Von Marco Dettweiler
24. April 2007 Der Mensch ist ein Wolf. Diese Metapher ist genauso alt wie wahr. Allein schon diese Eigenschaft unterscheidet ihn vom Eisbären. Mit seiner Einsamkeit kann der Wolf nur schlecht umgehen. Der Canis lupus, wie ihn die Intellektuellen nennen, bildet Rudel, um die wölfische Wärme zu spüren. Nur wenn er sich dort sicher fühlt, zieht er mit seinen Artgenossen los, jagt seine Beute, ohne darüber nachzudenken, dass er selbst mal ein verlassenes Wesen war. Ja, auch Knut wird irgendwann seinen lieben Tierpfleger jagen.
In Schleswig-Holstein ist nun seit etwa 190 Jahren erstmals wieder ein Wolf aufgetaucht. Süß, 38 Kilogramm schwer und ein Jahr alt. Ein Rüde. Seine metaphorische Nähe zum Menschen und materielle Ferne zu anderen Artgenossen hat ihn wohl nach Süsel an der Ostsee getrieben. Was hat er da nur gesucht? Menschen natürlich, das Rudel, die Gemeinschaft. Weil nur die wenigsten wissen, wie in Wirklichkeit ein Wolf aussieht, hätte er sich als harmloser Hund tarnen können. Tierliebhaber hätten ihn in ihre Familie integriert, ausreichend Futter und trockene Decken wären ihm sicher gewesen.
Kein böser Wolf
Irgendwann wäre sein Tarnung aufgeflogen. Seine Adoptiveltern hätten sich dennoch nicht gefürchtet, sondern wären an die Öffentlichkeit gegangen, hätten den Medien erzählt, dass sie einen - doch nur scheinbar bösen - Wolf aufgenommen haben. Niemand hatte Angst vor ihm, alle hatten sich in ihn verliebt. Dass er sich in all den Jahren dem Menschen angeglichen hat, hätte niemanden gestört, schließlich ist der Mensch ein Wolf.
Doch schon der erste Kontakt des Wolfes mit dem Menschen hatte für ihn fatale Folgen. Ein Auto hat ihn überfahren. Die Polizei war zu einem Unfall mit einem sehr großen Hund gerufen worden. Hätte der Fahrer anders reagiert, wenn er gesehen hätte, dass es sich um einen Wolf handelt? Vermutlich nicht. Vielleicht wenn es ein Eisbär gewesen wäre. Man weiß es nicht. Wie anders ist die Reaktion einer Tierärztin zu erklären, die den armen Wolf nach seinem Tod untersucht hat: Sollte es sich bestätigen, dass es sich bei dem überfahrenen Tier um einen wilden zugewanderten Wolf handelt, dann wäre ich sehr glücklich. Sei froh, Knut, dass du kein Wolf bist.
Knut - es kann nicht nur einen geben! Auch andere Tiermütter haben knuddelige Babys. Ebenso verdient Menschliches abseits der großen Geschehnisse manchmal unsere Aufmerksamkeit. Nicht nur Ereignisse wie ein Besuch im Berliner Zoo können ans Herz gehen. FAZ.NET wird daher in loser Folge so lange den Knut des Tages ausrufen, bis der kleine Eisbär erwachsen geworden ist. Dann - und nur dann - könnte er sogar selbst zum Knut des Tages werden.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: FAZ.NET