Internet

Verabredung zum Sterben

Von Anne Schneppen

Per Handy ins Netz zu Gleichgesinnten

Per Handy ins Netz zu Gleichgesinnten

14. Juli 2003 Als die Polizei in Kyoto die Wohnungstür aufbrach, waren die drei schon seit mehreren Tagen tot. Ihr Ende hatten sie sorgsam vorbereitet. Fenster und Türen waren mit Klebestreifen abgedichtet, die Glasscheiben verhängt. Das Todeswerkzeug, ein kleiner Holzkohleofen, stand mitten im Zimmer. Eine kurze Abschiedsbotschaft wurde gefunden, ein Computerausdruck, den der dreißigjährige Wohnungseigentümer zurückgelassen hatte: "Ich beende mein Leben, weil es keine Hoffnung für die Zukunft gibt." Der Mann und die beiden Frauen, die eine 21, die andere 18 Jahre alt, kamen aus unterschiedlichen Städten, sie verband nichts als der Todeswunsch - und das Internet. Dort, in einem Chat-Room, in der Anonymität des World Wide Web, hatten sich die drei gefunden und zum Sterben verabredet.

Seit dem ersten spektakulären "Internet-Selbstmord" in der neben Tokio gelegenen Provinz Saitama im Februar hat es elf ähnliche Fälle gegeben, insgesamt 32 Tote bis Anfang Juli. Die Opfer: Schüler, Studenten, Angestellte, Arbeitslose, mehr Männer als Frauen, die meisten zwischen 20 und 30 Jahre alt. Gemeinsam war allen, daß sie einsam waren, aber nicht alleine sterben wollten. Sie fanden Ermutigung bei Fremden, in einschlägigen Suizid-Foren. Jüngere vertrauten sich einem Älteren an, der die Planung und Führung übernahm. Fast alle starben, nachdem sie auf zu diesem Zweck angeschafften Öfen Holzkohlebriketts entzündet und den Rauch eingeatmet hatten.

Lesen auf eigenes Risiko

Es gibt unzählige japanischsprachige Seiten im Internet, die sich mit Selbstmord befassen. Einige wollen davon abhalten. Andere, und sie scheinen weit in der Überzahl, verherrlichen den Suizid, lesen sich wie Anleitungen zum Sterben. Zwar wird der Web-Gast manchmal mit warnenden Worten empfangen: "Wer weiterliest, tut dies auf eigenes Risiko, keinesfalls ist der Inhalt als Aufforderung zum Sterben gedacht" - als schließe der virtuelle den realen Selbstmord aus. Doch wer in dieser gespenstischen Unterwelt zu surfen beginnt, die tiefschwarz unterlegte Homepage hinter sich läßt, gerät in Online-Diskussionen, die sich zum Beispiel mit der Frage der sichersten Methode beschäftigen, den empfohlenen Tabletten, geeigneten Hochhäusern, Zugstationen oder dem richtigen Knoten für den Strick. Mitunter werden die finanziellen Risiken für die Hinterbliebenen abgewogen, Rücksicht angemahnt: Wenn man sich vor einen Zug wirft, kann das Kosten von ein bis zwei Millionen Yen verursachen wegen der Kompensation für die Betreiber der Bahn. Und wer sich zu Hause erhängt, bürdet seiner Familie fünf Jahreszahlungen an Miete auf, weil die Wohnung so lange als nicht vermittelbar gilt.

Selbstmord-Pakte über das Internet hat es seit dem Ende der neunziger Jahre mehrfach gegeben, zum Beispiel in Südkorea. Doch die Häufung der vergangenen Monate in Japan ist bislang einzigartig. Während manche erregt Kontrollen und Zensur im Internet fordern, sehen andere das eigentliche Problem in fehlender Prävention und unzureichender psychologischer Betreuung für Depressive und Selbstmordgefährdete.

Tod und Selbstmord sind Bestseller

Japan hat seit Jahren schon mit einer steigenden Selbstmordrate zu kämpfen. Ende der neunziger Jahre schnellte die Statistik in die Höhe, erstmals auf mehr als 30000 Fälle. Im Jahr 2001 - dem Jahr der jüngsten Erhebung - wurden 31042 Selbstmorde registriert. Das entspricht rund 24 Suiziden auf 100000 Einwohner (gegenüber 15 in Deutschland). Fachleute schätzen, daß die Dunkelziffer noch weit darüber liegt, weil manche aus Scham den "Freitod" ihrer Angehörigen verheimlichen, etwa Ärzte dazu bewegen, in der Sterbeurkunde eine andere Todesursache zu nennen. Betroffen sind in letzter Zeit vor allem Männer im Alter von 50 bis 60 Jahren: Rezessionsopfer. Psychiater und Ärzte ziehen eine Verbindung zu der andauernden Wirtschaftsflaute: In einer Gesellschaft, in der das Selbstwertgefühl weitgehend an die Firma und die gesellschaftliche Stellung gebunden ist, wird der Verlust der Arbeitsstelle zum bedrohlichen Gesichtsverlust.

Bücher zu Tod und Selbstmord sind Bestseller. Die vor zehn Jahren erstmals erschienene "Anleitung zum Sterben" wurde 1,2 Millionen Mal verkauft. Die Massenmedien üben keine Zurückhaltung, berichten oft detailliert über Selbstmorde und Methoden. Nicht selten kam es so zu regelrechten Modeerscheinungen. Eine Zeitlang häuften sich Sprünge von Hochhäusern. Dann gab es eine Welle von Selbstmorden in Hotelzimmern, gewöhnlich mit dem Strick. Ein berüchtigtes Terrain liegt in den dunklen Wäldern am Fuße des Fuji-san, wo allein im vergangenen Jahr 80 Tote gefunden wurden. Nun ist es eine Serie von Internet-Selbstmorden, die das Land in Aufruhr versetzt.

In einen Strudel geraten

Die Nationale Polizeibehörde, Politiker und Wissenschaftler zeigen sich hilflos, ringen um Erklärungen. Was treibt junge Menschen dazu, sich mit Fremden, in einer zufälligen Schicksalsgemeinschaft, in den Tod zu stürzen? Den Partner fürs Sterben in einer Annonce zu suchen wie einen Kameraden für den Kinobesuch? Einige Überlebende berichten, sie seien "nur so" auf die Selbstmordseite gestoßen und dann in einen Strudel geraten, aus dem es irgendwann kein Entkommen mehr gab. "Manchen Jugendlichen ist das Gefühl für die Realität abhanden gekommen, sie leben in ihrer imaginären Welt und betrachten noch das Sterben wie ein Spiel", glaubt der Soziologe Tamotsu Sengoku, der das Japanische Jugendforschungsinstitut leitet. Wissenschaftler verweisen seit längerem darauf, daß es einer wachsenden Zahl Jugendlicher schwerfällt, Bindungen einzugehen, sei es zu Eltern, Geschwistern oder Klassenkameraden, daß zu Hause kaum noch geredet wird. Die Sprachlosigkeit vieler Ehepaare setze sich im Verhältnis zu den Kindern fort. Einsamkeit sei ein beinahe schon typisches Lebensgefühl. Ins Extrem gesteigert, reflektiert sich das in den jüngsten Internet-Selbstmorden.

"Kinder sind nicht mehr von Erwachsenen umgeben, die ihnen zeigen, wie man Probleme löst, was man tun kann, wenn man sich klein, unglücklich oder unsicher fühlt. Sie ziehen sich zurück in ihr Zimmer, das die Eltern kaum noch zu betreten wagen. Und da versenken sie sich in ihre eigene Welt, ins Internet, kommunizieren nur noch über E-Mail oder Mobiltelefon", meint der Biologie-Professor Kiyohiko Ikeda, der ein Buch über die Beziehungslosigkeit in der japanischen Gesellschaft geschrieben hat. Er geht hart mit der jungen Generation ins Gericht, attestiert ihr "eine völlig überzogene Ich-Bezogenheit". Mit dieser These ist er nicht allein.

Psychotherapie ist nicht gesellschaftsfähig

Anders sieht das Yumiko Misaki von "Inochi No Denwa". Die Telefonseelsorge, die vor 32 Jahren von einem Methodisten-Priester ins Leben gerufen wurde und mittlerweile ein riesiges Netz von Dependancen und 8000 Beratern hat, ist eine Anlaufstelle für Verzweifelte. "Viele junge Anrufer sind davon überzeugt, daß sie nichts richtig machen können, daß sie zu nichts taugen. Sie werden ihren eigenen Leistungsansprüchen und denen ihrer Umwelt nicht gerecht", berichtet Misaki. "Sie haben niemanden, der ihnen zuhört, sie fühlen sich ganz allein. Und sie wissen nicht, wie man Freunde findet."

Die Anonymität am Telefon ist ein großer Vorzug, denn der Gang zum Psychiater oder Psychologen ist noch längst nicht gesellschaftsfähig. Psychische Probleme werden in der Regel vor Kollegen, Nachbarn oder Familie verheimlicht; vor allem auf dem Land ist das der Fall. So ist Inochi No Denwa ein Lichtblick im Tunnel - allerdings nicht mehr die passende Adresse für die junge Generation. Während die Zahl der Selbstmorde steigt, stagniert die Zahl der Anrufer. Die Fünfzehn- bis Dreißigjährigen bevorzugen als Medium das unverbindliche Internet, wo sie in Fremden vermeintlich Seelenverwandte finden.

Angehörige werden stigmatisiert

Viel zu spät hat die Regierung reagiert, Mittel für die Prävention bereitgestellt, Informationsbroschüren herausgegeben, wie man Symptome einer Depression erkennen kann. An neuen U-Bahn-Stationen wurden Barrieren vor den Gleisen errichtet, die sich erst öffnen, wenn der Zug eingefahren ist. Und wenn neue Häuser entstehen, macht man sich nicht nur Gedanken über deren Erdbebensicherheit. Doch Fachleute halten das bei weitem nicht für ausreichend. "Es wird viel zu wenig Geld zur Verfügung gestellt, es gibt zu wenig Beratungsstellen und nicht genügend Psychiater oder geschulte Psychologen, zum Beispiel an den Schulen", sagt Alfons Deeken, Professor Emeritus an der Sophia-Universität in Tokio. Als er 1982 seine Organisation für "Sterbeerziehung und Trauerarbeit" gründete, stieß er in ein Vakuum - über den Tod und das Sterben wurde nicht gesprochen, die Ärzte verheimlichten Patienten sogar die Diagnose Krebs. Der Deutsche, der seit 44 Jahren in Japan lebt, gab den trauernden Angehörigen ein Forum, sich auszusprechen.

Heute hat die Vereinigung 47 Filialen im ganzen Land. Das Thema Selbstmord allerdings hält Deeken nach wie vor für ein "gesellschaftliches Tabu" - obwohl die japanische Literatur den Selbstmord seit Jahrhunderten "als ehrenwerten Ausweg aus auswegloser Situation" verherrlicht. "In Wirklichkeit ist ein Selbstmord auch in Japan kein großer Abgang, sondern eine Verzweiflungstat." Den Hinterbliebenen bleibt nicht nur die Trauer und der Schock, sondern auch ein Stigma. Deeken erzählt von einem Paar, das verzweifelt seinen Rat suchte. Die beiden wollten heiraten, alles war geplant, doch dann beging der Bruder des Bräutigams Selbstmord. Die Hochzeit wurde abgesagt. Plötzlich war die Familie der Braut mit der Ehe nicht mehr einverstanden.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.07.2003, Nr. 161
Bildmaterial: AP

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