China

Laut und rot - das „Jahr des Hundes“ beginnt

Von Petra Kolonko

28. Januar 2006 Es wird das lauteste Neujahrsfest werden, das Peking je erlebt hat. Wenn am Sonntag das "Jahr des Hundes" anbricht, darf in der chinesischen Hauptstadt zum ersten Mal seit Jahren wieder nach Herzenslust geböllert werden. Die Bewohner der Metropole mit dreizehn Millionen Einwohnern können das Zündeln kaum erwarten - endlich wird die Neujahrsfeier wieder so sein, wie sie sein soll. Ohne die Böller, so lautet die einhellige Meinung in Peking, hat es einfach keinen Spaß gemacht.

Die Pekinger erinnern sich noch an die letzte Neujahrsnacht, in der das Böllern noch erlaubt war. Das war im Jahr 1992. Damals war die ganze Stadt in eine Rauchwolke gehüllt. Die Menschen wateten in einem Meer von roten Papierhüllen der abgebrannten Knallfrösche. Seitdem sind nicht nur die Chinesen um ein vielfaches kaufkräftiger geworden. Es wohnen inzwischen auch viel mehr Menschen in der chinesischen Hauptstadt, so daß die Knallerei in diesem Jahr alle Rekorde zu brechen verspricht.

Unfälle und Brände führen zu Verbot

Im Jahr 1992 hatten die Verwaltungen von Peking und anderen chinesischen Großstädten ein Verbot für Feuerwerke in den Innenstädten verfügt, nachdem es jedes Mal bei den Feierlichkeiten zu Bränden und Unfällen gekommen war. Doch der Unwille in der Bevölkerung über das Verbot des traditionellen Vergnügens war groß. Nach etlichen Beratungen, Befragungen und Sitzungen der "zuständigen Behörden" ließ sich die Stadtverwaltung jetzt endlich erweichen. Zwar darf noch immer nicht jeder vor seiner Tür zündeln. Doch an eigens ausgewiesenen Plätzen dürfen alle Stadtbewohner ihre Böller loslassen - und das sogar für die gesamte Dauer der Neujahrszeit, die mit dem "Silvesterabend" am Samstag beginnt und nach dem traditionellen Kalender zwei Wochen dauert.

Peking: Wer zu Neujahr die Familie besucht, braucht starke Nerven ... ... und sehr sehr viel Geduld Seoul: Auch die Südkoreaner feiern alle zuhause Freude übers neue Jahr auch in Jakarta, Indonesien Chinesen in Malaysia ... ... sind schon vorbereitet

Seit Tagen schon rollen bewachte und besonders ausgestattete Lastwagen nachts mit ihrer explosiven Ladung zu den ausgewiesenen Verkaufsstellen, die mit den traditionellen roten Laternen geschmückt sind. Insgesamt 2116 Verkaufsbuden für Feuerwerke wurden bestimmt, 585 davon in der Innenstadt. Die meisten von ihnen sind 24 Stunden am Tag geöffnet, damit die Kunden auch in der Nacht Nachschub kaufen können. Es winkt ein Riesengeschäft. Die knallbunten Schachteln mit Aufschriften wie "Glück und Reichtum", "Zauberfee" und "Rotes Tor" finden reißenden Absatz. Besonderer Verkaufsschlager ist dieses Jahr ein Band mit 1000 Knallfröschen, das fünf Minuten lang laut knattern soll.

Knaller-Merksätze in Bussen und Bahnen

Um Unfällen vorzubeugen, gibt die Stadt Anweisungen für den sicheren Umgang mit Feuerwerkskörpern. In den Bussen und U-Bahnen sind Merksätze zum Umgang mit Knallern ausgehängt. Nachbarschaftskomitees unterstützen die Initiative mit Gebrauchsanweisungen. Um sicherzugehen, daß sich die Menschen an die festgesetzten Lokalitäten halten, hat die Stadtverwaltung Prämien ausgesetzt für jeden, der einen Mitbürger anzeigt, der sich nicht an die Bestimmungen hält. Und damit die Nachricht auch wirklich jeden erreicht, hat die Stadtregierung am Freitag noch eigens eine SMS an alle Mobilnutzer mit Neujahrswünschen geschickt - und mit der Mahnung, nur ja auf die Sicherheitsbestimmungen beim Feuerwerk zu achten. Eingeschärft wird den Pekingern außerdem, die Böller nur in den offiziell zugelassenen Geschäften zu kaufen. Feuerwerkskörper vom Schwarzmarkt könnten unsicher sein. Die Angestellten der Verkaufsbuden mußten sich einem besonderen Sicherheitstraining unterziehen. In der Neujahrszeit werden Polizei und Feuerwehr in Alarmbereitschaft sein. Besonders das Tongren-Krankenhaus, das Augenverletzungen behandelt, stellt sich auf einen Ansturm von Verletzten ein.

Es ist also alles dafür vorbereitet, mit großem Getöse zum Jahreswechsel die bösen Geister zu vertreiben. Denn das war der ursprüngliche Sinn der Knallerei. Nach einer chinesischen Sage kam jedes Jahr zum Jahreswechsel das Ungeheuer Nian auf die Erde und terrorisierte die Menschen. Da fand ein Bauer heraus, daß sich das Ungeheuer durch Lärm und die Farbe Rot vertreiben ließ. Seither ist der chinesische Jahreswechsel laut und rot.

Ganze Familie kommt zusammen

Das chinesische Jahr wird nach dem alten Mond- oder Bauernkalender berechnet. Obwohl China schon lange die westliche Zeitrechnung eingeführt hat, ist das Neujahrsfest, auch als "Frühlingsfest" bezeichnet, immer noch die wichtigste Feierlichkeit im chinesischen Kalender. Das ist nicht nur in der Volksrepublik so, sondern auch in Taiwan und den Gemeinden der Überseechinesen. Zum Neujahrsfest kommt die ganze Familie zusammen, ist sie auch das ganze Jahr über noch so weit verstreut.

Neben den Feierlichkeiten verordnet die Regierung der Volksrepublik zusätzlich noch eine Woche Ferien. Eine Reisewelle unglaublichen Ausmaßes überrollt China zu dieser Jahreszeit. 150 Millionen Wanderarbeiter, die über das Jahr in den Städten leben, kehren zum Neujahrsfest mit ihrem Bündel auf dem Rücken, dem Jahreslohn im Gürtel und Geschenken für die Familie im Sack in die Dörfer zurück. Studenten besuchen ihre Eltern. Das Bahnnetz ist überlastet. Obwohl Tausende Sonderzüge eingesetzt werden, müssen manche tagelang für eine Bahnfahrkarte anstehen - nur um einen Stehplatz zu ergattern.

Viele alte Traditionen sind vergessen

Bis auf die Knallerei und das traditionelle Abendessen im Kreis der Familie am Neujahrsabend sind die vielen Traditionen und Gebräuche, die sich um das chinesische Neujahrsfest ranken, in den Städten der Volksrepublik fast in Vergessenheit geraten. In der Mao-Zeit wurden sie wegen des Ruchs des "Aberglaubens" unterdrückt. Viele Sitten sind nur noch auf dem Land lebendig. In Erinnerung der Stadtbewohner ist jedoch, daß man Freunde und Verwandte besucht und beglückwünscht. Kinder bekommen Geldgeschenke in kleinen roten Umschlägen. In diesem Jahr sind neben den traditionellen Geschenken von Orangen, Äpfeln und Schnaps auch Porzellanhunde und Hundebilder gefragt. Immerhin könne man jetzt, da das Böllern wieder erlaubt ist, noch etwas anderes machen als Essen und Fernsehen, sagen die jüngeren Pekinger. Unter den Betuchten gibt es gar die neue Sitte, die Feier ganz auszulassen und statt dessen auf Reisen zu gehen. Das freilich wird von Eltern und Großeltern nicht unbedingt goutiert.

Nach der alten chinesischen Zeitrechnung sind die Jahre nach einer Reihenfolge von zwölf Tieren benannt: Maus, Ochse, Tiger, Hase, Drachen, Schlange, Pferd, Widder, Affe, Huhn, Hund und Schwein. Am Sonntag beginnt das "Jahr des Hundes". Hundejahre waren zuletzt die Jahre 1922, 1934, 1946, 1958, 1970 und 1994. Das Geburtsjahr gilt in der chinesischen Astrologie als entscheidend für die Bestimmung des Charakters eines Menschen. Wer im Jahr des Hundes geboren wurde, gilt als treu und soll ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsgefühl haben. Er oder sie kann allerdings auch sehr konservativ und stur sein. Auch für die in China beliebte Wahrsagerei hat jedes Tierjahr bestimmte Besonderheiten. Was das kommende Jahr bringen wird, darüber sind sich die Wahrsager in Hongkong diesmal uneins. Es sei ein Jahr des Feuers mit vielen kleineren Brandherden und Bedrohungen. Man verweist auf die Vogelgrippe und die Gefährdung durch den Terrorismus.

Glück für alle neuen Ehen

Glück allerdings soll dieses Jahr all denen bringen, die eine Ehe schließen wollen. Dieses Hundejahr ist eine Art Schaltjahr und damit länger als ein normales Jahr. Es hat deshalb zwei Frühlingsanfänge, was es nach der chinesischen Tradition glückverheißend für Hochzeiten macht. Chinesische Standesämter erwarten einen Ansturm von Paaren. Das vergangene "Jahr des Huhns" galt nämlich als ungünstig. Viele Verlobte hatten ihre Hochzeit deswegen um ein Jahr verschoben.



Text: F.A.Z., 28.1.2006
Bildmaterial: AP, REUTERS

 

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