist Zapfenstreich. Frühstück, arbeiten, Mittag, arbeiten, Abendbrot, Licht aus. Keine Party. Keine Hobbys. Keine, die man Liebste nennt. Oder Liebster.

Wunsch nach Zweisamkeit

Waltraud Jantzen vom Diakoniehaus Crivitz und Schatzkisten-Erfinder Bernd Zemella (Mitte) mit einem Klienten, der die Frau fürs Leben sucht

Waltraud Jantzen vom Diakoniehaus Crivitz und Schatzkisten-Erfinder Bernd Zemella (Mitte) mit einem Klienten, der die Frau fürs Leben sucht

Hella kommt zu spät. Die Stühle sind alle besetzt, und 20 Menschen in einer Runde sind für Hella schon zu viel. „Hella, hol dir noch einen Stuhl“, rufen die anderen, doch da ist sie schon wieder im Haus, sitzt allein auf dem Sofa im Flur, die Füße nach innen gestellt. Scheinbar vertieft in ihre Lektüre. Carsten tippt sich an die Stirn. „Die hat doch einen Spleen. Die macht total auf Oma. Wusstest du, dass die gar keine grauen Haare hat. Die hat sie sich so gefärbt.“

Hella und Carsten. „Eine Weile ein Auf und Ab“, hat Bernd erzählt. Dann gab Hella Carsten einen Korb: „Du bist mir zu langweilig.“ Außerdem sei er nicht intelligent genug. Auch das hat Hella laut gesagt. „Der ist nicht richtig rehabilitiert.“ Dabei waren Carsten und Hella auf den ersten Blick ein gutes Paar. Als Carsten vor einigen Monaten in die „Schatzkiste“ kam, war die Ähnlichkeit der Biographien so offensichtlich, dass Bernd die beiden sofort zusammenbrachte. Zwei, die einst große Ambitionen hatten. Beide Abiturienten, beide auf dem Weg ins Studium. Bei Hella kam dann der Autounfall. 17 war sie. Carsten fiel nach einem Diabetikerschock ins Koma. Als sie erwachten, waren sie behindert. Hella einseitig gelähmt, unfähig zu allem, zehn Jahre Rehabilitation, bis sie wieder auf dem Damm war. Carsten und Hella. Schädigungen des Hirns, Hirnblutungen, gestörte Motorik, gestörtes Sprachvermögen. Sie hätten so gut zusammengepasst. Dachte Bernd.

Bernd ist der Diplompsychologe Bernd Zemella, Initiator und Leiter der Schatzkiste, einer Hamburger Partnerschaftsagentur für Menschen mit Behinderungen. Seit sechs Jahren erfüllt er Rollstuhlfahrern, Autisten, Schizophrenen, Hirngeschädigten und Psychotikern ihren Wunsch nach Liebe und Zweisamkeit. Welcher Art die Behinderung seiner Klienten ist, wie die genaue Diagnose ihrer körperlichen oder geistigen Erkrankung lautet, das weiß Zemella nicht. Interessiert ihn auch nicht. Hauptsache, der Liebessuchende weiß über sich Bescheid. „Wenn ich einem erst mal den Zahn ziehen muss, dass sie eigentlich gar nicht behindert sind, dann ist es schon schwierig.“

Recht auf Liebe

Zemella kommt ins Spiel, wenn die Wirklichkeit alle Hoffnungen enttäuscht hat. Seine Klienten werden von Betreuern gebracht. Oder Eltern. Oder Geschwistern. Dann müssen sie Fragen auf einem Formular beantworten. Welche Eigenschaften sie sich beim Partner wünschen. Mit dem Wort Eigenschaften sind viele schon überfordert. Meist beschränken sich die Eigenschaften auf die äußerliche Erscheinung. „Hübsch, schlank, blond, grüne Augen.“ Zemella sagt: „Was behinderten Menschen fehlt, ist ein Wissen um innere Werte. Deshalb bleiben sie beim Aussehen hängen.“

Bei Hella aber stand: „Intelligent“. Das sei ihr umso wichtiger, seit sie „asexuell“ geworden sei, durch die Tabletten gegen Epilepsie. „Ich hab kein Verlangen mehr, wenn du verstehst, was ich meine.“ Früher war sie nicht so wählerisch. Da hat sie sich die Typen auch schon mal von der Straße geholt und Sex auf dem nächsten Klo gehabt. „Eigentlich gehören die dafür bestraft.“ Sex mit Behinderten sei schließlich verboten. „Aber die Zeiten sind vorbei“, sagt Hella. „Und stolz bin ich darauf auch nicht.“

Vermittelt Partner: Bernd Zemella

Vermittelt Partner: Bernd Zemella

In Dänemark haben Behinderte das Recht auf Sexualität. Im Bedarfsfall wird sie sogar bezahlt, wenn der Behinderte die körperliche Liebe nicht selbst ausführen kann. Dann kommen Frauen und massieren. Sexualassistenz. In Deutschland war das lange kein Thema, sogar verboten. Behinderte haben das Recht auf Liebe. Sie können sich einen Partner suchen. Wenn sie mobil genug sind, dürfen sie ihn besuchen. Wenn nicht, müssen sie warten, bis ein Betreuer sie dorthin bringt. Dem Betreuer ist es verboten, dabei zu assistieren, dass sich die beiden auch körperlich lieben. Alles, was er tun kann: eine gemeinsame Nacht zu arrangieren. Eigentlich darf er nicht einmal das.

„Männer wollen immer nur das eine.“

In den Vereinigten Staaten, in Holland und in Österreich werden Prostituierte für die Arbeit mit Behinderten ausgebildet. Sie heißen „Berührer“. Ihre Aufgabe ist die seelische und emotionale Zuwendung samt sexuellen Handlungen. Kein Geschlechtsverkehr, kein Oralverkehr. Nur Hilfe bei jenen Dingen, die normalen Menschen so normal sind. Hautkontakt, Berührungen von anderen. Und sich selbst.

Hella würde das reichen. Einfach mal jemanden haben, nicht alles allein machen, ein bisschen Zuwendung, sagt sie. „Männer wollen immer nur das eine. Das will ich nicht mehr.“ Kein Sex also. Einen Partner im Geiste. Seit einem halben Jahr wohnt Hella allein. Das hat sie durchgesetzt. Immer wieder, immer noch kämpft sie um Rente und Entschädigung. „Ich hab schon vier Rechtsanwälte verschlissen.“ So ist Hella. Zäh und stur. Die Jahre im betreuten Wohnen waren die schlimmsten ihres Lebens. Sie habe sich das Bad und die anderen Räume mit Männern teilen müssen. Männer, die behindert waren. „Und blöd.“

Hellas Wohnung hat zwei Zimmer, eine Küchenzeile im Wohnzimmer. Mit einem Mann könnte sie es sich da nicht vorstellen. „Das wäre mir zu eng.“ So ist Hella auch. Braucht viel Raum um sich. Neuerdings wünscht sie sich ein Kind. Mit 44? Klar kenne sie das Risiko, sagt sie. Tabletten müsste sie absetzen, neun Monate im Krankenhaus bleiben, Kaiserschnitt, vielleicht hat das Kind ein Down-Syndrom. „Da würde mich dann nur stören, dass die dummen Leute wieder sagen, das Kind ist behindert, weil die Mutter behindert ist.“ Hella hat sich alles gut überlegt, auch von wo sie Hilfe in Anspruch nehmen kann. Nur der Mann fehlt noch. Carsten soll es nicht sein. „Der Letzte, den ich hatte, der hat die ,Zeit‘ und den ,Spiegel‘ gelesen. So einen will ich.“

Schwierige Kunden

In Zemellas Schatzkiste hängt ein Poster, darauf kniet ein großwüchsiger Mann im Anzug vor einer kleinwüchsigen Frau im Brautkleid. Beide haben das Down-Syndrom. Im wirklichen Leben, sagt Zemella, ist die Ehe unter Behinderten selten. Die Eltern sind davor. Die Umstände erlauben es nicht. Drei Ehen hat Zemella bislang vermitteln können, zehn Verlobungen hat es gegeben. Wenn einer sagt, er sei in festen Händen, dann ist er raus aus Zemellas Datei. Bis er wieder kommt. Zemellas Kunden sind schwierig. „Die Ansprüche sind hoch und die Einsicht in die eigene Behinderung gering. Am liebsten hätten alle einen Partner, der nicht behindert ist. Und natürlich soll der andere gut aussehen, schlank sein, jung sein, keine Probleme machen. Mancher hofft, sich mit einer Partnerschaft vom Status der Behinderung befreien zu können. Nach dem Motto: Wenn ich einen Partner habe, ist das doch der Beweis, dass ich gesund bin.“

Als Zemella die „Schatzkiste“ gründete, war die Einrichtung einzigartig. Inzwischen gibt es „Schatzkisten“ in 20 weiteren deutschen Städten. Und doch, manche Eltern rufen auch an und verlangen, die Tochter aus der Kartei zu nehmen.

Liebe auf den ersten Blick

Eine erfolgreiche Vermittlung: Gisela und Jens, ein Paar seit über sechs Monaten. Beide schon über 60. Beide haben Partner gehabt, die gestorben sind. „Es war Liebe auf den ersten Blick“, sagt Gisela. Giselas Betreuer und Jens’ Betreuer kennen sich inzwischen ebenfalls. Auch Jens’ und Giselas Geschwister haben nichts gegen die neue Liebe. Jedes Wochenende besucht Jens Gisela. Oder Gisela Jens. Mühsam ist das, weil ihre Wohneinrichtungen so weit auseinander liegen. Ein langer Weg mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Über die Zukunft reden sie nicht. Sie wissen nicht einmal, ob sie eine haben. „Die eingeschränkte Mobilität ist ein großes Problem für diese Beziehungen“, sagt Zemella. „Und die Unfähigkeit, sich in die Wünsche des anderen einzufühlen.“ Gisela sagt, dass sie Jens gerne öfter sähe. Jens sagt, er habe immer so viel zu tun.

Hella sagt, sie habe nie Probleme gehabt, einen Mann kennenzulernen. „Nicht die Anzahl ist das Problem, sondern was für Typen das sind.“ Es sei schon erstaunlich, wie viele Männer es toll fänden. Mit einer Behinderten. Heute lernt sie ihre Freunde in der Kirche kennen. „Aber das sind eben nur Freunde, keine mit Sex.“ Hella denkt manchmal, sie kann so ein Kind auch alleine bekommen. Aber dann denkt sie wieder: lieber nicht. „Ich brauch’ viel Ruhe. Ich muss das Kind auch mal abgeben können.“

Carsten steht noch immer in der Küche. Er hat jemanden gefunden, der seiner leisen Erzählung über sein Koma zuhört. Wenn Carsten davon redet, glaubt man, er sei gestern wieder erwacht. Dabei ist Carsten schon vor 15 Jahren erwacht. Für Zemella ist Carsten ein schwieriger Fall. Für Carsten ist Carsten ein leichter Fall. Wenn er am Ende seiner monotonen Erzählung angekommen ist, wenn seine Stimme und sein Blick lange schon zu Boden gegangen sind, sagt Carsten gerne, er sei ein lebenslustiger Mensch. Jung und fit.

Horst und die schönste aller Frauen

Fern der Schatzkiste, fern jeder Partnerschaftsvermittlungsagentur für behinderte Menschen lebt Horst. 33 Jahre. Wahrscheinlich zu wenig Sauerstoff bei der Geburt. Niedriger IQ. Freundliches Gemüt. Immer höflich. Immer strahlend. In seinem winzigen Dorf im Schleswig-Holsteinischen gibt es nicht viele Frauen. Frauen, die für Horst in Frage kommen, noch weniger. Die behinderten Frauen will er nicht. Will gar keine Frau. „Wie soll man das denn machen. So mit der Wohnung und so. Und die will ja auch Geschenke. Und so. Oder die ist zickig.“

Horst spricht alles dreimal. Wie in einer Arie. Mal wieder in ganzen, mal nur in halben Sätzen. Sein Gehirn ist ein festes Behältnis für jedes Detail. Jedes unwichtige Detail. Die großen Dinge gehen an Horst vorbei. Auf seinem dreirädrigen Fahrrad umkreist Horst die Frauen des Dorfes, die er schön findet, jeden Tag wieder. Im Dorf sagen die Frauen, der Horst ist nett, aber wenn man zu ihm wieder nett ist, dann wird man ihn nicht wieder los. Wenn sie mit ihm reden, dann wie mit einem Kind. Und Horst lächelt dazu und kreist weiter mit seinem Fahrrad, geschmückt mit den Wimpeln des VfB Lübeck. Sein Fahrrad, von dem er weiß, an welchem Tag er es kaufte, wer dabei war, was es kostete, was der Verkäufer sagte, wann er zum ersten Mal damit fuhr.

„Ist ja nichts dabei“

Horst kann man nicht fragen, was er von der Liebe hält. Und wie er sie sich vorstellt. Horst würde den Kopf wiegen und lächeln. Und dann erzählen von Herrn Hübner, seinem Betreuer, und dessen Frau, wie viele Räume das Haus hat, wann Herr Hübner zur Arbeit geht und wann seine Frau geht und wie sie das mit dem einen Auto machen. Vielleicht noch, was für ein Auto das ist und wie viele PS es hat.

Manchmal wird Horst massiert. Den Tag über arbeitet er in der Gärtnerei seiner Einrichtung, das geht auf den Rücken. Massiert zu werden ist eine seltene Sinneserfahrung. „Ist ja nichts dabei“, sagt Horst in vorauseilender Verharmlosung. Die schönste aller Frauen für Horst ist Andrea Berg, die Schlagersängerin. An seinem Schrank in seinem Zimmer hat er ein Poster von ihr, aufreizende Pose, Stiefel, Lederjacke, Wallemähne. Die Musik: eigentlich unerträglich. Bis man Horst sieht, wie er sich leise wiegt, versonnen, verträumt.

Bergs CDs sind in seinem Zimmer aufgestellt wie Altäre. Eine Pinnwand, riesig, fast die halbe Zimmerwand in ihrer Länge einnehmend, hat sich Horst selber konstruiert. Darauf nur Andrea Berg: Hochzeitsbilder, Illustriertenausschnitte. Wie ihr Mann heißt, weiß Horst. Dass es der zweite ist, der erste ihr das Herz gebrochen hat. Einmal haben ihm die anderen aus der Wohngruppe ein T-Shirt geschenkt, auf dem die Sängerin in aufreizender Pose gedruckt ist. Das hängt nun bei Horst im penibel aufgeräumten Zimmer, und manchmal trägt er es auch. Das Rasseweib auf seiner schmalen Männerbrust. Eine unerreichbare Liebe. Die einzige, die er zulassen kann.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp, Jesco Denzel / F.A.Z.

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