„Geld oder Leben“

Schräge Welt

Von Alexander Marguier

“Geld oder Leben“: Claas, Elena, Holger und Johannes

"Geld oder Leben": Claas, Elena, Holger und Johannes

14. Mai 2007 Das sind sie also. Nicht alle, aber ein paar von ihnen: vier von 13. Oder waren es 15? Vielleicht sogar zwanzig? Johannes, Holger, Claas und Elena nennen keine genaue Zahl - Betriebsgeheimnis. Sie selbst jedenfalls waren dabei am 27. April.

„Nach Protesten während einer Bundestagsdebatte sind am Freitag mehrere Demonstranten im Reichstag festgenommen worden. Vom Dach des Berliner Parlaments aus entrollten sie ein Transparent mit der Aufschrift ,Der deutschen Wirtschaft' - in Anspielung auf die Widmung über dem Hauptportal ,Dem deutschen Volke'. Andere entrollten zudem im Plenum auf der Zuschauertribüne ein Transparent mit der Aufschrift ,Die Wünsche der Wirtschaft sind unantastbar' und warfen Flugblätter. [In Wahrheit handelte es sich um Spielgeld.] Zwei der Demonstranten kletterten über die Brüstung und sprangen aus zwei bis drei Metern Höhe in den Saal hinab [tatsächlich hangelten sie sich runter und ließen sich nur einen Meter tief fallen], wo sie von Saaldienern abgeführt wurden.“ So vermeldeten es tags darauf die Nachrichtenagenturen; am Abend zuvor waren die Bilder in „Tagesschau“ und „Tagesthemen“ zu sehen gewesen.

Halb komische, halb ernsthafte Protestkundgebung

Johannes und Claas auf dem Sprung ins Parlament

Johannes und Claas auf dem Sprung ins Parlament

Johannes und Claas sind die beiden Jungs, die in den Plenarsaal gesprungen sind. Welche Rolle Elena und Holger bei der Aktion gespielt haben, ist nicht ganz sicher - sie selbst wollen auch dazu nichts sagen. Es ist eher unwahrscheinlich, dass überhaupt je geklärt wird, wie die Aktion genau gelaufen ist. Aber die Behörden ermitteln; bei der Bundestagsverwaltung rechnet man mit einer Anklage wegen Hausfriedensbruchs. Von 13 Personen „im Alter zwischen zwanzig und dreißig Jahren“ seien nach dieser halb komischen, halb ernsthaften Protestkundgebung die Personalien festgestellt worden, heißt es dort.

Ob noch mehr Leute zu dem Kreis namens „Geld oder Leben“ gehörten, der sich offiziell als „Studentengruppe“ für die Zuschauertribüne im Reichstag angemeldet hatte, um einer Debatte über Kinderkrippen zu lauschen, ist unklar. Unklar ist vor allem auch, wie die Bergsteigerausrüstung ins Hohe Haus geschmuggelt wurde, mit der sich zwei „Geld oder Leben“-Mitglieder von der Aussichtsplattform abseilten, um das Banner „Der deutschen Wirtschaft“ an der Außenfassade des Reichstags anzubringen.

Wer schmuggelte Karabinerhaken und Sturzhelme?

“Der deutschen Wirtschaft“: Neues Motto für den Reichstag

"Der deutschen Wirtschaft": Neues Motto für den Reichstag

Weil Seile, Karabinerhaken und Sturzhelme unmöglich durch die Sicherheitsschleuse für Reichstags-Besucher hätten gebracht werden können, glaubt man im Büro der Bundestagsvizepräsidentin Susanne Kastner (SPD), dass es mindestens einen internen Helfer gegeben haben muss, der mit einem Hausausweis die Kontrollen umgehen konnte. Aber da kommen viele in Frage: Lobbyisten, Journalisten, Verwaltungsangestellte oder auch Abgeordnete selbst.

Johannes, Holger, Claas und Elena werden es nicht verraten. Sie wollen lieber über Inhalte sprechen; darüber, was sie dazu gebracht hat, „dem Ansehen des Parlaments Schaden zuzufügen“, wie ihnen nach der Aktion vorgeworfen wurde. „Inhalte“: Dieses Wort fällt ziemlich oft während unseres anderthalbstündigen Gesprächs in der kleinen Moabiter Hinterhauswohnung von Holger und Johannes.

Der Charme einer unaufgeräumten Studenten-WG

Weiße Ikea-Regale mit ganzen Jahrgängen von „Geo“ und „National Geographic“, obendrauf liegen ein paar Stofftiere, an den Wänden hängen Fotos von Johannes' letzter China-Reise, im Flur ist eine Wäscheleine gespannt - es herrscht der Charme einer unaufgeräumten Studenten-WG. Auf dem Balkon hätten sie aber unlängst Blumen gepflanzt, sagen die beiden Bewohner, als ob sie sich vor ihrem Gast rechtfertigen müssten.

Holger ist 22 Jahre alt und studiert in Berlin Sozialwissenschaften. Wenn er nicht gerade den Reichstag stürmt oder über Politik diskutiert, spielt er gerne Gitarre. Mit seinen schulterlangen Haaren und den feinen Gesichtszügen wäre er in jeder Band der Schwarm aller Mädchen. Heute trägt er Ringelpulli und an den Füßen Socken in unterschiedlichen Farben. Er sagt: „Es ist doch schräg, dass sich an den Schulen heute alles nur um die richtigen Jeans oder um Markenturnschuhe dreht.“ Sein Mitbewohner Johannes ist auch 22 und studiert Physik - wie Claas (22) und Elena (21). Er hat dunkle, wache Augen, ein paar Bartstoppeln stehen ihm im Gesicht, und wenn er redet, findet er immer gleich die richtigen Worte.

Warum dürfen Schüler nicht ihre Lehrer bewerten?

Aber gut formulieren können die anderen drei auch. Vielleicht mal „schräg“ statt „verrückt“ - das war es dann auch schon mit dem Jugend-Jargon. Ansonsten fallen Begriffe wie „solidarisch“, „Diskurs“, „Ökonomisierung“ oder „institutionalisiert“. Trotzdem ist Johannes sich nicht zu cool dafür, um zu erzählen, dass er als Kind Tierbücher geliebt und später über sein Engagement im Umweltschutz zum Interesse für Politik gefunden hat. Er ist F.A.Z.-Abonnent und sagt: „Ich möchte erreichen, dass die Menschen sich mehr mit dem System auseinandersetzen, in dem sie leben.“

Elena, die etwas schüchtern wirkende Kreuzbergerin mit den roten Haaren, erzählt, dass sie sich bereits in der achten Klasse gefragt habe, warum Lehrer zwar ihre Schüler bewerten dürften, aber nicht umgekehrt. Und Claas hat schon als Klassensprecher immer versucht, „etwas auf die Beine zu stellen“. Darum ging es ja auch bei der Reichstags-Aktion: einmal etwas auf die Beine zu stellen, seine Meinung zu sagen, ein Zeichen zu setzen.

„Reden, anstatt abends vorm Fernseher zu sitzen“

Aber welche Meinung? Ein Zeichen wofür oder wogegen? „Dass sich nicht immer alles nur am Geld orientieren darf“, sagt Claas. „Dass die Menschen wieder mehr miteinander reden, anstatt abends bloß vor dem Fernseher zu sitzen“, sagt Holger. „Dass die Leute stärker in den politischen Prozess eingebunden werden“, sagt Elena. „Dass man seinen Lebenslauf nicht bloß an den Anforderungen der Wirtschaft ausrichten soll“, sagt Johannes. Ein geschlossenes Weltbild tut sich da mit Sicherheit nicht auf, aber eben auch keine stumpfe Ideologie.

Und es wäre alles andere als klug, das Unbehagen dieser vier Zwanzigjährigen an den bestehenden Verhältnissen einfach nur beiseitezuwischen oder ihr Plädoyer für mehr direkte Demokratie als naiven Kinderglauben abzutun. Denn die von Mal zu Mal bizarrer erscheinenden Sicherheitsvorkehrungen bei internationalen Konferenzen wie dem bevorstehenden G8-Gipfel in Heiligendamm zeigen deutlich: Da wächst eine Generation heran, die sich politisches Engagement sehr wohl auch außerhalb der „Jungen Union“, der „Jusos“ oder sogar von „Attac“ vorstellen kann.

„Wir haben politische Verantwortung übernommen!“

Elena erzählt, dass sie früher mal bei den Grünen war. Lange hat sie es dort nicht ausgehalten: „Die haben eigentlich immer nur über sich selbst debattiert.“ Johannes und Holger wollen sich parteipolitisch ohnehin nicht binden, denn das seien auch nur „Institutionen des bestehenden Systems“. Ihr eigener Zusammenschluss „Geld oder Leben“ sei schon aus diesem Grund keine feste Organisation, sondern eher ein Debattierklub ähnlich gesinnter Jugendlicher aus ganz Deutschland. Gewalt lehnen sie alle kategorisch ab. Aber wie ein Staat wie die Bundesrepublik überhaupt aufgebaut sein sollte, um der Sehnsucht dieser vier durchaus intelligenten jungen Leute nach mehr Nestwärme und Menschlichkeit zu entsprechen, bleibt letztlich ein großes Rätsel.

Wie soll es jetzt also weitergehen, nachdem die Nummer im Reichstag den Beteiligten tatsächlich jene berühmte Viertelstunde der ungeteilten Aufmerksamkeit eingebracht hat? Man kann ja nicht immer wieder mit Spielgeld auf Abgeordnete werfen oder an spektakulären Orten mit Spruchbändern hantieren. Wie wäre es damit, politische Verantwortung zu übernehmen? Johannes: „Mit dieser Aktion haben wir ja politische Verantwortung übernommen!“ Das soll es schon gewesen sein? Holger: „Es war zumindest ein Zeichen, jetzt wollen wir den Diskurs fortsetzen und eine Bewegung schaffen.“ Was für eine Bewegung? Elena: „Das ist im Moment noch nicht ganz klar.“

„Mit denen haben wir früher Straßentheater gemacht“

Ein bisschen erinnert das Ganze an den Film „Die fetten Jahre sind vorbei“, der vor anderthalb Jahren in den Kinos lief und angeblich das Lebensgefühl einer vom Konsumismus enttäuschten Jugend widerspiegelt. Die drei Hauptdarsteller brechen nachts in Villen ein und arrangieren die Einrichtung zu antikapitalistischen Installationen um: Stereoanlage in den Kühlschrank, Meissner Porzellan auf den Klodeckel, Möbelturm im Wohnzimmer ... Kann man so die Welt verändern? „Wenn wir mit unserer Aktion die Leute zum Nachdenken gebracht haben, ist das schon ein Erfolg“, sagt Johannes. Die anderen nicken. Außerdem habe der wackere altgrüne Bundestagsabgeordnete Hans-Christian Ströbele sie eingeladen, demnächst mit ihm zu diskutieren.

Es klingelt an der Tür, der Fotograf ist da, man stellt sich einander vor: „Ach, ihr seid die aus dem Reichstag? Das war ja 'ne lustige Nummer.“ Dann ziehen sich Johannes, Claas und Elena für die Aufnahme weiße Masken über und setzen sich auf das Sofa. Weil eine vierte fehlt, zieht Holger sich halt die Kapuze ins Gesicht und dreht sich von der Kamera weg, damit man ihn nicht erkennt. Woher die Masken stammen? „Mit denen haben wir früher Straßentheater gemacht.“

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 13.05.2007, Nr. 19 / Seite 60
Bildmaterial: AFP, F.A.Z. - Christian Thiel, REUTERS

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