02. Februar 2005 Mörder. Das Urwort schürt Urängste. Wenn ein solches Wort in Serie geht, vervielfacht sich sein vorzeitlicher, vorrechtlicher Schrecken. Die serielle Produktion in der Manufaktur mag den Arbeiter von allem Urtümlichen getrennt und in eine abgeleitete, modern gebrochene Welt katapultiert haben. Der Serienmörder aber schiebt den Mord nicht in eine entfremdete Ferne, sondern holt den althochdeutschen murdreo unmittelbar in die Moderne.
Jack the Ripper, der 1888 wenigstens sieben Prostituierte tötete, machte im früh modernisierten London den Anfang. Als sich der Inbegriff des Modernen von England nach Amerika verschob, wurde auch der Serienkiller ein Phänomen besonders der amerikanischen Moderne. Er ist es geblieben. Bücher und Internetseiten, die sich mit dem abstoßend-faszinierenden Stoff beschäftigen, kennen vor allem Massenmörder aus den Vereinigten Staaten.
Kosenamen für Killer
Die Öffentlichkeit gibt Serienmördern Namen: der mit dem Hackebeilchen, der Kannibale von Milwaukee, der Vampir von Düsseldorf, die Schwarze Witwe, der Sniper. Ein weiteres Beispiel ist Doktor Tod: Der englische Hausarzt Harold Shipman, dem fünfzehn Morde nachgewiesen wurden, hat wahrscheinlich 250 Patienten getötet. Die Kölner Altenpflegerin Marianne Nölle soll mit dem Beruhigungsmittel Truxal zahlreiche Menschen umgebracht haben. Der Todesengel wurde 1993 wegen sechs nachgewiesener Giftmorde zu lebenslanger Haft verurteilt.
Ein Fall mutmaßlichen Patientenmordes ist jetzt auch im Allgäu aufgedeckt worden. Ein Pfleger soll in einem Krankenhaus in Sonthofen 29 Patienten tödliche Spritzen gegeben haben, sein angebliches Motiv: Mitleid. Auch für diesen mutmaßlichen Mörder ist schon ein Name bereit: der Todespfleger von Sonthofen wird er genannt. Sollte sich der Tatverdacht gegen den 26 Jahre alten Mann erhärten, handelte es sich bei dem Fall um die größte Tötungsserie der deutschen Nachkriegsgeschichte.
Totmacher a.D.
Der fürchterliche Rekord verhüllt die vergleichsweise beruhigende Tatsache, daß die deutsche Vorkriegsgeschichte sehr viel reicher an Serienmorden ist als die Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg. Karl Denke ermordete im Ersten Weltkrieg 26 Männer und fünf Frauen, Fritz Haarmann tötete in der Zwischenkriegszeit in Hannover wenigstens 26 junge Männer, dem Berliner Würstchenverkäufer Carl Grossmann fielen um 1920 23 Frauen und Mädchen zum Opfer. Der bislang jüngste Fall eines vielfachen Mordes in Deutschland war kein Serienmord im engeren Sinne einer Folge zeitlich bis zu einigen Jahren auseinanderliegender Morde: Robert Steinhäuser erschoß an einem einzigen Tag, am 26. April 2002, in einem Erfurter Gymnasium 16 Menschen.
Rudolf Pleil, der sich selbst Totmacher a.D. nannte, wollte Ende der vierziger Jahre der größte deutsche Massenmörder sein. Er wurde zu lebenslangem Zuchthaus wegen zehnfachen Mordes verurteilt. Pleil hatte mehreren Frauen den Schädel gespalten. Weitere Morde, die er wahrscheinlich in der Sowjetunion beging, wurden nicht aufgeklärt. Anfang der sechziger Jahre begann der fünfzehn Jahre alte Kirmesmörder Jürgen Bartsch, auf dem Jahrmarkt Jungen anzusprechen und sie in einen Luftschutzstollen in Langenberg im Bergischen Land zu locken. Sein viertes und letztes Opfer ermordete Bartsch, als er 19 Jahre alt war. Er entkleidete und fesselte seine Opfer und befriedigte sich dabei selbst. Dann würgte oder erschlug er die Kinder, zerstückelte sie mit einem Messer und vergrub die Leichenteile im Stollen.
Tod durch Narkosefehler
Im Juni 1966 nahm die Polizei ihn fest. Immer wieder wurde die Geschichte der schweren Kindheit des 1946 unehelich geborenen Bartsch erzählt, der als Säugling die tuberkulöse Mutter verlor. Das Schlachterehepaar, das ihn adoptierte, prügelte den Jungen, ein Vetter und ein Pater im katholischen Internat mißbrauchten ihn. Im Prozeß 1967 schilderte Bartsch, daß ihn das Zerschneiden der Leichen zu einer Art Dauerorgasmus brachte. Er wurde zunächst zu lebenslanger Haft verurteilt. Der Bundesgerichtshof rügte 1969, daß kein Sexualwissenschaftler als Gutachter herangezogen worden war. An dem Fall entzündeten sich Diskussionen über die Therapiefähigkeit von Mördern und die Bedeutung von Kindheit, Sexualität und Umwelt für Delinquenz.
In einem Revisionsprozeß wurde Bartsch 1971 nach Jugendstrafrecht zu zehn Jahren Haft und anschließender Einweisung in eine Heilanstalt verurteilt. Im Jahr 1976 unterzog er sich, weil er nach eigenen Worten nicht Trieb, go home sagen konnte, einer Kastrationsoperation. Dabei starb er durch einen Narkosefehler.
Oftmals Serientäter
Der Blaubart von Fehmarn, der aus Pommern stammende Astrologe Arwed Imiela, wurde 1973 in einem Indizienprozeß wegen Mordes an vier Frauen verurteilt. Die Opfer waren zwei Mütter und ihre Töchter. Zwei der Leichen blieben unentdeckt. 1976 wurde Fritz Honka, der Frauenmörder von St. Pauli, wegen Mordes in einem Fall und Totschlags in drei Fällen verurteilt. Opfer des Wachmanns waren ältere Prostituierte. Die Polizei hatte die Leichen in Abseiten in Honkas Wohnung gefunden. Wenigstens acht Menschen tötete der Duisburger Waschraumwärter Joachim Kroll. Polizisten waren 1976 auf die Spur des Kannibalen gekommen, weil ein vier Jahre altes Mädchen vermißt wurde.
Bei der Suche stießen sie auf einen Mann, der über eine verstopfte Etagentoilette klagte. Leichenteile blockierten die Rohre. Auf Krolls Herd köchelte angeblich in Kartoffeln und Karotten die Hand des vermißten Mädchens. Mitte der achtziger Jahre soll der Hammermörder Norbert Poehlke, ein Polizeiobermeister, mit seiner Dienstpistole bei Heilbronn drei Autofahrer erschossen und mehrere Banken überfallen haben, bevor er seine Frau, seine zwei Kinder und sich selbst in Italien erschoß. Auch der mutmaßliche Mörder der Kinder Levke und Felix könnte ein Serientäter sein: Die Polizei hält es für möglich, daß er weitere Mädchen und Jungen getötet hat.
Text: flf., Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.02.2005, Nr. 28 / Seite 11
Bildmaterial: AP
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