Sprache der Studentenbewegung

„Haschischrebellen“ wollten das „Smoke-in“

Von Thomas Groß, Mannheim

“Kulturrevolutionäre Übergangsphase“: Studentenführer Rudi Dutschke, 1968

"Kulturrevolutionäre Übergangsphase": Studentenführer Rudi Dutschke, 1968

27. Juli 2007 „Mir scheint, die Kinder des nächsten Jahrhunderts werden das Jahr 1968 mal so lernen wie wir das Jahr 1848“, schrieb die Philosophin Hannah Arendt im Juni 1968 an Gertrud und Karl Jaspers. Heute klingt das übertrieben. Historische Bewertungen sind eben erst mit einem gewissen Abstand möglich, der vierzig Jahre nach der Studentenbewegung eher gegeben ist. Aber noch immer ist ungewiss, ob die Studentenbewegung die Selbstinszenierung einer kleinen Gruppe war, die nur durch die Unterstützung der Medien einen größeren Anschein bekam, oder ob sie als der Beginn weitreichender kultureller und politischer Veränderungen zu verstehen ist.

Zumindest Begriffe wie „Happening“, „Sit-in“ oder „Protest“ stehen nicht im luftleeren Raum - das bestätigt die Linguistik. Die Jahre 1967 und 1968 werden vielmehr als sprachgeschichtliche Umbruchszeit begriffen. Ein wissenschaftliches Projekt des Mannheimer Instituts für Deutsche Sprache liefert dafür neue Belege. Das Projekt „Zeitreflexion 1967/1968“ will, wie Projektleiterin Heidrun Kämper sagt, eine Beschreibung dieser „zweiten Zäsur der Sprachgeschichte nach 1945“ liefern.

Wesentliche Motivation der Studentenbewegung

Kämper hat den Besonderheiten in Texten der „diskursprägenden Gruppen“ nachgespürt, in Reden oder Publikationen der Studenten und in denen des „intellektuellen Establishments“, das vor allem von der Frankfurter Schule geprägt war. Dabei sei zum Beispiel der häufige Gebrauch von Wörtern wie „faschistisch“, „neofaschistisch“ oder „faschistoid“ und überhaupt der Vergleich aktueller Vorgänge mit Ereignissen aus der Zeit des Nationalsozialismus auffällig, sagt sie.

Kritische Studenten kürzten beispielsweise die Notstandsgesetze als „NS-Gesetze“ ab oder beklagten, die Medien verbreiteten eine „Pogrom-Stimmung“. So bestätigt die Sprache eine wesentliche Motivation der Studentenbewegung, nämlich darzulegen, dass nationalsozialistische Denkmuster noch immer prägend gewesen seien, weil eine gründliche Aufarbeitung der Epoche unterblieben sei. Greifbar wird das in einem Wortgebrauch, der auch etwas über das Selbstverständnis der Aktivisten aussagt: Sie seien, so meinten sie, „die Juden der Gegenwart“.

„Auf die Barrikaden gehen“ - das war weniger gefragt

Der Wunsch nach tiefgreifender gesellschaftlicher Veränderung wird spürbar in weiteren Schlüsselwörtern der Zeit: „Revolution“, „die Herrschaftsverhältnisse ändern“, „Transformationsprozess“, „sozialistische Umgestaltung“. Rudi Dutschke meinte, man befinde sich in einer „kulturrevolutionären Übergangsphase“. Der Übergang sollte in den Köpfen beginnen, weshalb „Aufklärung“, „Debattieren“, „Diskussionen führen“, „sich artikulieren“ sehr beliebt waren, wie die empirische Analyse nachweist, an deren Anfang die Zusammenstellung eines breiten Textkorpus stand.

„Auf die Barrikaden gehen“ - das war dagegen weniger gefragt. Man wollte eine neue Zeit vorbereiten. Deshalb ist das analysierte Sprachmaterial außer auf die Vergangenheit vor allem auf die Zukunft gerichtet. Und entsprechend bedient es sich gerne neuer Wörter und bezeichnet neuartige Verhaltensweisen. Beliebte Neologismen sind „Sit-in“ oder „Teach-in“. Die kuriose Randgruppe der „Haschischrebellen“, die sich von der Gesellschaft diskriminiert fühlt, will sogar das „Smoke-in“ etablieren. Der Literaturrezension werden „Seminarrezensionen“ oder „Vorlesungsrezensionen“ für Studentenblätter an die Seite gestellt.

Sprachgeschichte war auch „Umbruchsgeschichte“

Auch die Kommunikationsformen gehen neue Wege. Man artikuliert sich kritisch in Flugblättern und Liedern, auf der „studentischen Vollversammlung“ oder der „Podiumsdiskussion“. Typisch für den Sprachgebrauch der Zeit sind Wortbildungselemente wie „anti“, „gegen“, „pseudo“ oder „außer“. „Antiautoritär“ ist das Ideal der Kindererziehung und Menschenbildung - Adornos „Studien zum autoritären Charakter“ waren weit verbreitet. Den herrschenden Zuständen war mit „Gegen-Manipulation“ zu begegnen. Liberale sollten als „pseudoliberal“ entlarvt werden, weil die bestehende Ordnung nur scheinhaft sei und einer neuen Wirklichkeit weichen sollte. Begegnet wird der Ordnung mit der „außerparlamentarischen Opposition“.

Heidrun Kämper hatte zuvor den ersten Einschnitt in der Nachkriegs-Sprachgeschichte untersucht: Die unmittelbare Nachkriegszeit beleuchtete die Linguistin unter dem Begriff „Schulddiskurs“. Wie in den ersten Nachkriegsjahren über Schuld gesprochen und geschrieben wurde - das zeigt, dass auch damals Sprachgeschichte „Umbruchsgeschichte“ war.

Kritik an neuer Sprache auch gegen Vordenker

Noch vor diesem Umbruch liegen die als weitere Forschungsgegenstände avisierten Jahre nach dem Ersten Weltkrieg sowie der Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft im Jahr 1933. Wenn sie dann auch noch die sprachlichen Umbrüche der Wiedervereinigung analysierte, wäre der linguistische Beitrag zur Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts vollständig.

Was die Achtundsechziger angeht, so bestätigt die Wortwahl das Sprachbewusstsein der Aktivisten. Die Kritik, die sich in der neuen Sprache zeigt, wendet sich dann aber auch gegen die Vordenker. Der Frauendiskurs der Zeit beklagt, dass die Sprache von Männern geprägt sei: Der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS) repräsentiere eine Männergesellschaft, sei autoritär. So ist zu lesen, dass Frauen sich aus diesem Grund auf andere Gebiete konzentrierten und Kinderläden gründeten - während Männer vor allem diskutierten, ohne auch zu handeln.

Text: F.A.Z., 28.07.2007, Nr. 173 / Seite 7
Bildmaterial: AP

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