Rosenmontag

Der Jecke

Von Günter Bannas

Kölner Jeck: Wer ist hier der Blöde?

Kölner Jeck: Wer ist hier der Blöde?

07. Februar 2005 Dem Karnevalsjecken ergeht es wie dem Clown: Die Fernstehenden aus Berlin beobachten ihn mit herablassender Nachsicht und zweifeln letzten Endes - versehen allenfalls mit dem Verständnis von Sozialtherapeuten - an seinem Verstand. So sich die Analytiker dem Phänomen intellektuell nähern, glauben sie, die Verrückten aus dem Rheinland könnten nur auf Kommando lachen und müßten via Tusch eigens auf die Pointen der Flachwitze aufmerksam gemacht werden.

So sie für die Bilderblätter tätig sind, definieren sie den Jecken über Projektionen und Phantasien: dem Wunsch nach Alkohol und nach Ausschweifung. Die so denken, werden es nie verstehen. Der Jecke aus dem Rheinland entzieht sich der Beobachtung. Sein Wirken ist subversiv. Auf konspirative Weise hat er Erfolg. Das, was die Berliner Karneval nennen, ist ganz anders als die Politik fest und überaus geschäftlich in Bonner Hand - zweier früherer Kneipiers von dort. Hoch in den Alpen, tief im Harz und sogar im Oktober in München wiegen sich die Leute gern im Viva-Colonia-Rhythmus. Die Jecken sind stark im Export. Doch ihre Betriebsgeheimnisse wahren sie im Panzerschrank des Brauchtums. Sie lassen keinen ran.

Deutsch ist der Jeck allenfalls im Leiden

Der Jecke hat keine Angst. Deutsch ist er allenfalls im Leiden. Doch die Tränen ("Heimweh nach Kölle") machen ihn stark. Sie erheben ihn über die Diaspora. Er begibt sich in das Getümmel. Und da lernt er früh, daß er Angst, in diesem Falle Platzangst, nicht haben darf. Gerne steht er ein halbe Stunde an, um in das Lokal seiner Träume zu gelangen, wo er dann noch einmal so lange braucht, bis er sich in die Ecke geschunkelt - wer drängelt, verliert - hat, die er als seinen Stammplatz ansieht. Ohne anzuecken und mit freundlichstem Gesicht muß er vorwärtskommen. Wie ein Fisch im Wasser? Auf dem Weg durch die Instanzen haben - vergessen wir die Alemannen, die Düsseldorfer und Mainzer - in der einzigen Hochburg längst Leute die Meinungsführerschaft übernommen, die das Jahr über dem alternativen Milieu nahe waren. Die Stunksitzung in Köln mit ihren Dutzenden Aufführungen ist die karnevalistische Entsprechung der Grünen in der Politik. Ist sogar auch Karneval Politik? Oberflächlich ja - was sogar hochmögende Politiker hoch im Norden dazu bringt, zu ertragen, daß ihnen der Schlips abgeschnitten wird. Untergründig aber noch mehr. Das nicht Ausgesprochene ist das Gemeinte.

Der Jecke verstellt sich, was ihm in Normaltagen und im Normalleben den Vorwurf einbringt, er sei verschlagen. Ein "Als ob" ist ihm zur zweiten Haut geworden. Einmal Prinz zu sein? Die so singen, tun es auf Kosten derer, die glauben, die Sänger nähmen es doch ein bißchen ernst. Das Kostüm ist nicht eine Verkleidung, sondern deren Persiflage. Seine Selbstironie ist boshafterweise nicht selbstironisch, sondern geht zu Lasten Dritter. Der Jecke freut sich am meisten, wenn der Zuhörer zwar an der richtigen Stelle lacht und doch das Warum in seinen Untiefen nicht erkennt. Wissend prosten die Jecken dann einander zu, wenn sie einen Nichtversteher enttarnt haben. Besser noch, wenn der nicht einmal weiß, wie ihm geschieht. Bald wendet sich der Jecke ab. Er ist kein Sozialarbeiter. Er ist auch nicht altruistisch. Er sucht neue Opfer.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.02.2005, Nr. 31 / Seite 10
Bildmaterial: dpa/dpaweb

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