Von Heike Lattka
24. Juli 2008 Für viele schöne Dinge des Lebens steht der Main-Taunus-Kreis: Der Landstrich zwischen Eschborn und Hochheim zählt die meisten Streuobstwiesen, und fast nirgendwo in Hessen stehen so viele Pferde in den Ställen und auf den Weiden. Deutlich weniger erfreut die politisch Verantwortlichen im Hofheimer Kreishaus eine andere rekordverdächtige Zahl: 24.800 Schusswaffen sind im Landkreis, der 224.000 Einwohner zählt, registriert. Damit hat mehr als jeder zehnte Bürger ein Gewehr oder eine Pistole im Schrank. Und keineswegs alle sind Jäger oder Sportschützen, die sachgerecht mit den Waffen umgehen, wie der Erste Kreisbeigeordnete Hans-Jürgen Hielscher (FDP) sagt. Hunderte Gewehre, Pistolen und Revolver hat der Kreis schon eingezogen und verwahrt sie sicher in Tresoren im Kreishaus.
Über die tatsächliche Zahl der Waffen im Main-Taunus lässt sich nur spekulieren, und der Kreis schweigt sich dazu aus: Man könne über die Dunkelziffer nur Vermutungen anstellen, sagt Hielscher und wägt die Worte genau ab. Die Waffenlobby in Deutschland scheint groß - auch oder vielleicht gerade im kleinen Main-Taunus-Kreis. In Schreiben an Waffenbesitzer versucht die Behörde zumindest, Auskunft über den Aufbewahrungsort der diversen Schießgeräte zu erlangen. Manch einer habe schon freimütig eingeräumt, Opas alte Flinte hänge seit Jahrzehnten an der Wand. Dabei müssen alle scharfen Schusswaffen in abschließbaren Stahlschränken untergebracht werden.
Selbsternannte Personenschützer
Es wäre eine klare Gesetzgebung vonnöten, fordert Hielscher. Doch die Novellierung des Waffengesetzes lässt seit Jahren auf sich warten. Ein 160 Seiten starker Entwurf liegt auf Eis. Dabei sei das noch gültige Waffengesetz voller Tücken und verursache einen hohen bürokratischen Aufwand, klagt Hielscher. Auch sei ein bundesweit einheitlicher Verwaltungsvollzug überfällig.
Tatsächlich werde das Bundesrecht in den Ländern von unterschiedlichen Institutionen durchgesetzt: In Hessen seien die Regierungspräsidien zuständig, sie delegierten die Aufgaben wiederum an die Kreise. Im Hofheimer Kreishaus hat Hielscher einen Mitarbeiter der Umweltbehörde für diese knifflige Aufgabe abgestellt. Der Jurist Michael Mondre muss sich seitdem mit allerlei eigentümlichen Anfragen herumschlagen: 15-mal sprach zum Beispiel ein selbsternannter Personenschützer bei ihm vor und verlangte das sofortige Ausstellen einer waffenrechtlichen Erlaubnis. Er begründete dies mit einem bevorstehenden privaten Deutschlandbesuch des Sultans von Oman, dessen Ankunft in der nächsten Woche erwartet werde. Als die Behörde dem Mann die Bescheinigung verweigerte, die ihn zum Tragen einer Waffe befähigte, winkte der nur kurz ab und äußerte: Dann hole ich mir den Wisch woanders. Nach Kenntnis der Behörde soll er das Dokument tatsächlich in einem Nachbarbundesland erhalten haben.
Viele sind Erbwaffen oder Altbesitz
Es gibt wirklich Handlungsbedarf, stellt Hielscher klar. Die Spielräume der Verwaltung müssten genau definiert werden. Denn die meisten Waffen - im Kreis 14.785 - zählten zu sogenannten Erbwaffen oder Altbesitz. Darunter falle beispielsweise Uropas Revolver aus dem Ersten Weltkrieg, der beim Ausräumen des Speichers gefunden wurde. Zahlreich seien auch die Sammler, die bis zu 1000 Waffen besäßen, und diese weitervererbten. Gegen die Sammelleidenschaft habe die Behörde dann nichts einzuwenden, wenn man wie ein Kelkheimer ein komplettes Zimmer ausräume und mit Stahlschränken bestücke, um die Waffen wegzuschließen.
Wer aber sorgt sich um die nicht nur wertvollen, sondern auch gefährlichen Stücke nach dem Tod des Besitzers? Darauf gibt die Gesetzgebung keine Antwort. Und sie bleibt auch schwammig in der Abgrenzung zu möglichen Straftätern. Der spätere Frankfurter Rabbi-Attentäter Sajed A. aus Hattersheim war der Behörde jedenfalls aufgefallen. Nachdem er eine Schreckschusswaffe viermal auf einen Hausmeister abgefeuert hatte, war gegen den gewaltbereiten Mann ein Waffenbesitzverbot verhängt worden. Die Pistole wurde von der Polizei eingezogen. Wenige Wochen später stach der Mann dann in Frankfurt den jüdischen Geistlichen nieder.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Cornelia Sick