Eurovision Song Contest

Die Revolution wird museumsreif

Von Peter-Philipp Schmitt

Polizistinnen vor dem Sportpalast in Kiew

Polizistinnen vor dem Sportpalast in Kiew

21. Mai 2005 Das Wort Euro in Eurovision scheint für Ukrainer besonders attraktiv zu sein. Das ist eine wohlmeinende Feststellung, die nicht etwa auf die gleichnamige Währung anspielt, sondern auf eine Ländergemeinschaft, der sich die Ukraine schon längst zugehörig fühlt.

Darin unterscheidet sich der Westen kaum vom russisch geprägten Osten, auch wenn Kiew, fast in der Mitte des Landes gelegen, die wohl europäischte Metropole ist. Kein Kiewer würde jemals bezweifeln, daß er ein Europäer ist. Und seine Stadt gibt ihm recht: Selbst vor dem ehemaligen Leninmuseum am Ende des Prachtboulevards Khreshchatyk weht schon eine Europaflagge. Der Blick reicht weit über die Grenzen hinaus und meist in Richtung Westen. Obwohl die Ukraine zur Zeit vor allem mit sich selbst beschäftigt ist, ist gerade die Hauptstadt der Revolution, die eine friedliche, aber mehr noch eine würdevolle war, wie der neue Präsident Wiktor Juschtschenko stets hervorhebt, zum Treffpunkt einer nach Freiheit strebenden Generation geworden. Kiew ist ein Anziehungspunkt für die Jugend aus allen ehemaligen Sowjetrepubliken geworden, auch und gerade in den Tagen des Eurovision Song Contests.

Die Ukraine hat sich wiederentdeckt. Der Nationalstolz ist allgegenwärtig: Don't Worry, Be Ukrainian, steht auf so manchem Eurovision-T-Shirt. Und niemand versucht das ukrainische Wir-Gefühl mehr zu repräsentieren als die Ministerpräsidentin Julija Timoschenko. Rechtzeitig hatte die einstige dunkelhaarige Oligarchin die Zeichen der Zeit erkannt und trägt ihr erblondetes Haar nun streng über den Kopf geflochten wie eine ukrainische Bäuerin. Sie kleidet sich auch fast so. Doch ihr Volk vergißt nicht so schnell: Die Hardlinerin, nicht so auf Konsens bedacht wie Juschtschenko, ist bei vielen unbeliebt. Zu sehen ist sie in diesen Tagen kaum, der Präsident kümmert sich höchstpersönlich um den Eurovision Song Contest.

Gutaussehende Männer und engelsgleiche Mädchen

Die eigentliche First Lady des Landes heißt Ruslana Lyschitschko. Ihr Sieg in Istanbul eröffnete ein Jahr der Ukraine, das nach den Worten Juschtschenkos nun in Kiew zu Ende geht. Ob die orangene Revolution erst durch Ruslanas „Wild Dances“, mit denen sie den Eurovision Song Contest 2004 gewonnen hatte, ermöglicht wurde? Sie selbst würde das wohl nie behaupten. Sie sei ein Antrieb für den Umbruch gewesen, sagt der Präsident Juschtschenko. Tatsächlich konnte offenbar vor allem die sogenannte Intelligenz nach Ruslanas Sieg genügend Selbstbewußtsein tanken, um zur Trägerin der Revolution zu werden.

Orange ist die Farbe des 50. Eurovision Song Contest, auch wenn Grün fast gleichermaßen die Szenerie um den Palats Sportu, den Sportpalast beherrscht. Selbst einige der Polizisten tragen nicht mehr die dunkelblauen, an die ausladenden sowjetischen Dienstmützen erinnernden Kappen, sondern kleinere, französisch anmutende, die mit zwei orangefarbenen Streifen geschmückt werden. Die Sicherheitsbeamten wurden übrigens speziell ausgewählt: Damit nicht etwa, wie ausdrücklich erklärt wurde, fette, schwitzende Polizisten, sondern gutaussehende Männer und engelsgleiche Mädchen die Taschen der Eurovisionsbesucher durchsuchen. Nie zuvor wurden auch so viele wohl meist orangefarbene Eurovision-T-Shirts und -Kappen verkauft.

Flair der Revolution

Die Souvenirs sind offiziell im Internet und selbst hergestellt an jeder Kiewer Straßenecke zu haben. Dabei vermischen sich die beiden bedeutendsten Veranstaltungen, welche die Ukraine in den vergangenen zwölf Monaten erlebt hat. Die Eurovision-Touristen können sogar selbst noch zu Revolutionären werden: Auf dem Maidan Nezalezhnosti, dem Unabhängigkeitplatz, gibt es schon für vier Hryvnja (etwa 60 Cent) ein Veteranen-Zertifikat mit der Unterschrift Juschtschenkos. Das Flair der Revolution liegt wieder über der Innenstadt. Eigens für den Contest wurde die Bühne auf dem Maidan wieder aufgebaut. Auf ihr hatten Ruslana und Juschtschenko im November die Massen bewegt. Zehntausende harrten damals wochenlang auf dem Boulevard Khreshchatyk aus, der den Unabhängigkeitsplatz teilt.

Auch für den Eurovision Song Contest wurde ein Teil der Innenstadt wieder gesperrt, was zu erheblichen Verkehrsbehinderungen führt. Die der Revolutionszeit nachempfundene Zeltstadt auf der Trukhanov-Insel im Fluß Dnipro, gut eine halbe Stunde Fußmarsch vom Sportpalast entfernt, konnte die Erwartungen nicht erfüllen: Anfang dieser Woche waren erst fünf Eurovisionsgäste (ihre Zahl stieg am Ende auf etwa 200) eingezogen, obwohl die Veranstalter mit Übernachtungspreisen von nur zehn Euro warben. Die meisten - zur Zeit überteuerten - Hotels in der Stadt waren schon Wochen vorher ausgebucht, selbst ein in aller Eile geplantes Luxushotel, das dann doch nicht rechtzeitig fertig wurde.

Keine Tickets für Westeuropäer

Noch vor zwei Monaten hieß es, der Contest müsse in ein anderes Land verlegt werden, da der Sportpalast nicht rechtzeitig fertig werden würde und es nicht genügend Hotels gebe. Kiew aber konzentrierte sich ganz auf die eine so wichtige Veranstaltung und sagte selbst sonst durchaus willkommene internationale Großereignisse ab. Nun hat der Palats Sportu, unverkennbar ein Monstrum aus sowjetischer Zeit, das 10000 Zuschauern Platz bietet, zwar eine Air-Condition, aber keine Fassade mehr. Sie wurde mit grünem Stoff verhängt, als stünde eine Asbestsanierung bevor. Nachts aber verwandelt sich das Grün dank Lichteffekten in einen prachtvollen Sternenteppich.

Nicht verdecken ließ sich, daß vor allem Westeuropäer so gut wie keine Chance hatten, an Karten für den Eurovision Song Contest zu kommen, weder an Tickets für die tagelangen Proben noch für Halbfinale und Finale. Zweimal wurde der Verkauf übers Internet zunächst verschoben, dann - vom 21. März an - brach die Seite tagelang zusammen. Schließlich hieß es, es gebe keine Karten mehr. Die Proben in dieser Woche bewiesen jedoch das Gegenteil: Zum Teil blieben 90 Prozent der Plätze leer.

Zu politisch für den unpolitischen Wettbewerb?

Das Finale an diesem Samstag wird sicher vor vollem Haus stattfinden - trotz Ruslanas kurzfristiger Absage, den Abend mit seinen Hunderten Millionen Fernsehzuschauern zu moderieren. Sie folgte, nachdem ihr höflich mitgeteilt worden war, ihre Sprachkenntnisse reichten möglicherweise nicht aus, um die Punkte auf Englisch und Französisch zu vergeben. Nicht nur Deutschland, auch die Ukraine hatte bis zuletzt ihre Eurovisionsskandale.

Übergangen, schon zum zweiten Mal, fühlt sich vor allem die ukrainische Sängerin Ani Lorak. Schon 2004 hatte sie den Vorentscheid gegen Ruslana verloren, in diesem Jahr tauchte plötzlich die Gruppe Gryndzholy (was soviel heißt wie hölzerner Schlitten) auf und schnappte ihr den ersten Platz weg. Gryndzholys Hymne "Razom Nas Bahato!" (Gemeinsam sind wir viele) hatte vergangenes Jahr die ganze Ukraine bewegt.

Die Revolutionshymne kommt nicht mehr an

Nun sollte auch die ganze Welt die Revolution zu hören bekommen, entschied die neue Regierung. Gryndzholy wurde nachnominiert und gewann. Ani Lorak, die während der Revolution Juschtschenkos Gegenspieler Wiktor Janukowitsch unterstützt hatte, witterte eine späte Rache.

Im vergangenen Jahr war es ein Glück für die Ukraine, daß Ruslana den Contest gewann. In diesem Jahr könnte Gryndzholy allerdings eine Fehlbesetzung sein: Die drei Künstler mußten ihren Liedtext mit Anspielungen auf Juschtschenko ändern, weil er zu politisch für den eigentlich unpolitischen Contest war. Nun mag selbst die ukrainische Jugend die Revolutionshymne nicht mehr so recht und bevorzugt die Griechin Helena Paparizou.

Text: F.A.Z., 21.05.2005, Nr. 116 / Seite 7
Bildmaterial: dpa/dpaweb

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