Talsperre Leibis

Der letzte Gigant

Von Claus Peter Müller, Leibis

12. Mai 2006 Das Talsperrenbauwerk, das 102,5 Meter über dem Grund aufragt, ist imposant. Die Krone der Betonmauer mißt in der Breite 369 Meter. Dahinter stauen sich auf 3,6 Kilometer Länge bis zu 39,2 Millionen Kubikmeter Wasser. An der tiefsten Stelle sind es 91 Meter bis zum Grund, in dem einst die Lichte floß. Beim neuen Leibis, zwischen Rudolstadt und Neuhaus im Thüringer Wald, wird an diesem Freitag Deutschlands vermutlich letzter großer Talsperrenneubau zur Trinkwasserversorgung in Betrieb genommen: die Talsperre Leibis-Lichte. Das alte Leibis mit seinen etwa hundert Einwohnern, das 1465 zum ersten Mal urkundlich erwähnt wurde, mußte dem Projekt schon vor mehr als zehn Jahren weichen. Es entstand ein neues Dorf mit neuen Häusern.

Das Projekt stammt aus einer anderen Epoche. Erste Pläne, im Lichtetal Wasser zu stauen, sind beinahe hundert Jahre alt. In den siebziger Jahren, als man in Ost und West der Ingenieurkunst noch freien Lauf ließ, wandelten die Wasserbauer der DDR die Idee zum Projekt. Es über- und durchlebte den Zusammenbruch des Sozialismus, die weitgesteckten Zukunftserwartungen der Wende- und Nachwendezeit, aber auch die ersten Versuche der Gegenwart, sich nach Jahren des vermeintlich naturgegebenen Wachstums auf die schmerzhafte Umkehrung dieses Prozesses einzustellen. Von seinen östlichen Ländern her beginnt Deutschlands Einwohnerzahl zu fallen. Mit ihr sinkt der Wasserverbrauch. Für Jens Peters, einen Diplom-Ingenieur, der auf den Wasserbau spezialisiert ist, ist die Geschichte von Leibis die Geschichte eines vielfältigen Paradigmenwechsels, der sich während seines Berufslebens vollzog. 1970 begann Peters seine berufliche Karriere. Als Hauptgeschäftsführer der Thüringer Fernwasserversorgung in Erfurt und Präsident des Deutschen Talsperrenkomitees in Essen eröffnet er 36 Jahre später die Talsperre Leibis-Lichte.

Den Anlaß gab die Natur

Den Anlaß zum Talsperrenbau in Thüringen gab die Natur, denn im Osten Deutschlands regnet es wenig. Auf der Niederschlagskarte sieht Deutschland aus, als bestünde die Teilung fort. Da die feuchte Luft mit dem Wind vom Meer kommt, vom Nordwesten, Westen und Südwesten, regnen sich die Wolken an den nördlichen, westlichen und südlichen Hängen der Mittelgebirge aus. Östlich des Harzes, der Werra und der Rhön oder nördlich des Thüringer Waldes aber wird das Klima kontinental. In Deutschland fallen im Durchschnitt 800 Millimeter Niederschlag im Jahr, in Thüringen sind es gut 600 und im Thüringer Becken, wo der Boden Wasser speichern könnte, teils nur 400 Millimeter im Jahr. Der Grund unter dem niederschlagsreichen Thüringer Wald aber ist zu steinig, um Wasser zu speichern. Also begannen die Thüringer, das Wasser in Tälern zu sammeln. Die erste Talsperre des Landes bei Tambach in der Nähe von Gotha wurde am 7. Juli 1906 in Betrieb genommen.

Später, in der Mangelwirtschaft des Sozialismus, war auch gutes Wasser rar. Der sorglose Umgang der DDR-Bewohner mit Wasser und Energie, die beide für den Endkunden beinahe kostenfrei zu haben waren, gab keinen Anlaß zum Haushalten. In der DDR wurden je Tag und Einwohner 200 bis 300 Liter Wasser verbraucht. Aus Leckagen in den Rohrnetzen sickerte ein Drittel bis zur Hälfte des Lebens- und Produktionsmittels ins Erdreich. Die DDR förderte den Wassermangel noch, indem sie gegen ihren Energiemangel ankämpfte. Denn das Wasser aus dem Thüringer Wald sollte nicht nur die Bewohner der mitteldeutschen Industriegebiete versorgen. Die Braunkohleförderung im Tagebau um Leipzig erforderte das Senken des Grundwasserspiegels, während wenige Kilometer südlich im thüringisch-sächsischen Uranbergbaurevier um Gera eine wachsende Zahl an Bewohnern einem Mangel an Grundwasser ausgesetzt war. Das SBK Wasserbau, ein Spezialbaukombinat mit Erfahrung auch im Ausland, nahm sich der Sache an.

Im Jahr 1981 begann der Bau der Vorsperre Deesbach oberhalb von Leibis. Sie ist nach dem umliegenden Trinkwasserschutzgebiet eine weitere Barriere, um das Wasser in der eigentlichen Trinkwassersperre zu schützen. Die Vorsperre faßt 3,2 Millionen Kubikmeter Wasser. Der Lichtestollen und der Katzestollen wurden aufgefahren. Der Katzestollen, ein „Beileitungsstollen“, sollte das Einzugsgebiet der Talsperre Leibis nach Südwesten erweitern und zusätzliches Wasser heranführen, der Lichtestollen sollte das Wasser zur Aufbereitung nach Rudolstadt im Nordosten leiten.

„Wir Thüringer standen mit dem Schlamassel da“

Mit der Wende wurden Braunkohle- und Uranabbau eingestellt. Die Wasserversorger begannen, die Löcher in ihren Netzen zu stopfen. Heute sind die Netzverluste auf 15 bis 20 Prozent eingedämmt. Die Thüringer begannen, Wasser zu sparen, als sie spürten, daß es einen Preis hat. Der Wasserverbrauch sank ebenso rapide wie die Kinderzahl auf etwa ein Drittel des früheren Niveaus. Die sinkende Einwohnerzahl wiederum minderte den Gesamtverbrauch abermals. Die Industrie strukturierte sich um, optimierte ihre Herstellungsprozesse, und die Landwirtschaft begann mit den steigenden Energiekosten, die Beregnung der Felder einzustellen.

Als die Transformation von einer gelenkten hin zu einer freiheitlichen Gesellschaft begann, stiegen die Nachbarländer Sachsen und Sachsen-Anhalt aus dem Talsperrenprojekt aus. „Wir Thüringer standen mit dem angefangenen Schlamassel da“, sagt Peters. Das Projekt wurde angehalten, Überleitungen, wie der Katzestollen, aufgegeben, um das Einzugsgebiet entgegen früheren Planungen doch nicht zu vergrößern. Politisch herrschte Streit. Die CDU-FDP-Landesregierung und FDP-Umweltminister Hartmut Sieckmann standen zum Bau der Talsperre, die Grünen waren dagegen. Die PDS war im Landtag dagegen, doch zahlreiche ihrer Wähler und Mitglieder bekundeten Sympathie: Das DDR-Projekt sei fortzuführen. Die SPD lehnte Leibis zunächst ab, doch in der Koalition von CDU und SPD, die 1994 begann, fanden die neuen Partner mit Hilfe eines Gutachtergremiums einen Kompromiß: Die Talsperre sollte errichtet, die Staumauer aber wegen des sinkenden Wasserverbrauchs fünf Meter niedriger gebaut werden. Nicht mehr die Quantität zählte in der politischen Bewertung. Nach der Wende ging es vor allem um die Qualität des Wassers. Das Stauvolumen sank wegen der Topographie der Landschaft, der Enge des Tales, das sich erst weit oben öffnet, von 45 auf 39 Millionen Kubikmeter. In Peters' Augen war das eine wasserwirtschaftlich falsche Entscheidung. Aber die große Koalition habe die Chance eröffnet, letztlich doch eine Entscheidung für das Projekt zu treffen. Die Klage des Bundes für Umwelt und Naturschutz gegen den Planfeststellungsbeschluß wurde im Oktober 2001 endgültig abgewiesen. Neun Jahre nachdem der Antrag auf den Bau gestellt worden war, gab es uneingeschränktes Baurecht.

„Ist die Talsperre zu groß?“

Im Februar 2002 begannen die Betonarbeiten. Der Beton mußte vor allem schwer sein - die „Gewichtsstaumauer“ mußte verhindern, daß das anstehende Wasser sie weg- oder das aufstrebende sie hochdrückte. „Untergrundinjektionen“ aus Zement, die bis zu 60 Meter tief wie Nägel im Gestein stecken, gaben der Mauer zusätzlichen Halt. 620.000 Kubikmeter Beton waren zu verbauen. Vier verschiedene Betonsorten wurden gemischt. Während des Aushärtens wurde der Beton heiß. Damit es wegen zu großer Temperaturdifferenzen im Baumaterial nicht zu Spannungsrissen im Bauwerk kam, mischten die Bauleute Eis unter. Die eigens errichtete Kältetechnik - Europas größte Eismaschine - konnte bis zu 2900 Kilogramm Eis in der Stunde an der Baustelle gefrieren. 1400 Kubikmeter Beton wurden im Durchschnitt am Tag verbaut. Die Mauer besteht aus 1090 Blöcken, von denen ein jeder das Volumen eines Einfamilienhauses hat. In der Mauer sind drei Kontrollgänge eingebaut. Stets muß der Solwasserdruck gemessen werden, damit Wasser, das unter der Mauer durchsickert, den Betonwall nicht aufschwimmen läßt.

Ob die Talsperre Leibis nun zu groß ist? Peters hält sie für richtig bemessen, vielleicht sogar zu klein, denn die häufigen Hochwasser der vergangenen Jahre bereiten Sorge. 5,2 Millionen Kubikmeter, die Menge eines Hochwassers, wie es einmal in hundert Jahren auftritt, hält Peters in der Talsperre unterhalb des Maximalfüllvolumens für den Hochwasserschutz frei. Ja, der Wasserverbrauch sei weiter gesunken. Ein Amerikaner benötige 295 Liter Wasser am Tag, ein Deutscher 128 Liter, ein Thüringer nur noch weniger als 90 Liter. Aber die Anforderungen des Umweltschutzes mit „ökologischer Speicherbewirtschaftung“ schränkten die Nutzung der Talsperre ein. 43.700 Kubikmeter Wasser dürfe er täglich über den Lichtestollen abgeben. Das übrige Wasser fließe in den Unterlauf der Lichte. Die Lichte, welche die Talsperre speist, mündet in die Schwarza. Diese wiederum durchfließt unterhalb der Lichtemündung ein Flora-Fauna-Habitat-Gebiet.

Damit das Schwarzatal nicht Schaden nehme, dürfe die Talsperre nur so viel Wasser über die Lichte ableiten, wie über die Lichte am anderen Ende zugeführt werde. Außerdem dürfe die Temperatur des Zulaufs aus dem Stausee von der Temperatur des Lichtewassers nur um zwei Grad abweichen. 150 Millionen Euro, so Peters, hat das Projekt gekostet, davon seien zehn Millionen Euro in Ausgleichsmaßnahmen investiert worden, wie das Fangen russischer Auerhühner und ihr Auswildern in Thüringen. Berechnungen der einstigen Gegner, die Talsperre koste 850 Millionen Euro, lassen Peters schmunzeln. „Früher“, sagt er, „planten wir zwei Jahre und bauten zehn Jahre. Heute planen wir zehn Jahre und bauen zwei. Die Gesamtdauer ist dieselbe.“

Text: F.A.Z. vom 12.5.2006
Bildmaterial: F.A.Z., picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa/dpaweb, picture-alliance/ dpa, picture-alliance/ dpa/dpaweb

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1997: Mit der Lichtetalbahn besichtigten Touristen die gigantischen BauarbeitenDie ersten Kubimeter Beton2004: Bauarbeiter bei Schalungs- und Betonierarbeiten in rund 50 Metern HöheDie rund 100 Meter hohe Betonwand wurde aus etwa 1000 einzlenen Blöcken gegossenMai 2005: 2 Millionen Kubikmeter Wasser werden hier angestaut Computeranimation der Staumauer6. September 2002: GrundsteinlegungLuftaufnahme 2003Granitsteine zieren die Fließmessrinne im Auslauf auf der “trockenen Seite“ der TalsperreFebruar 2005: Jetzt läuft das Wasser einDie fertige Talsperre
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