Michael Jackson

Kranker schwarzer Mann

Von Martina Lenzen-Schulte

Ein Foto des Teenagers, der unter schlimmer Akne und offenbar auch schon ersten hellen Stellen am Haaransatz litt

Ein Foto des Teenagers, der unter schlimmer Akne und offenbar auch schon ersten hellen Stellen am Haaransatz litt

03. Juli 2009 

„Ich schaue in den Spiegel und ich weiß, ich bin schwarz“, sagte Michael Jackson, als er mit dem Vorwurf konfrontiert wurde, er verleugne seine Wurzeln als Afro-Amerikaner. Selbst seine Bewunderer mochten es ihm nicht mehr glauben, denn am Ende hatte er weder eine weiße Weste noch eine dunkle Hautfarbe. Das Bleicherwerden seiner Haut wird dabei zusammen mit seinen plastischen Operationen - erkennbar vor allem an der veränderten Nase - als Streben nach einem „weißen“ Schönheitsideal gedeutet. Vereinzelt werben indessen eingefleischte Anhänger um Verständnis für den „King of Pop“ und trennen die kosmetischen von den medizinischen Eingriffen. Jackson habe an einer weitverbreiteten Hautkrankheit gelitten. Das unnatürliche Weiß der späten Jahre sei dem Versuch geschuldet, die immer größer werdenden weißen Flecken auf seiner dunklen Haut im Gesicht zu vereinheitlichen.

Die Rede ist von der Vitiligo, die im Deutschen nicht umsonst Weißfleckenkrankheit heißt. Sie kommt bei allen Rassen vor, etwa ein Prozent aller Menschen ist betroffen, auf der ganzen Welt sind es Millionen. Den Patienten fallen plötzlich weiße Flecken auf, zum Teil symmetrisch verteilt, etwa auf beiden Handrücken, bevorzugt auch im Gesicht. Man kennt keine Ursache. Man findet lediglich, dass es in den weißen Flecken der Oberhaut keine Zellen mehr gibt, die das Pigment Melanin herstellen. Die Konzentration und Schichtung dieses Farbstoffs bestimmt die Hautfarbe aller Menschen. Die Theorie besagt, dass sich die Melanozyten entweder selbst zerstören, oder sie werden von körpereigenen Abwehrzellen eliminiert. Warum das passiert, weiß niemand. Die Flecken können sich spontan zurückbilden, häufiger jedoch dehnen sie sich aus, so dass mitunter nur noch Brücken gesunder, dunkler gefärbter Haut zurückbleiben.

1993 erstmals dazu bekannt

Michael Jackson: Kranker schwarzer Mann

„Tatsächlich machen es allein manche Bilder, die im Internet von Michael Jackson zu sehen sind, mehr als plausibel, dass er an der Weißfleckenkrankheit litt“, sagt Hans Meffert. Der Berliner Dermatologe betreute an der Charité Hunderte von Vitiligo-Kranken, inzwischen behandelt der Professor Vitiligo-Patienten in einer Hautarztpraxis. Auch einige seiner amerikanischen Kollegen hielten es für wahrscheinlich, dass Michael Jackson an Vitiligo erkrankt war. Nicht selten weise man die eigenen Patienten auf den berühmten Leidensgenossen hin. Obwohl sich letztlich kein Dermatologe auf eine Diagnose festlegen möchte, bevor er den Patienten nicht „von der Locke bis zur Socke“, also am ganzen Körper, selbst inspiziert hat, erhärten viele andere Indizien die These, dass Michael Jackson hautkrank war.

Er selbst hat sich erstmals im Jahr 1993 in einem Interview mit der berühmten Fernsehmoderatorin Oprah Winfrey dazu bekannt. Gleichzeitig verwahrte er sich vehement dagegen, seine Haut aus freien Stücken zu bleichen, nur um hellhäutig zu werden. Die Vitiligo-Fraktion unter seinen Anhängern ruft dafür zudem als Zeugin Karen Faye auf, die Jackson mehr als 20 Jahre lang geschminkt hat. Lange habe sie versucht, so wird sie zitiert, die hellen Stellen dunkel zu überschminken, bis sie so überhandgenommen hätten, dass es leichter gewesen sei, die verbleibenden Reste aufzuhellen. Ob nun durch Schminke oder durch frei verkäufliche Hautbleichmittel wie Hydrochinon, bleibt dahingestellt.

Aufhellen kein unüblicher Weg

Jedenfalls untermauern Fotos vom Gesicht des Stars aus früheren Jahren diese Sichtweise: Man erkennt die uneinheitlich gefärbten Partien. Bei einer gleichmäßigen Bleichung wäre das nicht zu erwarten. Dass Jackson in späteren Jahren nur noch mit langen Ärmeln und oft mit Schirm zu sehen war, passt ebenfalls zur Diagnose. Die Kleidung sollte womöglich restliche dunkle Flecken verbergen, wie sie auf manchen Fotos erkennbar sind, wenn die Ärmel verrutschten. Der Sonnenschutz ist notwendig, denn Vitiligo-Kranke bräunen nicht mehr. Sie bekommen nur noch Sonnenbrand in den befallenen Hautpartien, weil dort das Melanin und damit der körpereigene UV-Filter fehlt.

Letzte Reste der gesunden Haut aufzuhellen ist kein unüblicher Weg, vor allem für dunkelhäutige Vitiligo-Patienten. Hellhäutige lassen sich dagegen nie mehr bräunen, damit sich die gesunde Haut umso weniger von den pigmentfreien Flächen unterscheidet. „Die Therapie richtet sich nach dem psychischen Leidensdruck der Erkrankten“, sagt Meffert. Der kann erheblich sein, obwohl die Vitiligo selbst sonst keine Beschwerden macht – weder Schmerzen noch Juckreiz. Es gibt eine breite Palette von Behandlungen, von innerer Bräunung der weißen Flecken mit Betacarotin über Salben mit Vitaminpräparaten und neueren Immunsuppressiva bis hin zu UV-Bestrahlungen, die zweimal wöchentlich über ein ganzes Jahr angewendet werden. Sogar Hauttransplantationen werden unternommen. „Manchmal sehen wir eindrucksvolle Erfolge“, sagt Meffert. „Allerdings lässt sich bei keiner Behandlung vorhersagen, ob und wie viel sie helfen wird.“ Manche Betroffene lassen sich auch nicht behandeln: Sie leben einfach mit den Veränderungen und versuchen nicht, sie zu verbergen.

Mit „Black Or White“ dagegen angesungen

Das aber konnte Michael Jackson offenbar nicht. Allerdings scheiterte er dabei, sich zu erklären. Nicht nur Oprah Winfrey wollte sich nicht mit einer medizinischen Ursache seiner bleichen Haut zufrieden geben. Auch in einem deutschen Internet-Dermatologieforum liest man: „Michael . . . wollte nicht mehr schwarz sein, er wollte nicht mehr schwul rüberkommen . . . Nu hat er Kinder, is weiß, und seine Haut is klinisch rein. . . Aber besser gehts ihm auch nicht . . .“ Jackson wird unterstellt, er wollte weiß sein. Das rührt an dem eigentlichen, dem ideologisch-rassistischen Kern der Frage nach der Hautfarbe.

Michael Jackson: Kranker schwarzer Mann

Dazu gibt es eine berühmte historische Parallele: Im Jahr 1796 wurde Henry Moss, ein Afro-Amerikaner aus Virginia, wegen seiner weißen Hautflecken nicht nur Schaulustigen in Tavernen, sondern auch vor der illustren American Philosophical Society präsentiert. Der Patient sei, schrieb damals ein Hautarzt, so bekannt gewesen wie Thomas Jefferson, der Mit-Verfasser der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung und dritte Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika (1801 bis 1809). Den Wandel von schwarz zu weiß deutete seinerzeit ein Mediziner und Aufklärer als „Heilung“. Man suchte sogar nach medizinischen Verfahren, um auch die Haut anderer Schwarzer dem weißen Ideal näherzubringen – „to produce a large proportion of happiness in the world“, wie es hieß, um mehr Glück in die Welt zu bringen.

Dagegen angesungen hat Michael Jackson, zum Beispiel in seinem Song „Black Or White“ aus dem Jahr 1991. Und darin heißt es, ob Schwarz oder Weiß, spiele letztlich überhaupt keine Rolle.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, picture-alliance/ dpa, REUTERS

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