Deutsche Elite

Von wegen Vorbild

Von Alexander Marguier

27. Februar 2008 Eine junge Frau, Tochter aus sozialdemokratischem Lehrerhaushalt, bewirbt sich kurz vor dem Ende ihres Studiums bei McKinsey. Einfach mal so, ohne große Ambitionen. Das Auswahlverfahren der Unternehmensberatung gilt zwar als extrem hart, aber die Mittzwanzigerin übersteht die erste Runde und wird zum Assessment-Center nach Griechenland eingeladen. Dort darf sie in einem Luxushotel schon mal ein bisschen McKinsey-Luft schnuppern und lernt Leute kennen, die vielleicht schon bald ihre Kollegen sein könnten. Mario zum Beispiel, einen charmanten Berater, der mit dreißig Jahren bereits ungezählte Leute entlassen, überbordende Kosten gesenkt und damit unter anderem eine marode Fluggesellschaft saniert hat. Dieser Mario ist dermaßen von der Gewissheit durchdrungen, „Elite“ zu sein, dass ihm die wachsende Skepsis der Bewerberin überhaupt nicht auffällt. Die merkt nämlich bald, wie unbehaglich sie sich in der Welt der alerten, selbstverliebten consultants fühlt - und verzichtet freiwillig. Stattdessen beschließt die junge Frau, ein Buch über Eliten zu schreiben.

So weit, so rührend. Die junge Frau heißt Julia Friedrichs, ihr Buch ist vor wenigen Tagen bei Hoffmann und Campe erschienen (“Gestatten: Elite - Auf den Spuren der Mächtigen von morgen“), am Dienstagabend wurde es in Berlin im Rahmen einer Podiumsdiskussion der Öffentlichkeit präsentiert. Gut möglich, dass Verlagsleiter Günter Berg anstatt des kokett-schäbigen Kreuzberger Versammlungssaals einen etwas repräsentativeren Ort dafür gewählt hätte, wäre ihm die Tragweite des Themas schon vor ein paar Wochen bewusst gewesen. Aber damals konnte ja noch keiner ahnen, was für eine hektische Elite-Diskussion es auslösen würde, als an einem Donnerstagmorgen im Februar die Steuerfahndung an der Villa eines gewissen Dr. Zumwinkel in Köln-Marienburg klingelte. Jedenfalls berichtete diese Woche sogar das ZDF im „heute-journal“ von der Podiumsveranstaltung in einem Berliner Hinterhof.

Zu einig in der Eliten-Skepsis

Vielleicht hätte der Abend in anderer Besetzung ganz interessant werden können, aber für eine muntere Debatte waren sich die Leute oben auf dem Podium - neben der Autorin selbst saßen dort der Eliten-Forscher und Sozialist Michael Hartmann sowie der sozialdemokratische Bundestagsabgeordnete Johannes Kahrs - einfach zu einig in ihrer grundsätzlichen Eliten-Skepsis. So kam die vermeintliche Elite also nicht etwa in Form eines leibhaftigen McKinsey-Beraters zu Wort, sondern nur in einem Filmausschnitt mit einer leicht hysterisch wirkenden Mutter, deren kleiner Sohn in einem „Elite-Kindergarten“ lernen soll, wie man Spielzeugmonster für Gleichaltrige vermarktet. Ganz falsch wird der Soziologieprofessor Michael Hartmann nicht gelegen haben mit seiner Einschätzung, Bildungseinrichtungen dieser Art seien weniger eine Frage von Eliten als vielmehr ein simples Geschäftsmodell, mit dem sich verunsicherten Mittelschichtseltern viel Geld aus der Tasche leiern lässt.

Wer oder was ist dann aber überhaupt die „Elite“? Und was soll sie dürfen, wenn es sie denn gibt? „Elite ohne Moral“ titelt der aktuelle „Stern“ und zeigt den zurückgetretenen Post-Chef mit diabolischem Grinsen und ein paar Hundert-Euro-Scheinen in der Faust. „Wenn die Elite das Volk verrät“ hieß das Thema am Mittwochabend in der Talkshow „Hart, aber fair“ - bloß spulten SPD-Generalsekretär Hubertus Heil und Guido Westerwelle von der FDP bei dieser Gelegenheit doch nur wieder ihre Wahlprogramme herunter, während Ulrich Wickert den Werte-Onkel ohne Fehl und Tadel gab. Der Elite-Begriff jedoch bleibt auch weiterhin diffus - und gleichzeitig so brisant, dass vor allem Politiker die bürokratisch klingende, neutralere Worthülse „Leistungsträger“ bevorzugen. Ein gesellschaftlicher Konsens scheint allenfalls insofern zu bestehen, als diese als „Leistungsträger“ apostrophierten Wirtschaftsführer keine Steuern hinterziehen sollen und dass es schöner wäre, ihre Stiftungen verfolgten in Deutschland einen wohltätigen Zweck, anstatt in Liechtenstein als Schwarzgeld-Bunker zu dienen. Aber was wäre das wohl für eine Elite, die nicht von selbst weiß, was sich gehört?

Anspruch und Wirklichkeit liegen weit auseinander

Man könnte der Autorin Julia Friedrichs vorwerfen, ihrem Buch mangele es an wissenschaftlicher Systematik. Doch genau darin besteht der Reiz von „Gestatten: Elite“. Da klappert also die verhinderte McKinsey-Beraterin und heutige Journalistin etliche Schulen, Universitäten und andere Institutionen ab, an denen angeblich eine künftige Elite ausgebildet wird. Und muss feststellen: Anspruch und Wirklichkeit liegen mitunter ganz schön weit auseinander. Die „European Business School“ in Oestrich-Winkel erweist sich bei näherem Hinschauen als eine Kaderschmiede, in der das Portemonnaie der Eltern zur Not eben doch mehr zählt als die Begabung der Studenten. Das renommierte Internat Schloss Salem gleicht der Beschreibung Friedrichs zufolge eher einer Verwahranstalt für verwöhnte Wohlstandskinder. Und ein Student an der Bayerischen Elite-Akademie (“Wir heißen Elite-Akademie, weil wir zur Leistungs- und Verantwortungsbereitschaft auf hohem Niveau führen wollen“) antwortet auf die Frage, ob er als Manager bei der Deutschen Bank notfalls auch sechstausend Mitarbeiter entlassen würde, treuherzig: Ja, „aber wir haben gelernt, es besser zu kommunizieren“.

Vielleicht ist „Elite“ wirklich nur eine Frage der richtigen Kommunikation. Immerhin ist es auch Josef Ackermann von der Deutschen Bank mit nicht unerheblichem PR-Aufwand und einer großangelegten Charme-Offensive gelungen, sein Image als abgehobener Manager gegen das eines honorigen Bankers einzutauschen. Natürlich wirkt das verheerende Bild vom Victory-Zeichen beim Mannesmann-Prozess weiterhin nach, aber mittlerweile würde Ackermanns Zugehörigkeit zur Wirtschaftselite wohl nur noch von hartgesottenen Linken in Abrede gestellt. Dass Vorstandsvorsitzende großer Unternehmen nach dem Zumwinkel-Skandal „nicht mehr automatisch als Vorbilder gelten“, wie es unlängst in einer Wochenzeitung zu lesen war, ist ein bizarrer Gedanke - als wären sie es vorher gewesen. Die meisten Leute sind wohl schon zufrieden, wenn die Bosse ihre Arbeit einigermaßen gut erledigen und nicht durch unbedachte Gesten, unüberlegte Äußerungen oder gar durch kriminelle Handlungen den sozialen Frieden in diesem Land gefährden. Dann sollen sie sich ruhig auch als Elite fühlen dürfen.

Die Elite der Gegenwart

Von Wilhelm Röpke, einem der Väter der Sozialen Marktwirtschaft, stammt folgender Satz: „Eine wahre Elite würde eine Stellung über den Klassen, Interessen, Leidenschaften, Bosheiten und Torheiten der Menschen einnehmen. Sie würde sich auszeichnen durch ein exemplarisches und langsam reifendes Leben der entsagungsvollen Leistung für das Ganze, der unantastbaren Integrität und der ständigen Bändigung unseres gemeinen Appetits, durch bewährte Reife des Urteils, durch ein fleckenloses Privatleben, durch unerschütterlichen Mut im Eintreten für das Wahre und Rechte.“ Wie gesagt, Röpke war kein mittelalterlicher Moralist, sondern Ökonom des 20. Jahrhunderts. Dass er mit seinem Diktum die Latte ganz schön hoch gelegt hat, steht wohl außer Frage, aber es zeigt eben auch: So lange ist es noch gar nicht her, dass sich die eine oder andere Geistesgröße hierzulande mit Binsenweisheiten wie „Die Elite muss ihrer Verantwortung gerecht werden“ nicht zufriedengab.

Selbst ein konservativer Historiker wie Paul Nolte, der in seinen Publikationen mit elitärem Gedankengut gewiss nicht sparsam umgeht, tut sich schwer mit einer zeitgemäßen Definition. Wer zur Elite gehören wolle, der müsse der Gesellschaft auch etwas zurückgeben, sagt er - und bleibt im Ungefähren. Es fallen noch Begriffe wie „Führungsfähigkeit“, „Leistungsbewusstsein“, „vorbildliche Lebensführung“ sowie die Einsicht, dass man sich als Angehöriger der Elite nicht aus der praktischen Lebenswelt verabschieden dürfe. Aber eine schlüssige und klare Vorstellung davon, wer die Eliten der Gegenwart sind, was sie können müssen und was die Gesellschaft von ihnen erwarten sollte, scheint auch Nolte nicht zu haben. Dabei war er schon Professor an der „International University Bremen“, einer privaten „Elite“-Uni, und unterrichtet heute an der Berliner FU, qua „Exzellenzinitiative“ ebenfalls eine Elite-Einrichtung. Und wer Paul Nolte auf dessen Studienjahre in Harvard anspricht, die Königin aller Elite-Hochschulen, bekommt gesagt, dass dort im Gegensatz zu vielen deutschen Unis eine Kultur des Optimismus und des gesunden Ehrgeizes herrsche.

Macht und Geld

Es mag ja sogar sein, dass in Deutschland grundsätzlich der Pessimismus meist stärker ist als die Zuversicht und dass Ehrgeiz hierzulande gern als Strebertum verunglimpft wird. Aber wäre es nicht trotzdem ganz nett, wenn das von oben herab gern als „Neidgesellschaft“ diffamierte Fußvolk einmal aus dem Munde der sogenannten (beziehungsweise selbsternannten) Elite erführe, mit welchem Recht sie sich überhaupt in dieser Position sieht? Wenn etwa Hans Tietmeyer, ehemaliger Bundesbankpräsident und amtierender Präsident der „European Business School“ gewissermaßen pro domo verlangt, „wir müssen endlich den Begriff der Elite als Leistungselite verstehen und ihn so enttabuisieren“, wüsste man schon gern, ob sich aus dieser Enttabuisierung außer Rechten und Privilegien womöglich auch die eine oder andere Verpflichtung ableiten ließe. Und wenn ja, welche.

Als Julia Friedrichs am Dienstagabend während der Podiumsveranstaltung sagen sollte, welches denn nun ihr Wunschbild von „Elite“ sei, lautete ihre Antwort sinngemäß: Solange in Deutschland ohnehin jeder den Begriff so gebrauche, wie es ihm gerade in den Kram passen, sei es auch sinnlos, sich darüber Gedanken zu machen. Das kann man gut verstehen, und es stimmt nicht gerade zuversichtlich, dass jemand, der sich wie die Autorin mit großer Verve und viel Idealismus auf die Suche nach „Elite“ begeben hat, letztlich mit leeren Händen zurückgekehrt ist. Den zwei Plätze neben ihr sitzenden Eliten-Forscher Michael Hartmann dürfte das allerdings weniger verwundert haben: Einem Zuschauer, der von ihm wissen wollte, ob beispielsweise auch Umweltschützer oder Widerstandskämpfer zur Elite zu rechnen seien, wurde aus wissenschaftlicher Sicht beschieden: Im Wesentlichen zeichneten Eliten sich nur durch zwei Dinge aus, nämlich durch Macht und durch Geld; moralische Ansprüche seien folglich fehl am Platze.

In Deutschland sollten wir diese Lektion mittlerweile gelernt haben.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 24.02.2008, Nr. 8 / Seite 55
Bildmaterial: Daniel Pilar

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