Zeltlager in Heathrow

Alles hört aufs Ökogesetz

Von Gina Thomas, London

16. August 2007 Der Name sei Middleton, Thea Middleton - „keine Verwandschaft mit Kate“, fügt die zwanzigjährige Studentin neckisch hinzu. Im geblümten Rock manövriert sie etwas ungelenk eine mit Holzbrettern beladene Schubkarre über die Wiese. Mit ihrem frischen Englische-Rose-Teint, dem Band, das ihr wildes blondes Haar bändigt, und den bunt zusammengewürfelten Anziehsachen entspricht sie jenem nostalgisch angehauchten, ländlichen Grunge-Look, der für Modeshoots aufwendig gestylt wird, nur dass hier ein echtes Exemplar zu sehen ist.

Die Studentin gehört einer Umweltorganisation an, die sich „plane stupid“ nennt, ein Wortspiel, was so viel heißt wie „saudumm“ oder „Flugzeugidiot“. Sie bekämpft die Luftfahrtindustrie, auch durch Sabotage, und gehört zu den rund fünfzehn Gruppierungen, die sich für die Dauer einer Woche in einem Lager für Klimaschutz am Rand des Flughafens Heathrow versammeln, um gegen dessen Erweiterung zu protestieren. Am Sonntag sollen die Veranstatungen in einer Großaktion gipfeln, zu der tausendfünfhundert Aktivisten erwartet werden.

Die Wucht des Gesetzes

Es sind eine dritte Startbahn und ein weiterer Terminal geplant, deren Bau diese Aktion unterbinden will. Der Flughafenbetreiber BAA (British Airport Authority) hatte versucht, die Wucht des Gesetzes anzuwenden mit dem Antrag auf eine einstweilige Verfügung, die, wie alarmistische Schlagzeilen warnten, die Polizei unter dem neuen Antiterrorgesetz berechtigt hätte, auch sämtliche Mitglieder von brav-bürgerlichen, umweltbewussten Organisationen wie dem National Trust, die sich ohne Voranmeldung nach Heathrow begaben, bereits in der U-Bahn auf dem Weg dorthin festzunehmen.

Die überzogenen Forderungen haben wiederum jene Gruppen aufgebracht, welche die zusehende Verschärfung der Antiterrorgesetzgebung als Beschneidung der Bürgerrechte verurteilen. Das Oberste Gericht wandte zwar ein, dass Terrororganisationen den Deckmantel des Umweltschutzes ausnutzen könnten, doch gab es dem Antrag nur bedingt statt, so dass die seit einem Jahr geplante Demonstration nun stattfinden darf.

„Verbrecherische Großunternehmen“

Als üble Verleumdungskampagne, hinter der sie BAA vermuten, bezeichnen die Klimaaktivisten die Behauptung, sie wollten den Flughafen lahmlegen. Immer wieder wird beteuert, dass man es nicht auf die Passagiere abgesehen habe, sondern auf die „verbrecherischen Großunternehmen“ und die Regierung, die sich in dem „absurden Widerspruch“ verstricke, einerseits die Kohlendioxidemission bis 2050 um sechzig Prozent reduzieren zu wollen, und andererseits die Flughafenexpansion vorantreibe.

Ein kurioser Aufruf der Verbände an die Demonstranten, auch propere Anzüge mitzubringen und sich Uniformen zu beschaffen, wie sie das Flugpersonal trägt, hatte die Befürchtungen genährt, dass die Aktivisten sich einschleusen wollten, um Sabotage zu betreiben. Diese Vorwüfe weisen die beteiligten Organisationen als lächerlich zurück. Schon aus Sicherheitsgründen seien keine Überschreitungen der Zäune geplant, sondern nur friedfertige Demontrationen und Seminare zu Themen wie Recycling, Fahrradinstandhaltung, Baumschutz und anderen Klimafragen.

Selbstgebastelte Stewardessen-Uniformen

Die Sprecher gaben allerdings zu, dass die Anzüge dazu dienen sollten, sich Zugang zum Hauptgebäude von BAA zu verschaffen - den man den zotteligen Alternativen mit ihren verfilzten Rastalocken und dem obligatorischen Nasenring freilich von vornherein verweigern würde. Die selbstgebastelten Stewardessen-Uniformen hingegen seien derart amateurhaft, dass wahrlich eine Sicherheitsbedrohung bestehe, wenn jemand damit durchkäme. Vielmehr wollten die Umweltschützer ihr ernstes Geschäft mit etwas Spaß auflockern. Zu diesem Zweck seien Tanz- und Gesangsnummern vorgesehen, aufgeführt in Flugpersonalverkleidung.

Die Polizei macht sich dennoch auf das Schlimmste gefasst. Sie wacht mit einem gewaltigen Aufgebot von tausendachthundert Beamten aus vier Bezirken über das ans Flughafengelände angrenzende Areal zwischen den zwei trostlosen Ortschaften Sipson und Harlington, die weitgehend planiert werden müssten, wenn sich die BAA mit ihren Plänen durchsetzt. Die Sicherheitskräfte machen den Pressefotografen Konkurrenz mit ellenlangen Objektiven. Jeder, der kommt und geht, würde aufgenommen; es würden laufend Körperdurchsuchungen und nächtliche Razzien vorgenommen, klagen die Teilnehmer, die auch versucht hatten, sich gegen die regelmäßigen Patrouillen zu wehren.

Sofas, Badewannen und Toilettensitze

Nachts bestrahlen kräftige Scheinwerfer das Zeltlager, das, wie die umweltbewussten Demonstranten beklagen, ihren „Öko-Fußabdruck“ verdoppele. Die Polizei hat die Zufahrt gesperrt, so dass die Aktivisten ihre Ausrüstung in Karren und Mülltonnen herbeischaffen müssen. Und was sie alles anschleppen: Sofas, Badewannen für die biologische Grauwasserreinigung, Toilettensitze, allerlei Bretter und Stangen und stapelweise Proviant. Auf Stelzen ruhende Kompost-Toiletten, deren Ertrag bereits einem örtlichen Bauern zugesagt wurde, sind über das Gelände verteilt, und allenthalben hat man Tonnen zur umweltbewussten Müllentsorgung aufgestellt. Das Wasser kommt von einem angrenzenden Sikh-Tempel. Eine gebastelte Windturbine lädt Batterien auf, Solartafeln saugen Energie aus dem verregneten Himmel, brutzelnder Zwiebelgeruch mischt sich mit dem Kerosingestank, der in der Luft hängt.

Das Klimaschutzlager will nicht nur Aktivistenstelle sein. Hier erprobt man nach Ökogesetzen eine utopische Mustergesellschaft. „Exit the System“ verkündet denn auch gleich am Anfang ein Schild über der Tür eines Ausschneideflugzeugs aus Sperrholz. Die Lagerbewohner werden angehalten, ihre Hände „vor dem Essen und nach dem Scheißen“ zu waschen.

Keine-Dritte-Startbahn-Tomatensuppe

Ein ständiger Strom von Neuankömmlingen kommt übers Feld gelaufen. Sie entsprechen dem gleichen Typus, der seit dreißig Jahren zur Stelle ist, wenn es ums Demonstrieren geht. Vorvorgestern waren die Atomwaffen ihr Anliegen, vorgestern der Straßenbau, gestern der Irak-Krieg und nun der Luftbetrieb. In einem Empfangszelt werden sie kurz eingewiesen und einem Bezirk zugeordnet. Das Lager ist nach Regionen eingeteilt. Jede Region hat ein Versammlungszelt und eine Küche. Über dem walisischen Viertel weht die Nationalfahne mit dem roten Drachen, das Londoner Zelt wird gerade mit Fahnenschmuck verziert, in der Yorkshire-Küche wird „Keine-Dritte-Startbahn-Tomatensuppe“ zubereitet. Alle Entscheidungen werden nach dem Konsensprinzip gefällt. Abstimmungen sind verpönt, weil sie der Minderheit einen Beschluss aufzwingen.

Inmitten dieser alternativen Utopie fallen die betagten Hausfrauen aus Sipson aus der Reihe, die sich wacker abwechseln mit der Wache an ihrem bescheidenen Zelt. Sie kämpfen um ihre Häuser, die dem Zwangsverkauf unterliegen würden, wenn BAA die Startbahn baut. Die 75 Jahre alte June lebt seit 51 Jahren dort und will nicht mehr umziehen. Ihre Freundin Chris hat ihr ganzes Leben hier verbracht. Sie sind den Klimaaktivisten dankbar, denn sie hatten die Hoffnung, ihre Häuser zu retten, fast aufgegeben. Und die Aktivisten sind ihrerseits den Orstansässigen dankbar, weil sie ihrer Sache Legitimität verleihen. Sie haben allerdings auch den Zeitgeist auf ihrer Seite.



Text: F.A.Z., 16.08.2007, Nr. 189 / Seite 29
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, REUTERS

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