Ostern

Immer noch bestenfalls geduldet

Im “St. Paul Cultural Center“ in der Alstadt von Antalya treffen sich die Christen

Im "St. Paul Cultural Center" in der Alstadt von Antalya treffen sich die Christen

06. April 2004 Von den mehr als 70 Millionen Türken sind etwa 0,15 Prozent Christen, die übrigen sind Muslime. Größte christliche Minderheit sind die Armenier mit etwa 65.000 Gläubigen. Im Jahr 1915 deportierte das Osmanische Reich die christlichen Armenier aus Ostanatolien, etwa 1,5 Millionen Personen kamen dabei ums Leben. In der Türkei ist der Massenmord bis heute tabu, schon seine Erwähnung kann bestraft werden. Daß sich dies ändert, ist für viele europäische Regierungen ein Prüfstein für die Aufnahme von Beitrittsverhandlungen der EU mit der Türkei.

Von den griechisch-orthodoxen Christen - allein in Istanbul waren es zur Mitte des vergangenen Jahrhunderts noch mehr als 100.000 - sind noch 2000 übrig. Von den 200.000 syrisch-orthodoxen und syrisch-katholischen Christen, die in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts noch im Osten des Landes lebten, sind heute an der Grenze zu Syrien und dem Irak 2000 geblieben. Seit dem Zusammenbruch des Osmanischen Reichs und der Staatsgründung der Türkei durch Mustafa Kemal "Atatürk" im Jahr 1923 versteht sich das Land als laizistische Republik nach französischem Vorbild. Der Vertrag von Lausanne (1923), auf den sich die Türkei noch heute beruft, schützt nur solche "minorites non-musulmannes", die zur Zeit des Osmanischen Reichs als religiös und ethnisch definierte "millet" galten. Das waren Juden, Griechen und Armenier.

Keine katholischen und evangelischen Gemeinden

Nicht unter die Schutzbestimmungen des Lausanner Vetrags fallen etwa die römisch-katholischen und evangelischen Christen; sie durften bislang auch keine Gemeinden bilden. Artikel 24 der türkischen Verfassung von 1982 bestimmt nämlich die Glaubensfreiheit laizistisch als Individualrecht, nicht als kollektives Recht von Religionsgemeinschaften. Die römisch-katholische Kirche in der Türkei - ihr gehören fast nur Ausländer an - hat so keinen sicheren Rechtsstatus. Die katholische Bischofskonferenz ist eine religiöse Stiftung nach türkischem Recht. Das Recht etwa auf Erwerb von Eigentum ist ihr versagt.

In der Praxis sind also die nichtsunnitischen Religionsgemeinschaften nur geduldet und wurden vielfach benachteiligt. Daß die Leiter der katholischen und evangelischen deutschsprachigen Gemeinden in Istanbul Gottesdienste feiern können, verdanken sie nicht einem Rechtsanspruch als religiöse Gemeinschaft oder ihrem Status als Geistliche, sondern der Tatsache, daß sie in Absprache mit den türkischen Behörden auf der Diplomatenliste des deutschen Generalkonsulats geführt werden.

Reformen lassen Christen hoffen

Die Mehrheitsreligion der Türkei, der sunnitische Islam, wird vom Staat verwaltet, vom "Diyanet Isleri Baskanligi", dem "Präsidium für Religionsangelegenheiten". Ihm unterstehen die 75.000 Moscheen des Landes. Der Staat bezahlt über das Präsidium auch die knapp 100.000 Imame und Muezzine, regelt ihre Ausbildung, baut und erhält die Moscheen. Er ist auch zuständig für den sunnitisch geprägten Religionsunterricht an den Schulen. Das "Präsidium" entsendet auch die knapp 500 Imame an die Moscheen der türkischen Muslime in Deutschland. In der Türkei werden bei den traditionellen Verfechtern des kemalistischen Laizismus nun Befürchtungen laut, wenn man ausländischen religiösen Gemeinschaften die Bildung unabhängiger Gemeinden gestatte, könnten dies auch islamistische Fundamentalisten für sich beanspruchen und sich an ihren Moscheen der Überwachung durch das staatliche Diyanetsystem entziehen.

Daß sich die Lage der christlichen Minderheiten in der Türkei zu bessern beginnt, ist den Reformen unter Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan zu verdanken. Erdogan kam im November 2002 an die Macht, als die Türken bei den Wahlen ihre alte Politikerkaste abschüttelten und Erdogans "Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung" (AKP) zum Sieg verhalfen. Ausgerechnet diese islamisch-konservative Partei ist es nun, welche die Türkei mit den Reformen auf den Weg in die Europäische Gemeinschaft führen will. Die gewaltigen Inflationsraten sinken, seit Jahrzehnten zum ersten Mal scheint das Land politisch stabil. Auch das "Präsidium für Religionsangelegenheiten" hat jetzt einen neuen Chef, Ali Bardakoglu von der Marmara-Universität in Istanbul. Er sieht sich als "modernen Muslim" und treibt Neuerungen voran. So sollen in Zukunft die Imame, die nach Deutschland geschickt werden, Absolventen theologischer Fakultäten sein und nicht mehr nur Predigerschulen oder Grundschulen besucht haben. Auch sollen sie Fremdsprachen lernen. Bardakoglu hat anders als die kemalistischen Staatsdoktrinäre vor ihm auch ein offenes Ohr für die Schwierigkeiten der nichtmuslimischen Minderheiten in der Türkei.

Nicht wenige Beobachter in der Türkei und im Ausland fürchten allerdings, daß die Stunde der alten "kemalistischen" Eliten schlägt, wenn im Dezember der türkische Wunsch nach Aufnahme von EU-Beitrittsverhandlungen abschlägig beschieden werden sollte. Dann kehrten die reformfeindlichen Kräfte des Militärs und der Bürokratie zurück an die Macht, und die AKP falle in ihre islamistischen Ursprünge zurück.

Text: wer. / Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.04.2004, Nr. 83 / S. 11
Bildmaterial: F.A.Z.-Axel Wermelskirchen

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