Bergbau im Harz

Dreitausend Jahre, und Schluss

Von Robert von Lucius, Bad Lauterberg

Weltkulturerbe: Das ehemalige Erzbergwerk Rammelsberg bei Goslar

Weltkulturerbe: Das ehemalige Erzbergwerk Rammelsberg bei Goslar

13. Juni 2007 Der Corveyer Mönch Widukind berichtet in seiner Sachsenchronik, wie Kaiser Otto im Jahr 968 Erzadern im Harz erschließen ließ, vermutlich in Rammelsberg bei Goslar. Bodenfunde deuten darauf, dass im Oberharz vor mehr als 3000 Jahren, in der Bronzezeit, Erze und Metalle gewonnen wurden. Und Schlackenfunde belegen, dass im dritten Jahrhundert dort Kupfer und Silber geschürft wurden.

Zu Wochenbeginn haben Bergleute 27 Tonnen Schwerspat - ein Grundstoff für die Lack- und Farbenindustrie - aus der Grube „Wolkenhügel“ in Bad Lauterberg geholt. Sie wird jetzt geschlossen; nach 169 Jahren Förderung ist sie „restlos leergeräumt“. Noch in den Sechzigern hatten bis zu 1000 Bergleute aus dem Revier um Lauterberg pro Jahr bis zu 120.000 Tonnen Schwerspat geholt. Damit ende, so zur Wochenmitte das niedersächsische Landesamt für Bergbau, der Bergbau im Harz, der älteste in Europa.

Wirtschaftliche Grundlage für ottonische Kaiser

Der Bergbau hat die Wirtschaft und die Anfänge der Industrialisierung im nördlichsten deutschen Mittelgebirge und darüber hinaus in Niedersachsen und Sachsen-Anhalt geprägt. Er bildete die wirtschaftliche Grundlage für ottonische Kaiser, die das Harzvorland zum Mittel- und Ausgangspunkt ihres Reiches machten und Städte wie Goslar, Quedlinburg und Halberstadt zu reichen Bistümern oder zu Kaiserpfalzen. Er faszinierte zudem nicht nur Kumpel und Mineneigner, sondern auch Dichter. Heinrich Heine etwa beschreibt in seiner „Harzreise“ 1824 den Abstieg in eine Grube.

Schließlich wirkte sich der Harzbergbau auch auf die Welt der Wissenschaft, der Technik und der Erfindungen aus. Alfred Nobel setzte im Oberharz Pochsand ein bei Versuchen, das Sprengen mit Dynamit weniger gefährlich zu machen. Der Oberbergrat Julius Albert entwickelte in Clausthal 1834 das Drahtseil. James Watt, der mit seiner Dampfmaschine die Welt veränderte, suchte im Harz nach Anregungen. Manches ist zu sehen in Bergwerksmuseen. Fast jeder Ort im Harz, der auf sich hält, bietet eine Grubenfahrt für Touristen in ein Schaubergwerk oder ein Bergwerkmuseum - St. Andreasberg, Zellerfeld, Thale, Bad Grund, Ilfeld.

Eines der eindrucksvollsten Montanreviere der Welt

Das bedeutendste Museum ist Rammelsberg in Goslar. Als nach mehr als 1000 Jahren und 27 Millionen Tonnen Kupfer-, Blei- und Zinkerz Rammelsberg 1988 stillgelegt wurde und vier Jahre später, 1992, in Bad Grund mit der Grube „Hilfe Gottes“ das letzte Oberharzer Erzbergwerk, schien für viele der Bergbau im Harz beendet; den Schwerspat in Bad Lauterberg hatten manche nicht mehr im Blick. Rammelsberg wurde denn auch 1992 zum Symbol für eine Epoche - die Unesco erklärte es zusammen mit der vom Bergbau geprägten Altstadt Goslars 1992 zum Weltkulturerbe.

Viele sehen diese Kulturlandschaft als eines der eindrucksvollsten Montanreviere der Welt an. Erhalten sind als Ensemble Denkmäler vom Bergbau über und unter Tage aus fast allen Betriebsphasen. Die Übertageanlagen mit Maschinenhallen, Grubenbahn und Erzaufbereitung zählen zu den größten Museen Norddeutschlands. Neben der Technik zeigt Rammelsberg auch das Leben der Kumpel.

Beim Harzbergbau ging es nicht nur um Förderung

In Rammelsberg wird sichtbar, dass es beim Harzbergbau nicht nur um die Förderung ging, sondern auch um das Gewinnen und Aufbereiten der in den Erzen enthaltenen Metalle, um ihre Verhüttung und Umwandlung in Fertigfabrikate. Die Pochwerke und Handwerksbetriebe zur Zerkleinerung und Verarbeitung der Metalle, oft an Bachläufen in der Nähe der Gruben, beschäftigten bis ins 19. Jahrhundert Bewohner des Harzes, oft in Kinder- und Jugendarbeit.

Später kam die Wissenschaft dazu: Die Technische Universität Clausthal, hervorgegangen aus der alten Bergakademie, genießt einen großen Ruf in Lehre und Forschung um Rohstoffe, Materialwissenschaften, Endlagerstätten. Fast scheint es eine doppelte Symbolik: Wenige Wochen vor dem Ende des Bergbaus im Harz befand eine Studie über die Bevölkerungsentwicklung in Niedersachsen, dass der Südosten um Goslar herum zu den Regionen zählt, in denen der Bevölkerungsschwund am stärksten ist.

Text: F.A.Z., 14.06.2007, Nr. 135 / Seite 13
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa

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