Von Philip Eppelsheim
18. Februar 2007 Am 8. Januar wurde Timur Hahn Millionär. Fünfzehn richtige Antworten im RTL-Fernsehquiz Wer wird Millionär ebneten ihm den Weg. Bislang hatte er 200 Euro im Monat zur Verfügung gehabt und in einem möblierten Zimmer gewohnt.
Jetzt will er sich eine Bahncard 100 kaufen, sein Studium ganz bodenständig fortsetzen und seinen Eltern die Hochzeit finanzieren. Das Fernsehen macht es möglich: Reich werden vor Millionenpublikum. Sich zumindest zeitweilig wie ein Star fühlen. Auf alle Fälle so lange, bis der nächste Fernsehmillionär kommt.
Der erste Raab-Schläger Deutschlands
In Timur Hahns Fall war das nur 19 Tage später. Dem 31 Jahre alten Diplomingenieur Matthias Göbel gelang in der dritten Ausgabe von Schlag den Raab, den Quizmaster zu besiegen, um dann nach viereinhalbstündigem Kampf stolz den Koffer mit den 1,5 Millionen Euro in die Kamera zu recken: Seht her, ich habe den Raab in Kopfrechnen, Puzzeln, Biathlon besiegt, konnte acht von 15 Wettbewerben für mich entscheiden. Ich bin der erste Raab-Schläger Deutschlands.
Matthias Göbel war seit Ausstrahlung der ersten Folge klar, dass er bei dieser Show mitmachen wollte. Schon vor einigen Jahren war er bei Fear Factor und Jeder gegen Jeden aufgetreten. Die Herausforderung annehmen, zeigen, was er kann - das war die Motivation. Ich bin zwar nirgendwo Weltmeister, aber ich bin in vielen Dingen gut. Ich suche den Wettkampf.
In der Sendung habe er an das Geld zunächst nicht gedacht, jedenfalls nicht bis zum elften Spiel. Dann waren die 1,5 Millionen Euro nicht mehr wegzudenken. Und jetzt genießt Matthias Göbel den Rummel um seine Person: In der Hoffnung, dass er sich wieder legen wird. Vielleicht, wenn der Nächste im Fernsehen zum Millionär gekürt wird.
Gewinnen kann krank machen
Denn ewig locken die Gewinne. Da gibt es Sender, die nur dazu da sind, dass sich die Zuschauer an das Telefon stürzen, in der Hoffnung auf einige hundert oder auch tausend Euro. Vom frühen Morgen bis in die späte Nacht werden ein paar Euro und Sachgewinne an die Anrufer gebracht, und die häufig doch lächerlich anmutenden Fragen sind dabei eher Nebensache. Geht es doch vielmehr darum, dass ein Mensch hocherfreut über seinen nahenden Gewinn am Telefonhörer sitzt und dabei die horrenden Anrufkosten vergisst.
Gewinnen kann sogar krank machen. Yalcin Kemal Karaoglan gewann nicht so viel wie Matthias Göbel oder Timur Hahn. Doch 38.000 Euro bei Deal or no Deal reichten schon aus, dass die Nerven versagten und Yalcin Karaoglan im Krankenhaus landete. Schließlich war es mehr Geld, als der 34 Jahre alte U-Bahn-Fahrer in zehn Jahren hätte zusammensparen können.
Nach Angaben von Endemol-Producer Sven Steffensmeier war er einer von 17.000 Glücksuchenden vor der laufenden Staffel und noch einmal von 600 bis 800 vor jeder Sendung. Den richtigen Koffer mit 250.000 Euro nach Hause zu nehmen hat aber bisher noch niemand geschafft, auch wenn die Chance - zumindest wenn man erst einmal in der Sendung ist - mit 1 zu 26 gar nicht so schlecht ist.
Chancen auf einen Gewinn sind schwindend gering
Einen Tag nachdem sich Yalcin Karaoglan im Internet beworben hatte, kam der Anruf mit der Einladung zum Casting. Denn nur bewerben und sich mit Glück gegen abertausend andere durchzusetzen reicht noch lange nicht. Die Bewerber sollen interessant sein, unterhaltsame Geschichten zu erzählen haben und dabei auch noch Humor und starke Nerven beweisen.
Überraschenderweise ist auch bei Wer wird Millionär der Durchschnittsgewinn nur etwa so hoch wie Karaoglans Gewinn von 38.000 Euro. Seit Start der Sendung im September 1999 saßen rund 1360 Kandidaten auf dem heißbegehrten Stuhl und versuchten ihr Glück auf dem Weg zur Million. Die Chancen auf einen Gewinn sind schwindend gering und wirklich ein Glücksgriff, heißt es bei RTL. Denn es schaffen nur wenige, gegenüber von Günther Jauch Platz zu nehmen.
Da schaut man in Abgründe
Dass ein Gewinn aber nicht nur Segen ist, sondern auch Fluch sein kann, hat Eckhard Freise zu spüren bekommen. Ende 2000 gewann er eine Million Deutsche Mark in der ihm bis dato nahezu unbekannten Jauch-Sendung. Der bis dahin nur in Historikerkreisen bekannte Uniprofessor wurde zu einem Millionär, den ganz Deutschland kannte und wohl immer noch kennt. Er versuchte, normal weiterzuleben, gab deswegen seinen Gewinn bewusst innerhalb eines Jahres aus und arbeitete auch weiter als Professor für mittelalterliche Geschichte.
Doch: Ich hatte nicht gedacht, dass ich nie Ruhe haben würde. Noch Jahre nach seinem Gewinn klopften ihm wildfremde Menschen auf die Schulter, sagten tolle Performance. Von den Regalmetern an Bettelbriefen ganz zu schweigen. Aus aller Welt kamen die, ob nun von einer indischen Studentin oder von chinesischen Doktoranden. Da schaut man in Abgründe.
Abgefunden, die berühmteste Frau Nienburgs zu sein
Diese Abgründe hat auch die 28 Jahre alte Irene Brunner gesehen, nachdem sie bei der 5-Millionen-SKL-Show gewonnen hatte. Nur ein schönes Wochenende wollte sie sich machen, nachdem sie und ihr SKL-Los für die Sendung ausgewählt worden waren. Am Ende hatte sie fünf Millionen Euro auf dem Konto. Dann stand das Telefon nicht mehr still, Briefe mit Kontoverbindungen flatterten ins Haus.
Und wenn Irene Brunner es wagte, in ihrem kleinen Heimatort Nienburg einkaufen zu gehen, dann schauten ihr die Leute in den Einkaufswagen, wollten sehen, was ein Millionär sich so kauft. Einer der Bettler ging sogar so weit, dass er drohte, sich etwas anzutun, sollte er kein Geld erhalten. Mittlerweile hat sich Irene Brunner aber damit abgefunden, dass sie die berühmteste Frau Nienburgs ist.
Raab kann alles überdurchschnittlich
Wirklich schlimm wird es manchmal für die, die es nicht geschafft haben, das große Geld zu gewinnen. Da hatte der 25 Jahre alte Student und Matthias-Göbel-Vorgänger Johannes Rieks es bewerkstelligt, sich gegen Hunderttausende Mitbewerber durchzusetzen, hatte einen Allgemeinbildungs- und einen Sporttest bestanden, mit Abstand die meisten Punkte im Bewerbungstest erzielt und galt als ebenbürtiger Gegner für Stefan Raab.
Doch anstatt den Raab zu schlagen und zu kassieren, wurde die Show für ihn ein Kampf gegen die Blamage. Ich hatte mir eine Chance von 30:70 ausgerechnet. Man hat den Nachteil, dass man keine Routine hat. Und Raab kann alles überdurchschnittlich.
Kein Geld, keinen Ruhm, keine Anerkennung
Nach den ersten verlorenen Spielen ging es dann nur noch darum, das Gesicht zu wahren. Sich nicht ganz lächerlich zu machen. Über zwei Monate ist das jetzt her, und Johannes Rieks darf sich immer noch Sprüche anhören wie Den hätte selbst meine Oma geschlagen oder Na du arroganter Schnösel.
Positive Ergebnisse hat Johannes Rieks keine gehabt: kein Geld, keinen Ruhm, keine Anerkennung. Seine Show hat er nicht gesehen, und auch die folgende Ausgabe, in der Matthias Göbel das große Geld gewann, tat er sich nicht an.
Hahn und auch Göbel sind dieser Spott erspart geblieben. Sie können nur noch auf eines warten: Bettelbriefe, Heiratsanträge und darauf, dass die Fernsehnation sie irgendwann wieder vergisst.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
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