13. April 2007 Der Sommer macht Ernst. Und wir auch. Deutschland braucht einen neuen Superstar. Dass sich Deutschland in einen Eisbären verliebt hat, ist völlig okay. Aber bei diesen Temperaturen hört der Spaß auf. Auch wenn der Tierarzt des Berliner Zoos meint: Der fühlt sich auch bei sommerlichen Temperaturen über 20 Grad draußen wohl, genau wie die großen Eisbären auch. Knut braucht Schatten und die Besucher des Berliner Zoos einen neuen Knuddelbären.
Ernst kann die Rolle problemlos übernehmen: Er wohnt nur wenige Meter von Knut entfernt und ist genauso alt wie sein weißer Artgenosse. Außerdem müssen die fünfzig Millionen Kinder und Eltern kein Hotel umbuchen, die Zugfahrkarte nach Berlin kann weiterhin eingesetzt werden.
Keine Chance für Knut
Deutschlands neuer Superstar ist ein kleiner Malaienbär. Bei einem Einstellungstest würde er Knut ganz klar dessen Grenzen aufzeigen. Malaienbären - in der Wissenschaft Helarctos malayanus genannt - sind die Sommerbärchen schlechthin. Ihr Lebensraum ist zwar der Tieflandregenwald in Südostasien. Wenn man sie nicht in einem deutschen Zoo besucht, trifft man sie in Indien, China, Thailand, Kambodscha oder Vietnam. Doch von wegen Regen! Weil auf seiner Brust ein heller Fleck in Form eines Us prangt, wird er auch Sonnenbär genannt.
Der Tierpfleger von Ernst muss sich nicht Sorgen machen wie Thomas Dörflein. Mit einem ausgewachsenen Eisbären zu spielen wäre fatal, mit einem Malaienbären ist das kein Problem. Er ist die kleinste Art innerhalb der Familie der Großbären: Auf allen Vieren ragt die Schulter kaum siebzig Zentimeter über der Erde. Macht er sich lang, steht er gerademal auf Augenhöhe mit den Grundschulkindern am Gehegezaun.
Tödliche Krallen
Allein seine Krallen könnten gefährlich werden. Im Zoo von Buenos Aires hat erst jüngst ein Ameisenbär eine argentinische Tierpflegerin angefallen und sie mit seinen kräftigen Krallen lebensgefährlich verletzt. Ein wöchentliches Schneiden der Fingernägel bei Ernst wäre also angebracht. Das könnte dann auch die neue Attraktion werden. Die Zoobesucher müssten nicht blöd von außen zuschauen, wie sich Tierpfleger Dörflein oder Sigmar Der Pate Gabriel mit dem Objekt der Begierde im Dreck suhlt und sonst keiner streicheln darf. Die Besucher übernehmen die Krallenpflege.
Und mal ernsthaft! Sieht es nicht ekelhaft aus, wenn der kleine, weiße Eisbär sich mit Dreck zusaut und jedes Mal für die nächste Besuchershow wieder gewaschen werden muss? Auch hier zeigt Ernst die besseren Qualitäten: Sein Fell ist schwarz, also äußerst unempfindlich, und dennoch schön flauschig.
Nachtaktive Einzelgänger
Ebenfalls praktisch: Malaienbären verbringen die meiste Zeit auf dem Baum. Wer also nicht in der ersten Reihe an Ernsts Zaun steht, kann ihn wahrscheinlich trotzdem sehen, weil er über den Kopf seines Vordermanns blicken kann.
Nun ja, ein Problem gibt es dennoch. Malaienbären sind nachtaktive Einzelgänger. Der Berliner Zoo müsste also entweder tagsüber schließen, was ungünstig für die anderen Tiere wäre, oder rund um die Uhr geöffnet haben. Die Mitarbeiter würden dann richtig genervt sein und die Eltern müssten ihre Kinder wach halten. Aber vielleicht ist der Dauerbetrieb doch die Lösung für den Kampf um die Gunst der Besucher zwischen Knut und Ernst: Tagsüber ist Knut der Star und nachts wird es Ernst.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: ddp