Rotlichtmilieu

Hamburger Hurentour

Von Philip Eppelsheim, Hamburg

Fachfrau Ingrid Seelen im historischen Gewand: Im 19. Jahrhundert war es für Prostituierte Pflicht

Fachfrau Ingrid Seelen im historischen Gewand: Im 19. Jahrhundert war es für Prostituierte Pflicht

22. Mai 2007 Um 20 Uhr kommen die Mädchen. Zwei Meter Abstand, Jeans, Bauchtasche, Plüschjacke oder Pullover. Der Ausschnitt nur selten wirklich freizügig. Nicht so wie bei den Partygängern, die lieber ihre Haut als einen Stoff zeigen. Doch das kommt erst später. Dann, wenn das Nachtleben beginnt. Noch gehört die Davidstraße den Prostituierten. Straßenstrich.

Und sie gehört denen, die sich anschauen wollen, was im Hamburger Rotlicht geschieht. Einen Blick auf Prostituierte und Zuhälter erhaschen, für 25 Euro in die Abgründe der menschlichen Sexualität schauen, vom Rotlicht geblendet zu werden: Vielleicht ist es das, was die „historische Hurentour“ zu dem am besten besuchten Stadtrundgang in Deutschland gemacht hat.

Hurentracht aus dem 19. Jahrhundert

„Doch darüber spricht man nicht“, sagt Maria. Das soll das Geheimnis der Besucher bleiben. Abends, wenn die Mädchen auf dem Straßenstrich mit ihrer Arbeit beginnen, geht es auch für Maria los. Mit ihrer roten Hurenhaube und dem fahlgelben knöchellangen Gewand fällt Maria auf, mehr als die Straßenhuren. Fahlgelb, das ist die Farbe der Außenseiter, die Tracht, in der sich eine Hure im 19. Jahrhundert zeigen musste.

Siebzehn Besucher haben sich um Maria versammelt. Eine Gruppe Kegelfreunde - aus dem Kölner Raum, alles Weitere behalten sie für sich - ist unter den Teilnehmern. Sieben Männer zwischen 40 und 60 Jahren. Die Ehefrauen haben sie in der Heimat gelassen. Vier Tage Hamburg inklusive Reeperbahn und Herbertstraße. Dort, wo die Frauen hinter Schaufenstern sitzen und sich anpreisen.

Angelesenes und Interviews mit Kiezgrößen

„Hamburg zu besuchen, ohne zur Herbertstraße zu gehen, das ist wie in die Alpen zu fahren und keinen Schnee zu haben“, sagt einer. Schon am Vortag sind sie über den Kiez gezogen, haben sich eine Travestieshow angesehen. „Obenrum wunderschöne Frauen.“ Und, nein, ihre Frauen daheim, die hätten nichts gegen ihren Reeperbahn-Besuch. Da sei Vertrauen vorhanden. Wie sagt Maria zur Begrüßung: „Über 90 Prozent der Männer, die zu Huren gehen, sind verheiratet.“

Maria, das ist eigentlich Ingrid Seele. Hamburgs Katzenmutter wird sie genannt. Bei ihr sei alles für die Katz, sagt die resolute, 1,60 Meter große Frau, Präsidentin des ersten Deutschen Edelkatzenzüchterverbands. Das ist ihre Leidenschaft. Maria, gebürtige Berlinerin, lebt seit 1954 in Hamburg und ist gelernte Verwaltungsangestellte. Seit 1968 hat sie einen Taxibetrieb, macht Fahrten für den nächtlichen Notdienst. Und seit 2004 verkleidet sie sich als Hure vergangener Zeiten und führt Touristen durch das Milieu. Weil es einfach Spaß macht. Mit dem Milieu hat sie nie etwas zu tun gehabt. Das Wissen über Sexpraktiken und die Geschichte der Prostitution hat sie sich angelesen - und sie hat mit vielen Kiezgrößen gesprochen.

Die Frauen sollen nicht zur Schau gestellt werden

„Nicht fotografieren“, ermahnt sie die Kegelfreunde, die den Straßenstrich im Blick haben. Hatte Maria ihnen doch „ein wenig Sex“ versprochen, als sie ihnen den roten Aufkleber mit dem Schriftzug „Historische Hurentour 6“ an die Jacken klebte, damit die Huren sie erkennen und in Ruhe lassen. Beide Seiten müssten sich respektieren. Die Frauen wolle man nicht zur Schau stellen. Schließlich wissen die Familien meist nicht, dass die Mädchen als Huren arbeiten. „Die denken, ihre Töchter sitzen im Nagelstudio.“ Doch Geld und Luxus könnten sie so schnell nur hier bekommen.

Bei 30 Euro geht es für einen Freier los. „Aber das ist wie ein Autokauf ohne Extras.“ Sex und Prostitution: Themen, die Maria wie ein Geschichtslehrer abspult. So dass sich keiner zu genieren braucht. Ohne Wertungen. „Man muss nicht alles verstehen und nachempfinden können.“ So lange nur niemand zu Schaden komme. Und sei es noch so heikel, wie Männer, die gerne wie ein Baby gewickelt werden wollen. Hinter drei Fenstern an der Friedrichstraße verbirgt sich ein solches Etablissement, dekoriert mit Blumen und Püppchen.

„Natursekt“ und Fotos von der Herbertstraße

„Schönes Thema, bleiben Sie dabei“, rufen die Kegler, während ein zigarrerauchender Zuhälter sie grinsend mustert. Sie wollen ein bisschen Spaß haben, sagen die Kegelfreunde. Die Tour sei ihnen als sehr informativ empfohlen worden. Schließlich wollten sie doch Hamburg kennenlernen, Kultur, Theater. Auch beim Tennisturnier Rothenbaum waren sie schon. Fast klingt es wie eine Entschuldigung. Maria kennt sie alle, die Gründe, warum Mann und Frau die Hurentour mitmachen. Sei es, weil sie sich nicht alleine in die Sexshops trauen, oder ... Maria schweigt. Dann erzählt sie von „italienisch“, „spanisch“, „Natursekt und Kaviar“ und zeigt Fotos von der Herbertstraße.

Dort, vor den Sichtblenden, hat sie mit ihren Gästen haltgemacht. Für Frauen sei die Straße tabu. „Die würden die Prostituierten nur angaffen.“ Doch die Männer? Nichts für die Kegler. Jetzt jedenfalls nicht. Schweigend ziehen sie an den Blenden vorbei. Nur nicht zu viel Interesse zeigen. Lieber den Worten Marias lauschen, die gerade bei Hunde- und Pferdespielchen angekommen ist und von Sexpraktiken vergangener Jahrhunderte berichtet. Und davon, dass ein Haus an der Herbertstraße einem Tierschutzverein gehört. Die Herrenrunde meint: „Das mit den Pferdespielen.“

„Ritze“ - die Mutter aller Kneipen

Über den Hans-Albers-Platz geht es weiter zur „Ritze“, der Mutter aller Kneipen an der Reeperbahn. Dort im Boxkeller hat sich Rotlicht-Pate Stefan Hentschel im Dezember 2006 erhängt. Einer von denen, die noch den Kiezkrieg mitgemacht hatten, bevor es ruhiger wurde auf der Reeperbahn und die Jugend wieder zum Feiern kam. „Da wollten wir doch gestern rein“, sagen die Kegler, zeigen auf die gespreizten Beine und die Tür in deren Mitte.

Warum sie es nicht taten? Vielleicht, weil die Jungs vom St.-Pauli-Kiez mehr Muskeln haben als die Herren aus dem Kölner Raum? Muskeln seien auf dem Kiez angesagt, sagt Maria. Doch nicht alle Mädchen haben Zuhälter. Im Eros-Center, da kenne sie ein bildhübsches Mädchen, eine wahre Schönheit. 135 Euro zahle sie pro Schicht für ihr Zimmer, fünf Euro für jeden Wäschewechsel. „Die macht das, weil sie sich nicht zu Tode arbeiten will.“

Travestie, Sadomaso und Sex-Shows

Doch das Rotlicht hat noch mehr zu bieten. Travestie, Sadomaso und Sex-Shows stehen auf Marias Plan. „Dinge, von denen noch keiner der Besucher etwas gehört hat.“ Und vielleicht auch nie hören wollte, verrät später ein Blick in die Gesichter der Kegler - zwischen Vakuum-Masken, Peitschen, Dildos, Lederoutfits, Anal-Kits. Das sei immer so, wenn sie in einen Sadomaso-Sexshop gehen, sagt Maria.

Die Herren schauten verkniffen, und die Frauen seien interessiert. So auch diesmal. Während die Frauen Dildos begutachten, sich Ratschläge für Dessous geben lassen und Maria von weißem und schwarzem Sadomaso redet, verlassen die Kegler schnell den Laden. „Oh mein Gott, wenn ich daran nur denke.“ Und einer bringt es auf den Punkt: „Also mit Kegeln hat das hier ja gar nichts zu tun.“

Zum Schluss einen Absacker im „Seepferdchen“

Ein Abstecher zu den Beatles und der Großen Freiheit kommt gerade recht. Musik und Geschichte, um die Tour zu verarbeiten. Bevor sich dann wieder alles um Sex dreht. Die nächsten Abstecher gelten einem Thai-Bordell mit Altar am Eingang und dem Transvestitenstrich. Doch Glück für die Kegler. Nur eine Frau, die eigentlich keine ist, hat sich postiert, mit ihren Rougewangen und langen schwarzen Locken. So eine, von denen die Kegler sagen: „Schon phantastisch. Obenrum.“

Zum Anschauen natürlich. Wie auch die „Wunderbar“, die bekannteste unter den Gay-Bars. Doch den Absacker nehmen die Kegler lieber im „Seepferdchen“. Tauchermasken an den Wänden. Hamburger Seefahrerromantik. Und dazu einen „Hurenschnaps“. Dann ziehen sie ohne Maria, die jetzt wieder Ingrid Seele heißt, weiter. Denn wie war das noch mit der Herbertstraße?

Text: F.A.Z., 23.05.2007, Nr. 118 / Seite 9
Bildmaterial: Anna Mutter, F.A.Z..

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