12. November 2009 Wenn Kaiser Akihito und Kaiserin Michiko in ihrem Palast Besucher empfangen, geht es sanft zu. Leise öffnen sich die Schiebetüren, leise werden Plätze eingenommen, leise eilen die Besucher in die milde beleuchtete Empfangshalle. In der Halle, von Prunk keine Spur, hat ein Vertreter des Hofamts die Etikette bekannt gegeben. Stehend und schweigend erwartet man die Majestäten, verbeugt sich kurz bei ihrem Eintritt und ganz tief zur Begrüßung. Die Majestäten nehmen leise auf zwei schmucklosen Stühlen mit goldig schimmerndem Bezug Platz. An ihrer Seite sitzen in gebührendem Abstand eine Hofdame und der Oberhofmeister. Leise spricht der Kaiser, fast flüsternd die Kaiserin, um ihrem Volk über die Medien ihre Gedanken zum 20. Thronjubiläum mitzuteilen. Der Kaiser im hellen Anzug, die Kaiserin im hellgrauen Kostüm, geschmückt mit einer Perlenkette, die silbergrauen Haare im Nacken zusammengefasst.
Hinter die hohen Mauern des Palastes in Tokio vorgelassen zu werden, ist ein seltenes Privileg in Japan. Zwar führt das Kaiserpaar keineswegs ein zurückgezogenes Leben. Doch die weitläufige Anlage im Herzen von Tokio ist nur wenigen zugänglich. Zu normalen Zeiten kann man die äußeren Gärten und die gewaltigen Mauern von außen besichtigen. Nur zwei Mal im Jahr, an Kaisers Geburtstag, dem 23. Dezember, und zu Neujahr, öffnen sich die Tore der Palastanlage für Besucher, dann zeigt sich die Kaiserfamilie dem Volk.
Politische Macht hat der Kaiser nicht mehr
Der Tenno ist Repräsentant der ältesten Dynastie der Welt. Das supermoderne Japan, das seine Traditionen pflegt, verehrt ihn noch immer. Als Akihito am 12. November 1989 offiziell zum 125. Tenno ausgerufen wurde, stellte er seine Regierungszeit unter die Devise Heisei“: werdender Frieden“. In Japan werden bis heute die Jahre auch in der Zeit der kaiserlichen Regierungen gezählt. So das Land gerade im Jahr 21 der Regierungsdevise Heisei“. Nach der Niederlage im Zweiten Weltkrieg diktierten die Amerikaner den Japanern eine demokratische Verfassung. Der Tenno wurde als Symbol des Staates und der Einheit des Volkes“ definiert, der seine Stellung vom Willen des Volkes erhält, dem neuen Souverän. Politische Macht hat der Kaiser nicht mehr. Akihitos Vater, Kaiser Hirohito, musste in seiner Neujahrsansprache von 1946 seine göttliche Abstammung verneinen und erklären, dass die Beziehung des Kaisers zum Volk nicht mehr auf Mythen und Legenden, sondern auf Vertrauen und Zuneigung“ beruht.
Kaiser Akihito und Kaiserin Michiko ist es in den 20 Jahren ihrer Amtszeit gelungen, diese neue Rolle perfekt auszufüllen. Das Kaiserpaar hat durch sein freundliches Wesen und sein Bemühen um Volksnähe tatsächlich Vertrauen und Zuneigung geschaffen. Das zurückhaltende Auftreten des Kaisers und die mitfühlende Art der Kaiserin verleihen dem Paar eine leise Autorität. Durch viele öffentliche Verpflichtungen und Auftritte sind sie den Japanern nahe. Unermüdlich reisen sie, besuchen öffentliche Einrichtungen, sind bei Feiern zugegen. Auch bei Auslandsreisen überraschend sie ihre Gastgeber durch ihre Offenheit. Der Kaiser hat sich politischer Stellungnahmen zu enthalten und peinlich genau auf die Neutralität seiner Äußerungen zu achten. So fehlen in seinem Rückblick auf 20 Herrscherjahre die Hinweise auf politische Ereignisse in Japan. Wohl aber kann er über den Bezug auf internationale Ereignisse seine Eindrücke darstellen. Kaiser Akihito spricht vom Fall der Mauer in Deutschland wenige Tage vor seiner Thronbesteigung. Es sei ein unvergessliches Erlebnis gewesen, als er und die Kaiserin später mit Bundespräsident Richard von Weizsäcker bei einem Besuch durch das Brandenburger Tor gelaufen seien und Beethovens Chor der Ode an die Freude“ gehört hätten. Der heute 75 Jahre alte Kaiser macht sich Sorgen, dass man die Vergangenheit vergisst. Die Geschichte der 64 Jahre langen Regierungszeit seines Vaters habe er genau studiert. Es sei wichtig, die Vergangenheit zu kennen und daraus Lehren für die Zukunft zu ziehen.
Sie litt unter Depressionen
Kaiserin Michiko war die erste Bürgerliche auf dem Kaiserthron. In Japan machte es Furore. Noch jetzt wird in jedem Artikel über das Kaiserhaus erwähnt, dass sie die erste Kaiserin war, die ihre zwei Söhne und eine Tochter selbst erzogen und ihnen sogar das Mittagessen für die Pause in der Schule zubereitet hat. Die Kaiserin äußert sich besorgt um die Zukunft der Familien in Japan. Sie beklagt, dass die Frage der Überalterung Japans nur als Problem angesehen wird. Sie wünsche sich Japan als ein Land, das sich gut um die Alten kümmere. In diesem Jahr hat das Kaiserpaar auch seine Goldene Hochzeit gefeiert. Noch heute vermitteln die beiden den Eindruck, das sie einander sehr zugetan sind. Kaiserin Michiko bezeichnet den Tod der Mutter des Kaisers als größte Begebenheit in ihrem Leben der letzten 20 Jahre. Sie habe zuallererst daran gedacht, dass der Kaiser jetzt keine Eltern mehr habe.
Doch auch das perfekte Kaiserpaar hat seine familiären Probleme. Zwar gibt es in Japan keine plaudernden Diener und keine penetranten Paparazzi. Doch weiß man wohl von den Schwierigkeiten mit dem Nachwuchs. Sorgenkind ist Prinzessin Masako, die Frau von Kronprinz Naruhito, die nach ihrer Heirat – in der Diktion des Hofamts – Anpassungsschwierigkeiten“ entwickelte. Sie litt unter Depressionen und konnte über Jahre ihren öffentlichen Verpflichtungen nicht nachkommen.
Eng verbunden sind ihre Probleme mit der Frage der Thronfolge. Lange blieben Prinzessin Masako und der Kronprinz kinderlos. Schließlich wurde ein Mädchen geboren. Bevor das Parlament sich entschließen musste, die Thronfolge-Regelung zugunsten von Frauen zu ändern, gebar aber die Frau des jüngeren Prinzen, Akishino, einen Sohn. Er steht jetzt vor der Tochter Masakos in der Thronfolge. Die Thronfolge-Frage und die Haltung zu Prinzessin Masako sollen zu einem Zerwürfnis zwischen den Prinzen und auch zu Spannungen im Verhältnis zwischen Kaiser und Kronprinz geführt haben. Zum Jubiläum ist von Streit aber nicht die Rede. Der Kaiser sagt, die Frage der Thronfolge hänge vom Parlament ab. Die Meinungen seiner Söhne sollten aber geachtet werden. Beide hätten ihre Ideen, wie die kaiserliche Familie in Zukunft aussehen sollte.
Text: F.A.Z.
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