Das Single-Dasein

Über die Unmöglichkeit, Liebe zu finden

Von Felicitas von Lovenberg

08. Mai 2006 Kennen Sie den schon: Wie paaren sich Stachelschweine? Die Antwort: Ganz vorsichtig, damit sie sich nicht aus Versehen gegenseitig umbringen. Und offenbar ziemlich erfolglos, wenn man bedenkt, wie selten man einer Familie von Stachelschweinen begegnet. Denn Stachelschweine sind Einzelgänger - ob aus Mut oder aus Verzweiflung, sei dahingestellt.

Singles sind die Stachelschweine unserer Gesellschaft, borstige Einzeltierchen, die schon mal jemanden aufspießen können, der sie gegen den Strich zu streicheln versucht. Noch in den neunziger Jahren von Soziologen wie Ulrich Beck als „Speerspitze der Individualisierung“ gefeiert, ist der Single inzwischen in unserer von Nachwuchssorgen tyrannisierten Gesellschaft zum Feindbild geworden. Zum Bösewicht, der sich dem kollektiven Imperativ widersetzt, der da lautet: Du sollst einen Partner, Kinder, eine Ausbildung und einen Beruf haben und dabei möglichst gesund bleiben. In einem Land, das kaum noch Junge hat und seine Alten bald nicht mehr finanzieren kann, werden Singles immer offener als kinderfeindliche Egoisten angeprangert, die nur die eigene Lustmaximierung im Sinn haben. In Japan nennen sie die Solisten schon „Parasiten“.

Lebensgefühl der Alleinstehenden

Gerade in dem Moment, da es so aussieht, als sei „Single“ auch bei uns gleichbedeutend mit „Versager“, erscheint ein leidenschaftliches Plädoyer für diese Existenzform. Ulf Poschardt, demonstrativer Hedonist, Bushist und Journalist und philosophierender Fashionista, hat dem Lebensgefühl der Alleinstehenden ein Buch gewidmet: „Einsamkeit“ (Kabel, 14,90 Euro). Statt zu Ablenkung, Schönreden und zwanghafter Geselligkeit rät Poschardt, Zeiten der Einsamkeit und des Alleinseins offensiv zum Rückzug und zur Reflexion zu nutzen - ganz wie einst Lou Andreas-Salome ihrem Geliebten Rilke die bewußt genossene Einsamkeit als Grundlage aller Lebenskunst empfahl.

Poschardts Buch, das sich übrigens auch als große Kontaktanzeige für den Posten der Traumfrau lesen läßt, beginnt und endet mit einem Bekenntnis zur Romantik: „Die Unmöglichkeit, Liebe zu finden, ist die einzige Entschuldigung für Einsamkeit.“ Soweit sind sich alle Singles einig, selbst jene, die die Ehe aus Prinzip ablehnen oder niemals die eigene Wohnung aufgeben würden. Der zerrissene Kugelmensch Platons träumt noch immer von der Wiedervereinigung mit seiner anderen Hälfte.

Chance zur hemmungslosen, ungestörten Selbstliebe

Derart in eigenen Überzeugungen bestätigt, liest man gespannt weiter. Doch je länger das Buch bestimmte Situationen beleuchtet, die jeder Single kennt - der eigene Geburtstag; Parties, wo man alle kennt; Parties, wo man niemanden kennt; alleine einschlafen und so weiter - beschleicht einen das Unbehagen. Zu wohlfeil und zu narzißtisch ist Poschardts Lob der Isolation: Nicht, daß er, wie das viele Singles aus Neid oder Not tun, die Lebensweise der Paare vorführte oder kritisierte. Er versteht den Alleingang einfach als Chance zur hemmungslosen, ungestörten Selbstliebe.

Wer viel erwartet, dem wird das Warten nicht lang. Oder gerade - denn warum sonst sollte er sich immer wieder dieselben romantischen Komödien anschauen, die Poschardt ihres Zuversicht verbreitenden Happy-Ends wegen empfiehlt, von „Pretty Woman“, „Notting Hill“ und „Tatsächlich Liebe“ über „About a Boy“ bis hin zu „Vier Hochzeiten und ein Todesfall“?

Die „Thomas-Crown-Affäre“

Abgesehen davon, daß ausgerechnet „Was das Herz begehrt“ darin fehlt, ist diese Liste der romantic comedies typisch für das verzerrte Bild, das so viele Singles von sich haben und nach außen projizieren: Wenn sie erst einen finden, der ihre Spleens so liebt, wie sie das selbst tun, dann wird schon alles gut werden. Will man aber wirklich verstehen, warum Frauen keine Männer und Männer keine Frauen mehr finden, sollte man sich einen ganz anderen Film ansehen: das Remake der „Thomas-Crown-Affäre“ mit Rene Russo und Pierce Brosnan, aus welchem auch der Witz mit dem Stachelschwein stammt.

Thomas Crown ist intelligent, reich, gutaussehend, gebildet, charmant. Selbstironie macht seine Eitelkeit erträglich. Doch der perfekte Mann im besten Alter - auch Poschardt geht auf die Vierzig zu - langweilt sich in seinem Hochglanzleben. Als Crown auf Catherine Banning trifft, endlich eine Frau seines Kalibers, ist er fasziniert. Beide beschließen, einander zu erobern - und jeder will dabei die Kontrolle behalten. Dieses Duell wird schließlich am einzigen Ort ausgefochten, wo ein Unentschieden zwischen Mann und Frau erlaubt ist: im Bett.

Einsamkeitsspanne von einem Jahr empfohlen

Singles, die sich wie Poschardt zu den wahren Romantikern stilisieren, sind nicht die Wiedergänger von so liebenswerten Chaoten wie „Harry und Sally“, sondern von Perfektionisten und Kontrollfreaks wie Thomas Crown und Catherine Banning. Denn die Kehrseite der Kompromißlosigkeit, die sie in Liebesdingen für sich beanspruchen, ist ihre eigene Unfähigkeit, sich auf jemanden einzulassen, der ihrem eigenen Selbstbild womöglich nicht exakt entspricht. Sie suchen keinen passenden Partner, sondern einen würdigen Gegner.

Die allermeisten Singles sind der festen Überzeugung, daß die wahre Liebe sie nur noch nicht gefunden hat, daß aber in dem Moment, wo der oder die Richtige auftaucht, alles wie von selbst an seinen Platz fallen wird. Der Glaube daran, daß beim nächsten Mann oder bei der nächsten Frau wirklich alles anders wird, ist indes nicht unbegrenzt haltbar. Poschardt, der eine Einsamkeitsspanne von einem Jahr empfiehlt, um die Kraft des Selbst zu tanken, führt allerlei Feldstudien unter Berliner Singles seiner Bekanntschaft an, Beobachtungen, die in erster Linie belegen, daß Fernsehserien wie „Sex and the City“ oder „Ally McBeal“ bei der Neurosen- und Spleenausstattung ihrer Charaktere keineswegs so stark übertrieben haben, wie man bisher dachte.

Ode auf die Einsamkeit mit Fehlern

„Könnte es sein, daß Sie ein Vertrauensproblem haben?“ wird Thomas Crown einmal von seiner Therapeutin gefragt. „Ich vertraue mir vorbehaltlos“, antwortet er. Hier entblößt sich, was kein Single gern zugibt und wovor auch Poschardt sich drückt: Das Einzelgängertum verspricht nicht nur Ruhe, Schönheit und Konzentration, sondern es erzeugt oft auch ein Überheblichheitsgefühl, einen grundlosen Größenwahn, der die kritische Bestätigung durch einen Partner vielleicht ersetzt, die ersehnte große Liebe aber eines schönen Tages abschrecken könnte. Mit Poschardts Fibel verlernt der Single endgültig, von sich selbst einmal abzusehen und auf die anderen zu achten - also genau jene Tugenden, die Familien hervorbringen und zusammenhalten.

Die optimistische These, daß keiner näher dran ist an einer glücklichen Zweisamkeit als der geläuterte und nachdenkliche Single - die auch die Autorin dieses Artikels bereits in einem Buch vehement vertreten hat -, hat auf dem Beifahrersitz neben Poschardts Ego keinen Platz. Denn seine Ode auf die Einsamkeit verkennt, daß man sich im Alleingang nur bis zu einem gewissen Punkt verfeinern kann - weil es keinen Mitspieler gibt, niemanden, mit dem man die beim Solitaire gewonnenen Einsichten und Vorsätze ausprobieren kann. Genuß ist keine Intimität, und Intimität nicht immer ein Genuß. Erst der nahe Umgang mit anderen zwingt zur Konfrontation mit den eigenen Unzulänglichkeiten. Da der Single mangels eines Menschen, auf den er Rücksicht nehmen muß, nicht zur Verstellung, aber eben auch nicht zur Bescheidenheit gehalten ist, bleibt er sein eigener größter und wahrscheinlich einziger Fan.

Die letzte Zuflucht komplizierter Menschen

Die von Poschardt porträtierten Singles stilisieren sich selbstgefällig zu ihrem eigenen Traumpartner und wundern sich allenfalls, daß die anderen ihre Einzigartigkeit nicht ebenso zu schätzen wissen wie sie selbst. Um so wichtiger, daß der Inhalt des Kühlschranks stimmt, das Auto und die Designerklamotte: Solche zwar teuren, dennoch einfachen Genüsse sind die letzte Zuflucht komplizierter Menschen.

Thomas Crown und Catherine Banning, die zwar miteinander ins Bett gehen, aber nicht miteinander aufstehen können, jagen ein Phantom. Nicht mehr jung genug, um alles zu wissen, und zu alt, um alles zu glauben, erscheint ihnen Zugehörigkeit als Verheißung, gelebte Partnerschaft mit dem unweigerlichen Aufeinanderprall von Charakter, Einstellungen, Geschmack jedoch als Drohung. Um der Enttäuschung vorzubeugen und das eigene Idealbild nicht anzukratzen, werden statt dessen am laufenden Band Proben inszeniert, die dem Herzensanwärter aber natürlich nicht als solche angekündigt werden.

Dann war es eben nicht der richtige Mensch

Geht man einmal davon aus, daß Manieren, Konversationstalent und Kleidungsstil im Rahmen des Erträglichen sind - mitnichten selbstverständlich -, wird die soziale Souveränität getestet. Am gefährlichsten aber ist der Drang, ständig Gefühlstiefe und -festigkeit des anderen prüfen zu wollen - natürlich bei sorgfältiger Wahrung der eigenen emotionalen Unberechenbarkeit. Wenn die Sache dann nach so kurzer wie heftiger gegenseitiger Probezeit schlecht ausgeht, klopft man sich beschwichtigend auf die Schulter: Dann war es eben nicht der richtige Mensch. Die Möglichkeit, daß man selbst versagt haben könnte, wird nicht in Betracht gezogen.

Weil er weiß, daß die Polizei ihn überwacht und Catherine Banning über jeden seiner Schritte informiert, läßt sich Thomas Crown mehrmals im vertrauten Umgang mit einer jungen Frau fotografieren. Und siehe da: Bei aller Coolness kann die Verfolgerin nicht umhin, ihm zu zeigen, daß sein Verhalten sie verletzt. Ihre Demütigung ist sein Triumph: Erst jetzt kann er ihres Interesses sicher sein. Vertrauensbildende Maßnahmen sehen anders aus.

Einsamkeit ist „eine Trutzburg gegen die Anpassung“

Sollte Poschardts Porträt der Singles der Generationen Golf bis Porsche Anspruch auf Gültigkeit haben, werden diese Jahrgänge den Sprung in die Zweisamkeit nicht mehr schaffen. Statt Familienalltag werden sie noch in ihren Fünfzigern Katz-und-Maus-Spiele veranstalten - und das auch nur, wenn sich ein ebenbürtiger Partner einstellen sollte. Noch ist die Furcht davor, einmal einsam alt zu werden, für sie eher abstrakt. Und solange Cartier keine biologischen Uhren herstellt, dürften Singles vom Schlage Poschardts auch in Zukunft nichts weiter ticken hören als ihren Chronographen.

Frei von Zweifeln an der eigenen Liebeseinstellung, genießt der Solist stilvoll seine Freiheit - eher ahnend als wissend, daß er etwas verpaßt. Einsamkeit ist „eine Trutzburg gegen die Anpassung“, schreibt Poschardt. Das ist wahr. Einer Trutzburg ähnelt jedoch auch die Haltung seines Buches. „Wer nicht zuweilen zuviel empfindet, der empfindet immer zuwenig“, fand Jean Paul - so läßt sich auch das Abwehrverhalten der einzelgängerischen Stachelschweine charakterisieren.

Am Ende der „Thomas-Crown-Affäre“ verliert Catherine Banning endlich die Fassung, allerdings erst, als sie sich unbeobachtet wähnt. Da reicht ihr eine gepflegte Männerhand ein Taschentuch. Ulf Poschardt tröstet sich einstweilen selbst. Der wichtigste Satz seines Buches kommt betont lässig daher: „Locker bleiben.“ Zwischen Freiheitsjubel und Depression ist dies der beste Rat, den ein Single sich selbst geben kann.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 07.05.2006, Nr. 18 / Seite 27
Bildmaterial: Cinetext Bildarchiv, picture-alliance / dpa

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