Abriß Palast der Republik

Das Grab im Urstromtal

Von Klemens Polatschek

06. Februar 2006 Kalt und dunkel umfängt der Riesenbau die kleinen Menschen. Als wäre es seine letzte Aufgabe, die Garstigkeit der Berliner Winternacht aufs äußerste zu verdichten. Ein Schrämmhammer donnert in unorthbaren Tiefen, sein Lärm zerklirrt tausendfach.

Der meistbeachtete Bau dieser Tage in Deutschland ist ein Abbau. Rückbau, sagen die Fachleute - jedenfalls nicht Abriß. Der Palast der Republik endet nicht unter der Birne. Er wird sozusagen von Hand abgetragen, der denkmalgeschützten Umgebung zuliebe. Dort hat dieses architektonische Symbol der DDR jeder vor Augen: die kupferbedampfte Glasfront vor weißem Marmor entlang der Spree. In einem einzigartigen Politainment-Konzept packte es Parlamentssaal und Rummelplatz unter ein Dach; die Bauarbeiter feierten den ersten Ball, Erich Honecker schwofte, Carlos Santana und Udo Lindenberg traten auf.

Rundum löchriger Beton

Jetzt stehen Bauzäune und Bürocontainer rundum, bis acht Uhr abends wummern die Maschinen, und nur eine Gruppe von Architekturstudenten der Yale University, Schutzhelme auf dem Kopf, stolpert durch die eisige Ödnis. Michael Möller, technischer Projektleiter des Rückbaus, bietet seinen Besuchern einen Blick auf die Zerlegung des Giganten. Auf den Stufen nach oben liegen noch Steinplatten, sonst rundum nur löchriger Beton und abgeschabte Stahlträger. Über die Treppe des Foyers geht es in den nordseitigen Baukörper, dem Berliner Dom gegenüber. Der Lichtfinger aus Möllers Scheinwerfer faßt 15 Meter hoch nach oben in das Fachwerk der Träger, wo einmal die Decke des Tagungssaals der Volkskammer hing, mit allem Prunk der siebziger Jahre.

Der ist längst fort. Zum Herbst 1990, noch vor der Vereinigung, wurden alle Besucher ausgesperrt. Denn sein gesamtes Stahlskelett war auf alte Weise brandgeschützt: mit Spritzasbest. Die sogenannte Asbestsanierung, die rund 80 Millionen Euro verschlang (40 waren veranschlagt), war eigentlich eine Ausweidung. Alle Einbauten mußten raus. Jeder Stahlträger wurde penibel abgekratzt, "das muß ein Job gewesen sein für einen, der Mutter und Vater erschlagen hat", hält selbst Michael Möller, der das Ergebnis schon so oft gesehen hat, kopfschüttelnd fest. Übrig blieb eine Ruine, ein Käfig von Stahlträgern im Raster 9 mal 12 Meter, sonst nur Betondecken, Treppenhäuser, Aufzüge und die zerschundenen Querwände draußen. 180 mal 86 mal 32 Meter umbaute Wüste.

Künstlerisch „zwischengenutzt“

Daß danach erst mal nichts Sichtbares geschah, täuschte manchen. Aber es wollte halt erst das Gutachten mit den Abrißvarianten diskutiert sein. Es folgten Ausschreibungen, herbeigeklagte Ausschreibungswiederholungen, Gekabbel um Aufträge. 2004 durfte der Underground den Palast "künstlerisch zwischennutzen". Doch spätestens im März 2005 fiel das Projekt in scharfen Galopp. Das Berliner Ingenieurbüro Specht, Kalleja und Partner erhielt den Auftrag für die detaillierte Rückbauplanung. Bis zu zwei Dutzend Leute schwitzten darüber; sechs davon stromerten zwecks Massenermittlung wochenlang durch den Palast. Die fertige Planung umfaßt 16 Ordner, abgegeben am 21. September 2005. Am Tag danach begann die europaweite Ausschreibung, zu Neujahr wurden die Einzelaufträge vergeben, nun arbeiten die Preßlufthämmer.

Deren an- und abschwellendes Wummern hören die amerikanischen Studenten noch im Obergeschoß, während sie weiter Möllers Lichtfinger nachtappen, durch Nester von Neonlicht und wieder ins Dunkle. Schließlich stehen sie am anderen Ende des Palasts und schauen hinunter in das Herz des zweiten Baukörpers. "Das ist der Große Saal, hier ist noch die ganze Bühnentechnik drin, 2000 Tonnen, alles vom Feinsten", erklärt Möller. Die Ränge etwa lassen sich hochklappen - ohne Hydraulik, allein mit gewaltigen Gegengewichten an Seilzügen, die tief unten direkt auf der Bodenplatte des Baus ankern.

Problematische Bodenplatte

Es ist diese Bodenplatte, die den Rückbau so knifflig macht. 1973 mußten die DDR-Bauingenieure erst die Spree mit Spundwänden zurückdrängen und so eine trockene Baugrube schaffen. "Der Aufwand damals war immens", sagt Axel Steinhäuser, der den jetzigen Rückbau mitgeplant hat. Die Grube wurde planiert, mit Bitumenbahnen eine Abdichtung hergestellt und eine gigantische Betonwanne gegossen. Ihre Unterseite liegt elf Meter unter der Erde.

Diese Wanne kann man klaren Verstandes heute nicht mehr ausbauen. Sie soll daher weiter im breiigen Berliner Urstromtal schwimmen. Auf ihr ruhen noch 55 000 Tonnen Beton und 20 500 Tonnen Stahl des Palastes. Wenn man das einfach weghöbe, würde das Grundwasser die Wanne wohl hochdrücken und die gesamte kostbare Nachbarschaft ins Rutschen bringen. Die gewählte Variante sieht daher vor, die Wanne während des Rückbaus mit Sand zu beschweren (siehe Zeichnung). Er wird von Lastkähnen auf der Spree herbeigeschafft, wofür an der Längswand des Palasts schon 2005 ein Anleger errichtet wurde. Der Sand wird mit Spreewasser vermischt und der Brei über Rohre bis in die letzte Ecke der Wanne gespült. Das Wasser wird dann über ein Brunnensystem wieder ausgepumpt und ins Mischbecken zurückgeführt.

Scheiben nach innen drücken

Dafür brechen die Hämmer derzeit den Palastkeller auf. Trümmer der untersten Geschoßdecken werden im Großen Saal gebraucht, wo die Handwerker die Bühnentechnik ausbauen werden; die Deckenteile sollen als Ballast die Wanne an dieser Stelle ausbalancieren. Vor der Fassade wächst zugleich ein Gerüst in die Höhe, die Arbeiter sollen von dort aus die Fensterscheiben nach innen drücken und in Containern sammeln. Zügig werden auch ein paar Kräne beginnen, alle Schichten des Dachs abzutragen. Zum dreißigsten Geburtstag des Riesen, gerechnet von der Eröffnung im April 1976, wird der Wind durch die Geschoßebenen pfeifen.

Unterdessen fließen 80.000 Tonnen Sand in die Wanne. Der Sand wiegt etwa zweimal soviel wie Wasser - also 160.000 Tonnen, 400 Lastkähne voll, viel mehr, als an Stahl und Beton weggeschafft werden soll. Warum? "Na, wir wollen ja die Wanne auch ganz auffüllen", sagt Steinhäuser fröhlich. Und wenn sich die Wanne mit dem Übergewicht nun senkt? So etwas sollte man ihn besser nicht fragen. Gerade hat er einen Vortrag für die Nachbareigentümer gehalten. Also: Palast und Umgebung sind präzise mit Meßpunkten gepflastert, deren Positionen laufend kontrolliert werden. Zudem ist der Zustand der Nachbarbebauung über eine "Erstbeweissicherung" dokumentiert, um neue Schäden identifizieren zu können. Dann hat der TÜV rundum Schwingungsmesser installiert, und sollte etwas ungebührlich schwingen, dann alarmieren sie die Bauleitung sofort per SMS. "Wir glauben nicht, daß wir auch nur in die Nähe der Grenzwerte kommen werden", schließt Steinhäuser den Vortrag.

„Das bestgeplante Bauvorhaben“

"Es ist sicher das bestgeplante Bauvorhaben weitum", versichert auch Michael Möller. Der Verkehr der Lastenkähne wird per Ampel geregelt. Dafür wird auf der Spreebrücke eine eigene Leitstelle eingerichtet. Genauso penibel wird mit dem verbliebenen gebundenen Asbest verfahren. Im Kitt der Fenster sitzt er, in den Zementplatten des Dachs und an zwei Dutzend schwer zugänglichen Knotenpunkten von Stahlträgern, die aber bereits bei der Sanierung gekapselt, also mit Beton ausgegossen wurden. Alles kommt zum Sondermüll. Generell müssen die Auftraggeber für sämtliche Materialien Entsorgungsnachweise erhalten. Nichts darf einfach so weggegeben werden. Abnehmer gäbe es genug, erzählt Möller den Studenten bei der Abschiedsbesprechung: "Alle zehn Minuten ruft einer an und sagt, oh, ich hab' gelesen, da ist noch ein wenig Holzboden im Großen Saal, ich komme sofort vorbei, ich hol' den selber ab!"

Das lange Ende des Rückbaus läßt sich kurz erzählen. Ist das Haus entkleidet, wird in der Mitte das Foyer bis zum Erdboden abgetragen, denn es hängt ja nur wie eine Brücke zwischen den beiden selbsttragenden Baukörpern. Deren Geschoßebenen werden dann "ausgekernt", erklärt Axel Steinhäuser. Kräne heben die ausgelösten Beton-Fertigteilplatten nach oben aus dem Gebäude, Schiffe transportieren sie zur Brechmühle. "Wir höhlen das Gebäude quasi von innen aus, es bleibt nur der Käfig von Stahlträgern in voller Höhe übrig, den wir zuletzt Stück für Stück abbauen."

180 Meter langer Metallbaukasten

Die Träger kann man im Normalfall einfach losschrauben. Damit nicht jemand die falschen Schrauben zuerst aufdreht, haben die Ingenieure auf den Plänen exakt markiert, welcher Träger Hauptträger, welcher Nebenträger und welcher bloße Aussteifung ist. Der Abbau geht zwar generell von oben nach unten vor sich, aber die Planer legen zwischendurch Terrassen an, um möglichst einfach Knotenpunkte zum Aufschrauben zugänglich zu halten. Ein 180 Meter langer Metallbaukasten.

Doch das Spiel ist irgendwann zu Ende. Als Höhepunkt der künstlerischen Zwischennutzung brachte Frank Castorf 2005 seine Theaterfassung von "Berlin Alexanderplatz" in die Palastruine. Ein perfekter Ort, endlich ein Marstheater im Karl-Krausschen Sinn. Eine Gaunerlimousine jagte durch Pfützen rund um das sechzig Meter lange Bühnenbild. Michael Möller saß im Publikum und ahnte nicht, daß er schon ein halbes Jahr später wiederkehren würde, um die Kulisse abzubauen.

Damals fing der Sommer gerade an, selbst im Palast mußte man nicht frieren. Jetzt könnte man höchstens noch eine Mischung aus "Solaris", "Alien" und "Eraserhead" darin verfilmen. Aber die Schrämmhämmer sind ohnehin schon da und spielen ihr eigenes Stück, das nach 14 Monaten auf einer großen grünen Wiese enden wird. Was danach kommt, diskutiert das Feuilleton.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 05.02.2006, Nr. 5 / Seite 65
Bildmaterial: AP, ddp, dpa, dpa/dpaweb, F.A.Z.

 
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