Designer

Mode zum Gasgeben

Von Anke Schipp

Mode für Raser oder Sonntagsfahrer?

Mode für Raser oder Sonntagsfahrer?

14. August 2005 Mark Eley war ein ganz normaler Junge aus Wales, der besonders gern mit Autos spielte. Als er erwachsen war, frisierte er sie am liebsten und verbrachte mehr Zeit unter der Motorhaube als in der Disco. Sein erstes Fahrzeug war ein Hillman aus den sechziger Jahren, an dem er tagelang rumbastelte, um damit eines Tages bei Rallyes mitzufahren wie sein Vater. Es sah alles danach aus, als werde Eley einen Männerberuf wählen und Automechaniker werden. Aber Eley wurde Designer, lernte die Japanerin Wakako Kishimoto kennen und fing an, Stoffe zu entwerfen. Es sollte noch einige Zeit dauern, bis er wieder zu den Autos zurückfand.

Ein heißer Sommertag in Paris. Aus den Lautsprechern sind Motorengeräusche zu hören, der Laufsteg ist ein runder Parcours, der durch einen kleinen Park führt, vor der Villa an der RueMonsieur steht ein GolfGTI mit schwarzen Flammen auf weißem Lack und Nieten am Fensterrahmen. Ein mondäner Ort, an dem das Designer-Duo Eley Kishimoto seine erste Männerkollektion präsentiert.

Außergewöhnliche Drucke

Wakako Kishimoto und Mark Eley

Wakako Kishimoto und Mark Eley

In der Damenwelt haben sich der Engländer und die Japanerin längst einen Namen gemacht. Ihre Kollektionen, die sie regelmäßig bei der London Fashion Week zeigen und die bereits als Retrospektive im Londoner Victoria&Albert Museum zu sehen waren, fallen vor allem durch die außergewöhnlichen Drucke auf. Mal sind es altmodische Blumenmuster, mal abstrakte geometrische Figuren, mal Weintrauben und Antilopen, mal futuristische Männchen, mal alles zusammen, und weil es oft kunterbunt durcheinandergeht, hinterlassen die Entwürfe von Eley Kishimoto beim Betrachter stets einen schrägen und bleibenden Eindruck. Sie betrieben "einen unverfrorenen Eklektizismus", schrieb ein englisches Modemagazin über das Ehepaar.

Mark Eley sitzt an einem antiken Tisch und sieht mit Bart, Baseballkappe und gelber Sonnenbrille so wenig nach Pariser Chic aus wie der Teilnehmer eines amerikanischen Stock-Car-Rennens. Eley redet gern, seine zierliche japanische Frau hält sich im Hintergrund. Zwei gegensätzliche Pole - es scheint das bestimmende Element ihrer Mode zu sein.

„Viele Männer, die stylish sind, mögen Autos“

Die Entwürfe von Eley Kishimoto passen zum Auto

Die Entwürfe von Eley Kishimoto passen zum Auto

Schon lange hatten die beiden sich überlegt, eine Männerkollektion zu machen, "die Idee, das mit Autos zu verknüpfen, kam aber erst recht spät", sagt Eley und streitet ab, daß er der Motor dafür war. "Es war eher eine abstrakte Idee", ergänzt seine Frau. Man wolle Klischees vermeiden, zum Beispiel das: Rennfahrer seien harte Kerle, die mit Mode nichts am Hut hätten und nur Lederjacken trügen. "Das ist längst nicht mehr so", sagt Eley, "viele Männer, die stylish sind, mögen Autos. Und nicht nur wegen der Motoren oder so, sondern auch, weil sie den Style einer Marke gut finden."

Deshalb sieht der Autofahrer in der Kollektion von Eley Kishimito auf den ersten Blick auch nicht aus wie ein Autofahrer. Eher wie ein echter Brite, der sein Understatement durch Lässigkeit zelebriert und doch so cool ist, daß er jederzeit auf eine Party mit Kate Moss gehen könnte. Er trägt zum Poloshirt einen Schal, die Krawatte unterm Hemd und schmale Hosen, die tief auf der Hüfte hängen und immer ein bißchen zu lang sind, damit sie auf den Schuhen wie beiläufig Falten schlagen. Man könnte es als dezent maskulin bezeichnen. "Sophisticated", nennt es Eley. Das Autothema wird vor allem in den Stoffen sichtbar - zum Beispiel bei den sechseckigen Waben-mustern, die sie dem GTI-Kühlergrill entlehnt haben. Oder in den Schals mit schwarzweißen Karos, die an die Flagge am Ende eines Formel-1-Rennens erinnern. Oder in kleinen Strichen, die man für die Mittelstreifenmarkierung einer Bundesstraße halten könnte. Kernstück der Kollektion ist der weiße Rennanzug: eine kastenförmige Jacke mit Stehkragen zur gleichfarbigen Hose. Dazu trägt man löchrige Lederhandschuhe und weiße Sneaker - die machen einen schmalen Bleifuß.

„Schatz, runter vom Gas

Die Verbindung von Mode und Autos ist allerdings nicht neu. Viele Modemacher wie Valentino und Armani haben schon Fahrzeuge ausgestattet und sich Gedanken über Ledersitze, Armaturen und Handschuhfachverkleidungen gemacht. Aber den umgekehrten Weg sind sie nie gegangen: Wie läßt sich der Style eines Autos auf Kleidung übertragen? Eley glaubt, daß das in der Mode noch nicht recht gewürdigt wurde, auch wenn Magazine wie "Intersection" damit begonnen haben, die neuesten Automodelle wie Kleidungsstücke zu präsentieren und Modedesigner zum Thema Auto zu befragen. "Mode nimmt auf viele Dinge Bezug, auf Musik und Filme. Autos sind da nur ein weiteres Kommunikationsinstrument."

Seine Rennanzüge hat Eley schon getestet, im Mai bei der etwas skurrilen "Gumball 3000 Rallye", die ähnlich wie die amerikanischen "coast to coast"-Rennen der sechziger Jahre durch ganz Europa verläuft. "Da fährt man eigentlich nur mit, um Spaß zu haben", erzählt Eley. Mit seinem Beifahrer gewann er den "Cleanest car award 2005". Gleichzeitig war es eine Plattform, "um auf unsere Kollektion aufmerksam zu machen", erzählt Eley, der mit seiner Frau zunächst Stoffe für Marc Jacobs und Alexander McQueen entwarf, bevor beide 1996 ihre eigene Kollektion herausbrachten. Zur Rallye entwarfen sie für Volkswagen einen GolfGTI ("Ich mag das Bad-Boy-Image des Autos"), auch wenn Eley selbst einen Volvo fährt ("wegen der beiden Kinder"). Ist der Eley-Kishimoto-Fahrer nun ein Raser oder Sonntagsfahrer? "Er kann schnell sein, aber er findet es auch nicht schlimm, langsam zu fahren", sagt Eley. So ähnlich ist es mit der Kollektion: An manchen Stellen dreht sie auf, aber in den Kurven nimmt sie das Tempo raus. Es ist, als habe Wakako Kishimoto zu ihrem Mann gesagt: "Schatz, runter vom Gas!"

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 14.08.2005, Nr. 32 / Seite 51
Bildmaterial: F.A.Z. - Helmut Fricke

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