Von Dieter Hoß
30. April 2007 Isabela, Isabela - gelobtes Land! Fast 90 Jahre schon trottet das wohl einsamste Lebewesen der Welt durch das wohl einsamste aller Leben. Denn Lonesome George, der einsame Georg, ist der Letzte seiner Art, die da Geochelone nigra abingdoni genannt wird. Für die männliche Riesenschildkröte gibt es keine Hoffnung auf Gesellschaft, geschweige denn auf Erlösung. Denn es gibt natürlich auch kein Weibchen, das sein Leben und auch das, was sich Riesenschildkröten unter einem Bett vorstellen, mit ihm teilen könnte. Bis jetzt.
Denn nun heißt es: Isabela, Isabela - gelobtes Land! Dort, auf der kleinen Galápagos-Insel, fand sich dank der unermüdlichen Suche kanadischer Wissenschaftler eine Schildkröten-Dame, deren Genom wenigstens zur Hälfte dem der Art Georges entspricht. Man spürt es förmlich, das Herzklopfen, das zumindest schon einmal die menschlichen Forscher antreibt. Eine Partnerin für den Einsamsten der Einsamen - ein schier unglaubliches Happyend, the greatest story ever told.
Zu früh für ein Heureka!
Doch, ach, eines muss man zugeben, ehe man allzu früh Heureka! ausruft: Lonesome George ist ebenso wählerisch wie einsam. Schon seit Jahren lebt er in der Charles Darwin Research Station auf Galápagos nämlich mit zwei Schönheiten aus dem gelobten Land zusammen, ohne die beiden Isabelas ein einziges Mal angerührt zu haben. Selbst das Lebensmotto aller einsamen Wölfe, ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss, schert ihn einen feuchten Kehricht. Aber das könnte auch daran liegen, dass Menschen nun mal keine Ahnung davon haben, dass sich Geochelone nigra abingdoni, also Schildkröten der George-Art, und Geochelone nigra becki, also die Art der missachteten George-Gespielinnen, sowieso nicht riechen können. Vielleicht wusste George auch einfach nichts mit den Damen anzufangen. Wer sollte ihn aufgeklärt, wer in den Geheimnissen der Liebe unterwiesen haben?
Dennoch: Alle Hoffnung des einsamen Schildkröterich ruht auf Isabela. Dass sich auf dem Eiland ein weiblicher Schildkröten-Hybrid von halber Art Georges fand, ist schon Sensation genug. Und Antrieb! Nein, nicht für den behäbigen George, der sich mit seinem einsamen Dasein schon abgefunden zu haben scheint, sondern für die kanadischen Helfer, die nun alle rund 2000 isabelarischen Riesenschildkröten untersuchen wollen, um vielleicht doch noch die Eine zu finden, die George erlösen könnte. Dieses Ziel scheint uns erreichbar, sagt Schildkröten-Forscher Michael Russello vollkommen unromantisch. Dabei sollte doch auch er wissen, dass man Liebe nicht zwingen kann.
Passt ein Pintaner nach Isabela?
Andererseits findet die Liebe bekanntlich einen Weg. Und wenn die natürliche Anziehung zweier vom gleichen Schlag in George und seiner Künftigen zwingt, dann wird für den Schildkrötenmann von der Insel Pinta das Nachbareiland zur Endstation Sehnsucht, dann wird es wahrhaft heißen: Isabela, Isabela - gelobtes Land, in dem ich doch die Eine fand! Und sie werden dort gemeinsam ihr Schildkrötenleben leben bis ans hoffentlich ferne Ende ihrer Tage. Ein bisschen, lieber Lonesome, ein bisschen musst Du aber auch selber wollen.
Knut - es kann nicht nur einen geben! Auch andere Tiermütter haben knuddelige Babys. Ebenso verdient Menschliches abseits der großen Geschehnisse manchmal unsere Aufmerksamkeit. Nicht nur Ereignisse wie ein Besuch im Berliner Zoo können ans Herz gehen. FAZ.NET wird daher in loser Folge so lange den Knut des Tages ausrufen, bis der kleine Eisbär erwachsen geworden ist. Dann - und nur dann - könnte er sogar selbst zum Knut des Tages werden.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: dpa, FAZ.NET