Von Anna v. Münchhausen
14. Mai 2006 Wenn an diesem heiteren Sonntagmorgen Tausende von Frauen beglückt auf Blumen, Parfüms und selbstgemalte Bilder blicken, ist die Familienwelt in Ordnung. An den zurückliegenden 364 Tagen aber hatten wir deutschen Mütter es wieder sehr schwer.
Ein Auszug aus dem Katalog der Klagen und Beschwerden der vergangenen zwei Wochen, gesammelt im Supermarkt, beim Kaffee, im Chatroom, ohne Anspruch auf Vollständigkeit: Wickeltisch in der Tankstelle fehlt. Warnhinweis am giftigen Strauch auf dem Spielplatz vermißt. Sommerzeit - inkompatibel mit Kinder-Schlafrhythmus. Nirgendwo abgeflachte Bordsteine an Kreuzungen. Aufzüge in U-Bahn-Stationen Mangelware. Chef gibt teilzeitarbeitender Mutter nicht frei, obwohl für Vertretung gesorgt. Faule Lehrer/zu anspruchsvolle Lehrer/zu wenig Lehrer. Die Sommerferien beginnen zu früh/zu spät. Krankenkassen weigern sich, Kosten für Hustensaft/Verbandszeug/Zahnspangenbehandlung zu übernehmen. Und so weiter.
Zufrieden seid ihr wohl nie, was?
Dabei sind die besonders schwerwiegenden Klagen nicht einmal erfaßt, wie fehlende Betreuungsplätze für Kinder unter drei Jahren, die unterdurchschnittliche Qualifikation vieler Erzieher sowie der Mangel an Hortplätzen für Schulkinder.
Manchmal öffnet der Blick von außen die Augen. Anruf einer Freundin aus Edinburgh. Was ist bei euch eigentlich los? fragt Sheila, Anlageberaterin und Mutter von drei Kindern, das Jüngste gerade mal ein Jahr. Jetzt habt ihr nicht nur eine Kanzlerin, sondern obendrein noch eine siebenfache Mutter im Kabinett, die gleich mit Mona-Lisa-Lächeln Elterngeld durchsetzt, sogar die Väter rankriegen will - aber zufrieden seid ihr wohl nie, was?
Es ist nicht das erste Mal, daß Sheila staunt, wenn wir uns darüber unterhalten, wie wir klarkommen als berufstätige Mutter in Großbritannien (Super-Mom) und in Deutschland (Rabenmutter). Und dabei stellt sich heraus, daß die Lage hierzulande als gar nicht mal so übel eingeschätzt wird. Umfassender Kündigungsschutz während der gesamten Elternzeit, Mutterschutz sechs Wochen vor, acht Wochen nach der Geburt, Kindergeld von 154 Euro pro Monat, sogar über das 18. Lebensjahr hinaus, wenn die Ausbildung nicht abgeschlossen ist, Kinderzuschlag für Geringverdiener . . . Ist das nichts?
Sheila berichtet, daß sich britische Arbeitgeber ihren weiblichen Angestellten gegenüber bedeutend ruppiger verhalten. Bezahlten Mutterschaftsurlaub gab es für die Schottin genau sechs Wochen lang, für weitere 20 Wochen zahlt Tony Blair seinen Landsmüttern 108 Pfund, und zwei Wochen lang dürfen auch Väter kurz mal aus dem Job aussteigen und wickeln. Anspruch auf Teilzeitarbeit? Unbekannt. Von einer hochemotional geführten Debatte über die Misere der Familien in Großbritannien war freilich noch nichts zu vernehmen.
Passabel im internationalen Vergleich
Seit etwa dreißig Jahren diskutieren hierzulande Frauen, Männer, Politiker und Experten über Familienpolitik, Arbeitsteilung im privaten Bereich, Steuervorzüge für Erziehende. Daß das alles nicht das geringste gebracht habe, ist eine Behauptung, die durch Wiederholung nicht richtiger wird. Im internationalen Vergleich steht Deutschland mittlerweile recht passabel da. Und anderswo ist auch nicht alles Gold, was Familien hingehalten wird.
Beispiel Elterngeld: In den Vorbild-Staaten Schweden, Norwegen und Dänemark gibt es das natürlich längst - aber nicht unbegrenzt. In Finnland wird es durchschnittlich neun Monate, in Dänemark sechs gezahlt. Bis das Kind acht Jahre alt ist, dürfen Schwedens Väter und Mütter ihre Arbeitszeit zwar täglich um zwei Stunden verkürzen; einen Lohnausgleich gibt es dafür nicht. Auch in unserem Nachbarland Frankreich hat der Geldsegen ziemlich rasch ein Ende: Elterngeld gibt es für maximal zwölf Monate.
Beispiel Kündigungsschutz: Berufstätige Schweizerinnen können gerade mal vier Monate lang damit rechnen. Mutterschaftsbeihilfe hingegen gibt es nur in einigen Kantonen und nur für Mütter in besonders prekärer Situation. Von der Arbeitsplatzsicherung für britische Mütter war bereits die Rede.
Beispiel Kindergärten: Teuer ist gute Betreuung überall - entweder für den Staat oder für die Eltern. Nach einem Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz hat in Frankreich noch niemand gerufen - aus einem einfachen Grund: Die Ausstattung mit Krippen und Ecoles maternelles ist bereits flächendeckend, und das läßt sich die Politik etwas kosten. Dafür werden Familien mit mehr als zwei Kindern allerdings durch eine Solidaritätsabgabe belastet, die Contribution Sociale Generalisee, die sogar höher ausfallen kann als die Einkommenssteuer. In Großbritannien hingegen haben Eltern die Kosten für Kinderbetreuung selbst zu übernehmen, und 500 Pfund Monatsgebühr für eine gewöhnliche Primary School sind keine Ausnahme.
Ein Platz in einer amerikanischen Kita kostet gut und gern 900 Euro. Urlaub ist ein knappes Gut, mehr als zehn bis zwölf Tage im Jahr gibt es gewöhnlich nicht, und freie Tage für die Betreuung eines kranken Kindes lassen sich einem Chef in New York nur mit einer entschlossenen Charme-Offensive entlocken.
150 Milliarden staatliche Familienfürsorge
Volkswirte der Universität Frankfurt wollten genau wissen, worauf Familien in Deutschland Anspruch haben. Sie entdeckten 155 unterschiedliche Leistungen, ein von 38 Behörden ausgeschüttetes Füllhorn.
Die Bundesbank bezifferte die staatliche Familienfürsorge auf 150 Milliarden Euro, die sich zusammensetzen aus Dienstleistungen (zum Beispiel Kindergärten) und Geldleistungen (Kindergeld etc.). Das sichert Deutschland Platz sechs unter den Nachbarstaaten (siehe Graphik), sogar vor Großbritannien und den Niederlanden. Länder, in denen allerdings mehr Kinder geboren werden als bei uns.
Kinder zu haben ist kein rationales Unterfangen
Am Geld allein, an den staatlichen Transferleistungen für Familien, kann es also nicht liegen, daß wir es hierzulande so schwer haben und mittlerweile Europameisterin im Klagen wurden, wie Sheila behauptet. Warum seht ihr immer nur das Geld, die Schwierigkeiten? Kinder zu haben ist kein rationales Unterfangen.
Stimmt. Allerdings hat keine frühere Generation Nachwuchs so ernst genommen, wie es im Milieu des deutschen Mittelstandes derzeit die Regel ist. Das Projekt Kind wird oft von langer Hand geplant und mit größter Gewissenhaftigkeit umgesetzt. Das ist nicht verkehrt - aber es hat seinen Preis: Das umsichtige Großziehen der Kleinen ist ein soziales Erfolgsbarometer, was den gesellschaftlichen Erwartungsdruck gerade der Mutter gegenüber enorm erhöht. Diese Aufgabe mit leichter Hand in Angriff zu nehmen ist hoch verdächtig, als Norm gilt die Mater dolorosa, überlastet, überfordert, aber zäh.
Dreiklang: Kind-Karriere-Kollaps
Einerseits sollen wir dem traditionellen Rollenbild entsprechen, rund um die Uhr versorgen, kleiden, erziehen, trösten und ermutigen. Andererseits möchten wir dem Ideal der unabhängigen Frau genügen, die ihren Platz in der Berufswelt sichert. Eine übermenschliche Anstrengung, die zwangsläufig in eine Zerreißprobe ausartet, nicht selten sogar im Dreiklang von Kind-Karriere-Kollaps.
Aber dieser Konflikt ist nicht lösbar. Im Sinn einer von mehreren Optionen hat das Modell des Alleinernährers plus Vollzeit-Mutter seine Berechtigung. Als Modell für die Zukunft ist es weltfremd, weil es die veränderten Bildungsniveaus der Frauen und die neue Rollenverteilung zwischen Mann und Frau unberücksichtigt läßt.
So gesehen, erfüllt das Klagelied durchaus eine entlastende Funktion. Kürzlich erst breitete die Literaturkritikerin Iris Radisch in der Zeit grimmig aus, was Mütter alles zu schultern haben. Jede voll berufstätige Mutter von kleinen Kindern weiß: Die angepriesene Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist eine Schimäre. Da gibt es nichts zu vereinbaren. Da gibt es nur etwas zu addieren. Und zwar Arbeit plus Arbeit. Und das Ergebnis ist: Erschöpfung . . .
Mutterschaft ist kein Fluch
Wahr ist allerdings auch: Je mehr wir Mütter Beschwerde führen, desto lauter antworten uns die Familien-Ideologen in den tiefen Sesseln und geißeln die weibliche Anspruchshaltung. Selbst die Zeit stimmte kürzlich das Hohelied von der Würde der natürlichen Bestimmung an und erkannte im Gebären und im Stillen, im Wechseln der Windeln und im einschläfernden Wiegen des Babys ein erotisches Erlebnis höchster und seltenster Art, das ein Mann niemals in derselben Weise wird haben können. Daß dieses erotische Erlebnis unter anderem Verpflichtungen wie Elternabende mit sich bringt, die etwa so erotisch sind wie eine ausgeleierte Kindersocke, blieb unerwähnt.
Immer noch wird die Leistung von Müttern kaum anerkannt, geschweige denn angemessen gewürdigt. Mutterschaft ist kein Fluch, beileibe nicht. Es ist in Sachen Sozialkompetenz, Organisation und Management das effizienteste Lern- und Aufbauprogramm, das sich denken läßt. Es geht nicht um die vielbeschworenen ersten drei Jahre. Auch nicht um ein paar Jahre Elternzeit. Eine Frau, die sich auf dieses größte aller Lebensexperimente einläßt, geht in eine fast zwei Jahrzehnte währende Verlängerung. Sie braucht Biß - um die permanente Müdigkeit wegzustecken. Sie braucht Vertrauen - um damit fertig zu werden, daß sich nicht alles daheim kontrollieren und steuern läßt.
Und schließlich braucht sie die Gelassenheit, um zu akzeptieren, daß sie ersetzbar ist. Ersetzbar unter anderem durch den Vater ihrer Kinder. Durch Tanten, Onkel, Freunde, Freundinnen, Großeltern, Au-pairs oder Babysitter. Sie machen es selbstredend niemals so gut wie wir, aber auch nicht ganz schlecht. Delegieren fällt schwer, wenn wir Macht genießen. Mal als Mutter so richtig versagen - wäre das nicht ein geeigneter Schritt, um sich vom Zwang des Perfektionismus zu verabschieden?
Weißt du eigentlich, fragt Sheila, daß Mütter entscheidenden Einfluß auf das Denken und Handeln der nächsten Generation nehmen? Wenn du willst, daß deine Tochter es später besser hat als du, dann hör einfach auf mit deinem Gejammer.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 14.05.2006
Bildmaterial: picture-alliance / dpa/dpaweb, picture-alliance/ dpa/dpaweb
