Wrestling

Der Härteste zieht die Hüfte nach

Von Alard von Kittlitz

Die „Undertaker’s Rest In Peace Tour“ wird von der amerikanischen Firma WWE produziert

Die „Undertaker’s Rest In Peace Tour“ wird von der amerikanischen Firma WWE produziert

14. November 2009 Der Funke will nicht überspringen. Dabei ist die Festhalle voll, die Musik laut, der Ring in der Mitte in Scheinwerferlicht getaucht. Die Darsteller verausgaben sich. Aber Applaus ist selten. Die meisten Besucher - sie haben für die „Undertaker’s Rest In Peace Tour“ in der Frankfurter Festhalle mindestens 45 Euro bezahlt – sind echte Wrestling-Fans. Manche sind über 200 Kilometer weit gefahren. Die ersten waren schon Stunden vor Einlass da, trotz Platzkarten. Sie tragen T-Shirts mit den Bildern ihrer Lieblingswrestler, haben sich auffällig geschminkt, andere tragen Masken. Es sind viele Kinder da.

Die „Undertaker’s Rest In Peace Tour“ wird von der amerikanischen Firma WWE produziert. WWE steht für World Wrestling Entertainment. Früher hieß WWE noch WWF, F wie Federation. Jetzt soll das Entertainment hervorgehoben werden. Jeder darf wissen, dass die brutalen Kämpfe nur gespielt sind. Für die Sendungen von WWE gibt es in Amerika keine Altersbeschränkung, weil die Gegner sich den Stuhl eben nicht auf den Hinterkopf schmettern, sondern nur so tun. Und die rasende Furie tritt ihrer schon am Boden liegenden Gegnerin eben nicht zehn Mal mit Wucht aufs Knie. Die Tritte, die Schmerzensschreie, das Humpeln und Sich-Krümmen – alles nur gespielt.

Sie mag die „durchgeknallten Wrestler“

„Wenn mir jemand sagt, dass das nur Show ist, höre ich halt weg“, sagt Melanie trotzig. Sie ist vierzehn und mit den Eltern da. Sie mag die „durchgeknallten Wrestler“. Sie hat es nicht leicht als Wrestlingfan, zumal als weiblicher. Zwei junge Männer – die schwarzen Wrestling-Shirts spannen über den Bäuchen – neben ihr fassen es so: Wrestlingfans stoßen eigentlich überall nur noch auf Spott. Seitdem Wrestling auch offiziell nur Schauspiel ist, muss sich der Fan rechtfertigen.

In Amerika ist alles noch einfacher. Dort sehen jede Woche mehr als 16 Millionen Zuschauer die WWE-Sendungen. Die Festhalle in Frankfurt wäre für die Shows in Übersee nicht groß genug. Bei „Smackdown“ im Fernsehen sieht man, wie die Leute in Amerika mitgehen. Menschenmassen in riesigen Arenen, die Kamera hält auf schöne Frauen und tobende Fans, der Moderator schreit gegen die Menge an.

Der Kampf geht los

In Frankfurt schreit das Publikum, als in der Festhalle die Lichter ausgehen. Die Show beginnt. Zu pumpendem HipHop laufen Cryme Tyme ein, zwei Schwarze, die den amerikanischen Ghetto-Gangster geben. Sie stolzieren den Gang zum Ring hinunter, werfen sich in die Brust und rufen „Yeah Yeah Yeah“, ein bisschen zu lange. Die letzten Meter müssen sie ohne Applaus laufen. Sie klettern in den Ring und warten auf die Gegner. Hart Dynasty haben die Haare gegelt, die Oberkörper rasiert und tragen schwarz-pinke Hosen. Das Publikum buht. „Ich hasse die voll“, sagt ein kleiner Junge zu seinem Vater. „Die sind die Bösen?“, fragt der Vater ungläubig. Der Kampf geht los, die Wrestler heben sich hoch und schmettern sich auf den Ringboden. Zwischendurch klettern sie auf die Seile und versuchen, die Zuschauer zu animieren. Der Ausmarsch nach dem Kampf ist nur im Fernsehen vom Jubel der Fans begleitet, in der Festhalle tritt schnell Stille ein.

„Das Publikum wird immer anspruchsvoller“, sagt der WWE-Star John Morrison. Man muss alles können, spielen, turnen, reden, gut aussehen. Bevor er darüber reden kann, wie wenig Einfluss er auf seine Wrestling-Figur und seine Karriere hat, zieht ihn eine Frau vom Pressestab beiseite. Das Publikum entscheidet. Wer ankommt, wird häufiger in die Kampfgeschichten geschrieben. John Morrison hat eine Zeitlang Steroide genommen. Bis eine Sportzeitschrift den Skandal aufdeckte, war er gut durch die Drogentests der WWE gekommen. Zur Strafe wurde er für 30 Tage suspendiert. Jetzt läuft es wieder gut für Morrison. Seit September darf er sich „Intercontinental Champion“ nennen.

Seine Freunde umringen ihn neidisch

Jetzt treten Z. Ryder und Yoshi Tatsu gegeneinander an. Irgendwann hebt Z. Ryder den Gegner hoch und setzt ihn auf die Ringecke wie eine Mutter ihr dickes Kind auf den Küchentisch. Der junge Hart-Dynasty-Hasser sagt zu seinem Vater: „Das sieht voll fake aus.“ Die beiden haben teure Tickets. Die meisten Zuschauer sehen aus, als hätten sie für den Abend sparen müssen und das viele Bier an den Zapfanlagen. Nach den Kämpfen läuft der Junge mit anderen Kindern zum Ring. Ein Händedruck der Darsteller ist begehrt. Ein Junge kommt aufgeregt zurück und erzählt, sein Lieblingswrestler habe ihn umarmt. Seine Freunde umringen ihn neidisch. Der sturztrunkene Mann daneben sagt zu dem Jungen: „Schwuli.“ Da freut sich der Kleine nicht mehr.

Die Stimmung in der Halle lässt nach, man sieht einfach zu deutlich, dass die Wrestler sich nicht schlagen. „Im Fernsehen hat man halt die besseren Winkel“, sagt ein Mann, „da sieht das nach mehr aus.“ – „Klar“, sagt sein Kumpel. Die Kämpfe dauern an. Viele wollen jetzt bald mal den Undertaker sehen. Der Undertaker ist seit 20 Jahren im Geschäft. Auch Leute, die keine Wrestlingfans sind, haben schon mal von ihm gehört. In die sich ausbreitende Langeweile fällt der überraschend gute Kampf zwischen Christian und William Regal. Christian ist jung, schön und irgendwie arisch. William Regal ist ein älterer Herr, dessen Muskelmasse sich allmählich in Fett verwandelt. Seine Figur ist ein arroganter und feudal anmutender Engländer. Als er seinen Samtmantel auszieht, sitzt sein schwarzes Höschen ein wenig auf halb Acht. Regal ist nicht schön. „Regal sucks!“, Regal ist beschissen, ruft das Publikum auf Englisch, wie man das aus dem Fernsehen kennt. Für eine Weile ist es in der Festhalle ein bisschen so wie in Amerika. Regal nimmt sich das Mikrofon vom Ansager. „I cannot suck“, sagt er, „I cannot suck because I‘m not German.“ Das Publikum pfeift und buht und lacht. Als Regal besiegt ist, springen die Leute von ihren Sitzen auf. Während Christian feiert, verschwindet Regal unauffällig.

Er ist der Härteste

Am Ende des Abends tritt endlich der Undertaker an. Das Licht geht aus in der Halle. Nebel wird in Richtung Ring gepustet. Zu Showpengs mit Glocken und Bässen aufgemöbeltem Trauermarsch erscheint er im Dunste. Der Undertaker ist ein mysteriöser Einzelgänger, jenseits von Gut und Böse. Wenn er in eine Stadt kommt, weht Steppenläufer über die Straße und die Läden klappen zu. Er ist der Härteste. Sein Gegner CM Punk dagegen ist ein moderner Feigling, keiner mag ihn. Am Ende des Kampfes stopft ihn der Undertaker in einen Sarg. Dann zieht er sich sein Hemd aus und zeigt seine Muskeln. Langsam läuft er zum Ausgang. Der Undertaker ist 44 Jahre alt. Seine Dauerwelle wächst ihm aus und er zieht die rechte Hüfte ein bisschen nach. Der Applaus ebbt ab. Es ist spät und alle wollen heim.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Wonge Bergmann

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Die Fans haben für die „Undertaker’s Rest In Peace Tour“ in der Frankfurter Festhalle mindestens 45 Euro bezahlt Die Tritte, die Schmerzensschreie, ...... alles nur gespielt
„Das Publikum wird immer anspruchsvoller“, sagt der WWE-Star John MorrisonJohn Morrison hat eine Zeitlang Steroide genommenAuch Frauen treten während der Show aufAuch bei ihnen sieht es im Fernsehen nach mehr ausWenn die Kämpfer sich nicht schlagen, lässt die Stimmung in der Halle nachFür eine Weile ist es in der Festhalle ein bisschen so wie in Amerika.Während Christian feiert, verschwindet Regal unauffällig
Ein Junge sagt zu seinem Vater: „Das sieht voll fake aus.” Jeder darf wissen, dass die brutalen Kämpfe nur gespielt sind... das Humpeln und Sich-Krümmen, ...„Ich hasse die voll“, sagt ein kleiner Junge zu seinem VaterMan muss alles können, spielen, turnen, reden, gut aussehenJetzt läuft es wieder gut für ihnFür sie gelten die gleichen Gesetze wie für die MännerViele wollen jetzt bald mal den Undertaker sehenIn die sich ausbreitende Langeweile fällt der überraschend gute Kampf zwischen Christian und William RegalAls er seinen Samtmantel auszieht, sitzt sein schwarzes Höschen ein wenig auf halb AchtDas Publikum entscheidet. Wer ankommt, wird häufiger in die Kampfgeschichten geschrieben
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