Im Gespräch: Mürvet Öztürk, Grünen-Landtagsabgeordnete

„Irgendwie bin ich auch Türkin“

Von Ralf Euler

11. Mai 2008 „Irgendwie bin ich auch Türkin“, sagt die Abgeordnete Mürvet Öztürk, obwohl sie ja Deutsche ist. Die 35 Jahre alte Islamwissenschaftlerin, die über die Landesliste der Grünen in den Landtag gekommen ist, spiegelt damit die Befindlichkeit vieler Menschen wider, die in zwei Welten daheim sind.

Sie sind im Januar für die Grünen in den Landtag gewählt worden. Was hat Sie zu dieser Partei geführt?

Die Grünen stehen seit jeher für Ökologie, Menschenrechte und Vielfalt. Damit war für mich schon als Jugendliche, Anfang der neunziger Jahre, klar: Grün ist meine Heimat. Damals hatte ich allerdings noch keinen deutschen Pass, dachte, dass ich nicht aktiv mitmachen könnte und bin deshalb noch nicht formal in die Partei eingetreten. Meine Mitgliedschaft war eher Herzenssache.

Haben Sie die Erfahrung gemacht, dass es sich lohnt, sich politisch zu engagieren?

Ja. Gerade als Mensch mit Migrationshintergrund muss man früh lernen, wie die politischen Spielregeln funktionieren, und dann mitspielen.

Ist Ihnen der Schritt zur Berufspolitikerin schwer gefallen?

Nein. Ausschlaggebend ist meine Biographie. In einem Land, in dem Integration ein wichtiges Thema ist, braucht man positive Identifikationsfiguren. Und auch das will ich sein: ein Vorbild für die Menschen mit sogenanntem Migrationshintergrund. Seht an, die hat es geschafft! Zur Integration gehört eben auch, dass Menschen mit ungewohnten Namen Mitglieder des Landtags sind.

In Wiesbaden geht es für Sie gleich von null auf hundert. Sie sind auf Anhieb innenpolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion geworden. Eher eine Herausforderung oder eine Belastung?

Wenn man etwas bewegen will, kann man sich darüber doch nur freuen. Es war mir bewusst, dass man in einer kleinen Partei kein Hinterbänkler sein wird. Bei uns müssen alle große Herausforderungen annehmen, früh im parlamentarischen Geschäft mitwirken und im Plenum reden - und das ist auch gut so. Ich sitze zwar in der letzten Reihe, durfte beziehungsweise musste aber schon in der ersten Arbeitssitzung des Parlaments zwei Reden halten.

Woran lag es, dass die Grünen bei der Landtagswahl von 10,1 auf 7,5 Prozent zurückgefallen sind?

Populismus war nie unsere Stärke. Der Wahlkampf hatte sehr obskure Formen angenommen, und da sind wir ein wenig untergegangen.

Die Argumente der Grünen sind einfach nicht angekommen?

Ja. Wir müssen unsere Inhalte künftig besser, von mir aus auch etwas „sexier“, nach außen transportieren.

Mehr Populismus bei den Grünen?

Nein. Wir müssen früher und vehementer kommunizieren, aber nicht populistischer. Denn dann ist man schnell bei Feindbildern oder Versprechen, die man nach der Wahl nicht einhalten kann.

Sie sprechen von sich als „Mensch mit Migrationshintergrund“. Was heißt das?

Meine Eltern stammen aus der Türkei, und irgendwie bin ich auch Türkin, obwohl ich die deutsche Staatsbürgerschaft habe. Das sage ich ganz bewusst, weil es viele Menschen gibt, die zu Deutschland gehören, die hier geboren, aufgewachsen und integriert sind, die aber noch eine andere Kultur in sich tragen, die auf verschiedenen Stühlen sitzen und das in die Gesellschaft hineintransportieren wollen.

Wenn man als Abgeordnete mit türkischen Wurzeln in den Landtag kommt, ist man automatisch für die Themen Ausländer, Migranten und Integration zuständig?

Nicht automatisch. Für mich ist das ein inneres Bedürfnis, aber es mir wichtig, nicht auf diese Themen reduziert zu werden. Als innenpolitische Sprecherin habe ich zum Glück ein großes Feld, auf dem ich mich austoben kann.

Was kann die Politik tun, um aus dem Nebeneinander von Deutschen und Ausländern ein Miteinander zu machen?

Beispielsweise die interkulturelle Ausbildung von Erzieherinnen und Lehrerinnen fördern und die Verwaltung für andere Kulturen öffnen.

Was heißt das konkret?

Erzieherinnen und Verwaltungsangestellte im Umgang mit Migranten schulen. Wissen über kulturelle Hintergründe, die Unterschiede zwischen Christentum und Islam beispielsweise, vermitteln. Wie geht man mit einer Frau um, die ein Kopftuch trägt, wie mit einem älteren Mann, der einen Vollbart hat? Aber auch die Einstellung von Menschen mit Migrationshintergrund bei der Polizei, in den Ausländerbehörden, Kindergärten und Schulen muss gefördert werden. Damit sich das bunte Bild der Bevölkerung in der Verwaltung widerspiegelt.

Wie wichtig ist islamischer Religionsunterricht in den Schulen?

Daran muss die Landesregierung verstärkt arbeiten, einen Partner auf Seiten der Muslime suchen. Denn wenn man einen liberalen, aufgeklärten Islam will und keine Hinterhofmoscheen und indoktrinierte Jugendliche, dann ist islamischer Religionsunterricht auf Deutsch eine wichtige Voraussetzung.

Gibt es in Hessen Parallelgesellschaften?

Mit dem Begriff kann ich wenig anfangen. Wenn Sie meinen, ob Integration gelungen ist, dann lautet meine Antwort: Der Anteil derer, die es geschafft haben, ist viel größer, als manche Pessimisten glauben. Lebe ich in einer Parallelgesellschaft, wenn ich von der Arbeit nach Hause komme, ein langes traditionelles Kleid anziehe oder mich sonstwie „orientalisch“ kleide? Würde man als Deutscher in einer Parallelgesellschaft leben, wenn die einzigen Ausländer, zu denen man Kontakt hat, der Friseur und der Automechaniker sind? Abgrenzung gibt es von beiden Seiten, aber das muss nicht immer schlimm sein. Kulturelle Vielfalt ist auch etwas Schönes. Deshalb will ich Integration, nicht Assimilation.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Die Grünen

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