Ägypten

„Es war eine brennende Titanic“

Zermürbendes Warten im Hafen von Safaga

Zermürbendes Warten im Hafen von Safaga

05. Februar 2006 Brennende Decks, beißender Rauch und Menschen in Panik: An Bord der Unglücksfähre „Al Salam Boccaccio 98“ spielten sich grauenhafte Szenen ab. „Der Schiffsuntergang übersteigt jede Vorstellungskraft“, sagte ein Überlebender, bevor er am Samstag in Safaga zitternd vor Erschöpfung in einen Rettungswagen stieg. „Es war eine brennende Titanic.“

Geschafft von der Arbeit betritt Al Hawari Ahmed am Donnerstagabend die Fähre im saudiarabischen Hafen Dhiba, um wie Hunderte seiner Landsleute in seinen Heimatort in Ägypten zurückzukehren. Müde legt er sich sofort hin, wird jedoch schon wenig später von seinen aufgeregten Kollegen geweckt. „Sie riefen, das Schiff stehe in Flammen, und ich sah, wie kochendes Wasser aus einem Tank strömte. Rauch kam von den tiefer gelegenen Kabinen auf der linken Seite der Fähre. Aber niemand wußte, wo der Brandherd war“, erzählt Ahmed.

„Niemand hat die Passagiere gewarnt“

„Der erste Rauch war bereits eine Stunde nach Abfahrt der Fähre zu sehen, der Kapitän hätte umkehren oder sofort Hilfe anfordern müssen“, berichtet Ahmed empört. So aber nimmt das Unheil seinen Lauf. Das Feuer frißt sich durch die ersten drei Stockwerke der Fähre und läßt Decken einstürzen. Die Menschen an Bord versuchen nach oben zu flüchten. „Niemand von der Besatzung hat die Passagiere gewarnt“, sagt Ahmed.

„Irgendwann kippte das Schiff zur Seite, so daß wir auf die andere Seite rannten, in der Hoffnung, die Fähre wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Aber das haben wir nicht geschafft“, erzählt ein anderer Überlebender der Katastrophe. „Die Mannschaft sagte uns weder, was vor sich ging, noch teilte sie Rettungswesten aus. Wir zerrten in Panik selber die Westen heraus und sprangen ins Wasser“, berichtet Ahmed.

Viel zu späte Hilfe

Der Ägypter hatte dabei noch Glück: Er ist einer von rund 390 Überlebenden. Etwa 1000 Menschen haben das Inferno vermutlich nicht lebend überstanden, werden weiterhin vermißt, obwohl die Suche nach ihnen fortgesetzt wird. Die meisten Passagiere waren ägyptische Arbeiter auf dem Heimweg von ihren Jobs in den reichen Golfstaaten.

Die Fähre sollte den ägyptischen Hafen Safaga gegen 2.30 Uhr morgens am Freitag erreichen, aber die Funkverbindung war schon lange abgerissen. Um Mitternacht herum wurden die ersten Leichen vor der Küste Safagas entdeckt. Erste Rettungskräfte waren unterwegs. Doch die Überlebenden klagen alle, daß die Hilfe viel zu spät kam und nicht ausreichend war. „Wir hatten das Gefühl, daß keiner von uns Notiz nahm. Wir mußten mehr als zehn Stunden im Wasser verbringen, bevor wir gerettet wurden“, sagt Ahmed. Er kann sich noch an die Fahrt im Rettungsboot inmitten von hohen Wellen erinnern. Den Hafen erreicht er gemeinsam mit zwanzig anderen Überlebenden, darunter auch ein achtjähriges Kind.

Frustrierte Angehörige attackieren Polizei

„Wir mußten 20 Stunden auf Hilfe warten. Die Schiffsbesatzung hat nicht mal die Rettungsboote losgemacht“, erzählt Hosni al Guindi. Es seien keine Alarmsirenen erklungen, ergänzt sein Freund Mohamed: „Ich habe aus dieser Erfahrung gelernt, daß ein Menschenleben offenbar wenig wert ist.“

Die ersten Überlebenden gehen in Decken gewickelt und noch unter Schock an Land. Manche werden zu Bussen geleitet, andere mit Erschöpfung, Unterkühlung, Schock und Knochenbrüchen in Kliniken gebracht. Wütende, verzweifelte Angehörige attackieren unterdessen Polizisten, die das Hafengebiet in Safaga abgeriegelt haben. Sie werfen mit Steinen, weil sie keine Nachrichten über das Schicksal ihrer Lieben bekommen. Die Polizisten gehen mit Schlagstöcken gegen sie vor, während ein weiteres Rettungsboot im Hafen festmacht.

Schon zahlreiche Unglücke auf der Strecke

Die Fähre, die laut Verkehrsminister Muhammad Mansour erst kürzlich bei Prüfungen alle Sicherheitsbestimmungen erfüllt haben soll, hatte Dhiba, den nördlichsten saudiarabischen Hafen am Roten Meer, um 20.30 Uhr Ortszeit verlassen. In Safaga hätte sie um 2.30 Uhr ankommen sollen. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Besatzung der Fähre schon einen Notruf abgesetzt, der von der ägyptischen Fähre „Sankt Kathrin“ empfangen wurde. Doch die Rettungsaktion der Behörden, die in den Morgenstunden begann, kam für die meisten Passagiere des Schiffes zu spät.

Die Fähren, die zwischen Saudi-Arabien und Ägypten verkehren, sind für viele ägyptische Arbeiter der billigste Weg, um zu ihren Arbeitsplätzen in den reichen Golfstaaten oder zur muslimischen Wallfahrt nach Mekka zu gelangen. Auf der Strecke hatte es schon mehrfach Unglücke mit Hunderten von Todesopfern gegeben.

Vorwürfe gegen italienische Lizenzierungsgesellschaft

Im Fall der „Al Salam Boccaccio 98“ ist nun die italienische Lizenzierungsgesellschaft Rina in die Kritik geraten. Erst im vergangenen Jahr hatte sie dem Schiff, das 1970 in Italien gebaut und 1998 nach Ägypten verkauft worden war, ein Sicherheitszertifikat ausgestellt. „Die Al Salam hatte im Juni 2005 unsere Inspektion zur strukturellen Solidität positiv bestanden, deshalb hatten wir keinen Grund zur Besorgnis“, verteidigte sich ein Rina-Sprecher . Bei Unfällen auf dem Meer könne keine Möglichkeit ausgeschlossen werden, aber ein Strukturschaden als Unglücksursache sei äußerst unwahrscheinlich, fügte er hinzu.

Die Rina hatte auch den im Dezember 1999 vor Frankreich zerborstenen Öltanker „Erika“ geprüft und zertifiziert. Derzeit wird gegen die Gesellschaft wegen des Vorwurfs ermittelt, sie habe das Zertifikat für die „Erika“ ausgestellt „ohne sich zu versichern, daß das Schiff, seine Materialien und seine Struktur es erlaubten, dieses zu bekommen“, berichtete die Nachrichtenagentur Ansa.

Unsichere Roll-on-Roll-off-Fähren

Mitschuld daran ist oftmals der Einsatz älterer Autofähren vom Roll-on-Roll-off-Typ, die bei Experten als gefährlich gelten. „Die Schiffe haben eine Bug- und eine Heck-Klappe und dazwischen Autodecks im Stil riesiger Tiefgaragen“, erläuterte der Leiter des ADAC-Fährentests, Jens-Peter Hoffmann. „Läuft vorn Wasser herein, breitet es sich schnell im ganzen Schiff aus, und die Fähren können leicht umkippen.“

Auch die 1970 gebaute Unglücksfähre „Al Salam Boccaccio 98“ gehört zu diesem Typ. Das Schiff hat eine Größe von mehr als 11.000 Tonnen, ist 118 Meter lang und bis zu 17 Knoten (31,5 Stundenkilometer) schnell. An Bord ist Platz für nahezu 1500 Passagiere und Autos. Eine mehr als 100-köpfige Besatzung betreut die Reisenden auf den Fahrten.

Text: F.A.Z. / FAZ.NET mit Material von dpa, Reuters
Bildmaterial: AP, dpa/dpaweb, F.A.Z., REUTERS

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Frust über die fehlenden Nachrichten: Auseinandersetzung mit der PolizeiErschöpft aber glücklich: Überlebende des FährunglücksBange Blicke: Sind meine Lieben unter den Geretteten?Vater und Sohn - gerettet!Verzweiflung: “Keiner sagt uns was“Die Unglücksfähre “Al Salam Boccaccio 98“Schlimmste Befürchtungen Der Frust entlädt sichEin Boot mit Überlebenden erreicht den Hafen von SafagaErlösung: Verwandte erkennen sichTrauerNamen von Überlebenden werden verlesenBlick übers Meer, Blick ins UngewisseEndlose Ungewißheit: Seit vielen Stunden warten die Angehörigen auf NachrichtReiseprospekt der Fähre „Al Salam Boccaccio 98”