15. August 2005 Was die Bauern und die Fischer aus der Bretagne erlebten, als sie um 1650 zum ersten Mal auf St. Barthelemy landeten, muß ihnen wie ein seltsam überhitzter Traum vorgekommen sein. Die Insel ähnelte im großen und ganzen der Bretagne - nur war es dort doppelt so heiß, und es gab feine, sandige Buchten und leuchtende Fische und leider auch ein paar kriegerische Völker auf den Nachbarinseln, die um 1656 die Siedlungen der Franzosen und der Malteser mit einer ortsuntypischen Gründlichkeit verwüsteten.
Erst 1673 kamen die Bretonen zurück und betätigten sich als Fischer und, wenn es sich ergab, auch als Piraten. Ludwig XVI. verkaufte die nur siebzehn mal vier Kilometer große Insel an die Schweden, was ihr eine Hauptstadt mit dem Namen Gustavia und eine dicke skandinavische Festung einbrachte, aber seitdem änderte sich wenig.
Rapper, Erbverprasser und Computermogule
Bis 1945 ein Abenteurer namens Remy de Haenen auf der Insel landete, einer Bäuerin für 200 Dollar einen Felsen in der Bucht von Saint Jean abkaufte und darauf ein Luxushotel namens Eden Roc errichtete, das in den letzten fünfzig Jahren unter anderem Greta Garbo, Brigitte Bardot und Iggy Pop anzog und heute eines der schönsten Restaurants der Karibik beherbergt.
Seit sich herumsprach, daß St. Barth's schöner als St. Moritz und St. Tropez und die anderen Edel-St.s zusammen ist, kommen einmal pro Jahr auch eine Menge Rapper und Erbverprasser und Computermogule, jedes Jahr zur Weihnachtszeit belagern sie die Bucht von Gustavia mit Schiffen, die deutlich größer sind als der Hafen selbst und deshalb vor der Insel liegen wie dicke Blechhunde, die leider draußen bleiben müssen.
Die beste aller denkbaren Welten
Aber schon kurz nach Silvester kann man wieder ungestört zum Hafen von Gustavia fahren, wo morgens bei den Schiffen der Catch of the day und frisches Baguette verkauft wird, und einen schwarzen Kaffee trinken auf der Terrasse der Bar de l'Oubli am Hafen, wo man den besten Blick hat auf die Boote und die Amerikanerinnen mit den großen Sonnenbrillen und den sonnenverbrannten Schultern und auf ihre Begleiter, die ihre Mobiltelefone wie Revolver auf die Cafetische legen und breitbeinig Krustentiere zerlegen.
Und wenn dann das Licht durch Palmwedel und Bougainvilleen auf die vom Wind und vom Salz ausgeblichenen Fassaden der Holzhäuser fällt und die Sonne auf das dunkelgrün schimmernde Hafenbecken von Gustavia und den Strand der einsamen Anse de Colombier brennt und nur die Zikaden die Stille zerrasseln, dann spricht einiges dafür, daß diese karibisch überhitzte Mischung aus Frankreich und einem bißchen New York und etwas Skandinavien und viel feinem Sand, wo man wie in Paris einkaufen und seine restliche Zeit in sandigen, vergessenen Buchten verbringen kann, genau das ist, was die französischen Reisenden seit dem 17. Jahrhundert suchten, die beste aller denkbaren Welten.
Bildmaterial: Taschen Verlag