Der Schatten

Der mit der Sonne tanzt

Von Paul Ingendaay, Madrid

Schattenmann in Stralsund - es ist nicht George W. Bush

Schattenmann in Stralsund - es ist nicht George W. Bush

25. Juli 2006 Er ist begehrt und doch körperlos wie das Nichts. Er hat Kontur, aber keine Züge, er wechselt die Größe, ohne es zu wollen. Einerseits schnell, biegsam, unverletzlich, ist er doch auf ewig angekettet. Er kann kühl sein und warm, bedrohlich und diffus. Für sich genommen, gibt es ihn eigentlich nicht. Klar ist nur, daß man ihm nicht entkommen kann, wenn es der eigene ist: der Schatten. Daß uns etwas fehlt, wenn er nicht da ist, mußte Peter Schlemihl bitter erfahren. Wäre der Schatten nicht ein wichtiger Teil von uns, hätte sich der Teufel nicht dafür interessiert. In älteren Sprachen bedeutet er „Seele“.

In diesen Tagen sehe ich die Seelen massenhaft. Häuser haben Seelen, auch Bäume und Sonnenschirme. Die Julisonne brennt auf Madrid herunter, und keiner, der es vermeiden kann, geht über den glühenden Asphalt oder hält sich länger als ein paar Sekunden im Sonnenlicht auf. In der Altstadt haben sie Sonnensegel gespannt, um die Einkaufszone in Schatten zu tauchen. Madrid me mata, heißt es im Juli, Madrid bringt mich um. Aber nur in der Sonne. Pech hat der Briefträger, wenn er unten klingelt und darauf warten muß, bis sich jemand im dritten Stock in Bewegung setzt, um zu öffnen. Sommerzeit, der Concierge ist nicht da. „Es gibt keinen Schatten hier“, ächzt der Briefträger. Schweißperlen stehen ihm auf der Stirn. „Tut mir leid“, sage ich. „Wieviel macht es denn?“

Man hütet, sich auf den Schatten zu treten

Im Winter sind die Madrider Schatten heimtückisch. Wenn die Temperaturen in der Sonne schon 24 Grad erreichen, geht durch die Schattenzonen ein eisiger Hauch, ideal für Erkältungen. Die Heimtücke im Winter, die Wohltat im Sommer: Dafür, daß er nur der Mangel von etwas ist, muß der Schatten ziemlich viel einstecken. Unentwegt deuten wir an ihm herum, zwängen ihn in Gedichte, Sprichwörter und Redewendungen, kurz, überziehen ihn mit albernen Vorstellungen. „In Schlesien wie in Italien“, heißt es im Handwörterbuch des Aberglaubens, „hütet man sich, einem Menschen auf den Schatten zu treten, sonst wächst er nicht mehr.“ Andererseits, steht dort, können mächtige Wesen oder unter Tabu stehende Wesen schon durch den Schatten, den sie werfen, Gefahr heraufbeschwören: Feinde, Tote, Geister, die Schwiegermutter . . .

Was der Schatten so alles ist, dafür braucht das Grimmsche Wörterbuch zwanzig Spalten. Ganz zu schweigen von den Wortschöpfungen der Dichter - Schattenbach, Schattenband, Schattenbaum, Schattenbecher, Schattenbeet, Schattenbegriff, Schattenbehausung, Schattenbeherrscher, Schattenbein . . . Das waren jetzt nur welche mit b, und es waren längst nicht alle.

Undurchsichtiges hemmt die Lichtstrahlen

Früher fehlte dem Schatten übrigens das n am Ende. „Mein Schatte bin ich nur, bald nur mein Name“, heißt es in Schillers Wilhelm Tell. Schlimmer als das n allerdings ist die völlige Unklarheit darüber, was der Schatten wirklich ist. In der alten Encyclopaedia Britannica von 1878 wird der shadow vorsichtshalber unterschlagen, dort gibt es nur sewing-machine, sex und dann wieder Shakespeare. Komisch. In Brockhaus' Conversations-Lexikon von 1886, kurz nach Scharnier, Schärpe und Scharrvogel, heißt es immerhin: „Schatten nennt man in der Optik den gar nicht oder nur zum Teil erleuchteten Raum, welcher dadurch entsteht, daß undurchsichtige Körper die geradlinigen Lichtstrahlen in ihrem Fortgange hemmen.“ Das ist doch schon was. Wozu aber die ganze Aufregung, wozu die ganze Bedeutungshuberei um die unschuldige, unscheinbare Sache?

Dazu drei Theorien. Erstens ist das Wort poetisch, eines der herrlichsten überhaupt: Schatten - shadow - ombre - ombra - sombra - skugga . . . Wie sich das reimt, wie es klingt und singt! Man muß sich anstrengen, um etwas Schöneres zu finden. Zweitens ist die Bedeutung des Wortes weit, nicht eng, so variabel wie die Länge des Schattens zwischen Sonnenaufgang und -untergang. Der Schatten ist das ewige Opfer, das sich alles bieten lassen muß, und warum? Weil er vieldeutig ist. Weil er keine Lobby hat. Weil er schweigt.

Eigentlich ist das Licht schuld

Drittens vertritt der Schatten meistens den Menschen, dem er folgt oder vorausgeht. Im Zweifelsfall das Dunkel-Ominöse, für das uns die Worte fehlen. Denn eigentlich müßte man für alles, was dem Schatten so bedenkenlos angelastet wird, die Qualität der Lichtquelle verantwortlich machen. Nicht vom Schatten, von ihr hängt alles ab. Doch das Licht ist oft zu hell, um hineinzublicken. Da halten wir uns an den Schatten, der kann sich nicht wehren. Unter der Last des Symbolischen müßte der Schatten zusammenbrechen, wenn er das könnte. Wer erinnert sich nicht an die Szene in Carol Reeds Der dritte Mann, als Joseph Cotten in den Straßen Wiens vom beängstigend großen Schatten eines Kindes verfolgt wird, das „Mörder, Mörder!“ schreit? Ein schreckliches Kind, eine Pest. Aber was sehen wir? Seinen tanzenden Schatten. Wir sollten unsere Diffamierungspraxis überdenken.

Leider stehen die Chancen dafür schlecht. Von Beginn an hat die Filmindustrie das herrliche Wort für ihre Zwecke benutzt, mißbraucht, geplündert. Auf die paar vernünftigen Filme, die den Schatten im Titel tragen wie Shadow of a Doubt oder Armee im Schatten, kommen zwanzig mittelmäßige bis schlechte. Wenn Filmleute nicht wissen, wie sie das Ding nennen sollen, schreiben sie einfach „Schatten“ hin, greifen zum Wörterbuch, und schon klingt es irgendwie wichtig: Im Schatten der Akropolis, Im Schatten der Angst, Im Schatten der Ehe, Im Schatten der Eiche, Im Schatten der Macht, Im Schatten der Schuld. Alle diese Filme gibt es. Auch Schatten der Helden, Schatten der Engel, Schatten der Nacht. Und Schatten der Wüste, Schatten des Meeres, Schatten der Zukunft, Schatten der Zeit. Beliebt ist auch das Muster Schatten über Neapel (Schatten über Notre-Dame, Schatten über St. Pauli). Die Farben nicht zu vergessen: Der rote Schatten, Der weiße Schatten, Der gelbe Schatten.

Da ist man fast froh über Im Schatten des Berges (1940) mit Attila Hörbiger, denn so ein Berg wirft wenigstens einen richtigen. Und nichts gegen Im Schatten der Marmorsäulen von 1959, einen Kurzdokumentarfilm, bei dem für Drehbuch, Regie, Kamera und Produktion Norbert Netzer verantwortlich zeichnete. Erst recht nichts gegen Im Schatten der Maschine, den sicherlich prickelnden deutschen Kurzdokumentarfilm aus dem Jahr 1928. Aber dem armen Wort hat diese Phantasielosigkeit einen Bärendienst erwiesen. Da wir unserem Schatten schon nichts Gutes tun, ihm nichts schenken und auch keinen Urlaub gewähren können - wäre es da nicht fair, seinen Namen nicht unnütz im Munde zu führen?

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 23.07.2006, Nr. 29 / Seite 12
Bildmaterial: ddp, dpa, dpa/dpaweb, F.A.Z./Julia Zimmermann, REUTERS

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