Drogen

Der kleine Rausch für zwischendurch

Von Robert Lücke

High times: Mittlerweile bekennt sich jeder vierte Jugendliche zum Cannabis-Konsum

High times: Mittlerweile bekennt sich jeder vierte Jugendliche zum Cannabis-Konsum

01. August 2004 Tim hat jetzt nicht so viel Zeit, also macht er schnell. Er kann das hier einhändig, das kommt von der Übung. In der linken Hand hält er ein Stück Dope, mit der rechten das Feuerzeug darunter. Das braune Haschischstückchen wird weicher über der Flamme, Tim bröselt ein paar Krümel auf die Handfläche, in der schon etwas Tabak in einem Blättchen liegt. Er formt alles zu einer dünnen Wurst und feuchtet das Blättchen an, dreht es ein paarmal. Der Rausch für die kleine Pause zwischen Bio und Mathe ist fertig.

Tim steht auf dem Schulhof eines Gymnasiums in Wuppertal. Er ist gerade 17 geworden und ein hübscher Junge, ziemlich groß und schlank, aber nicht so dünn wie viele in seinem Alter. Er schreibt gute Noten, spielt Tennis, sein Vater ist Steuerberater, die Mutter hat eine Werbeagentur. "Mir geht's ja echt korrekt", sagt er, zieht ein paarmal heftig an der kleinen Zigarette, hält die Luft an und atmet langsam aus.

Rauchverbot an Schulen

Deutschlands Kiffer werden nicht nur immer zahlreicher, sie werden auch immer jünger. Statistiker der Weltgesundheitsorganisation WHO haben in einer Studie hochgerechnet, daß jeder vierte deutsche Schüler in einer neunten Klasse schon einmal gekifft hat. Und die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung in Köln weiß, daß vor zehn Jahren das Einstiegsalter für Erstkonsumenten noch bei 17,5Jahren lag - heute sind die Kiffer im Schnitt ein Jahr jünger als noch 1994. Und bekannte sich früher jeder sechste Jugendliche zum Cannabiskonsum, tut das heute jeder vierte. Bei etwa 980000 Sechzehnjährigen in Deutschland sind das fast 200000 potentielle Kiffer.

Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) forderte dieser Tage ein Präventivprogrammm mit einem Budget von fünf Millionen Euro sowie ein Rauchverbot an Schulen. Matthias Berninger, Vorsitzender der hessischen Grünen und Staatssekretär im Bundesverbraucherschutzministerium, will Schulen per Gesetz zu rauchfreien Zonen erklären. Ein Problem: "In einigen Schulen läßt sich das Verbot intern nur schwer durchsetzen, weil rauchende Lehrer dagegen sind", sagt Berninger.

Cannabis hat keinen schlechten Ruf

Etwa 97 Prozent der kiffenden Jugendlichen konsumieren Cannabis auch während der Schulzeit. Auch Tim raucht während der großen Pause, allerdings nur normale Zigaretten. Den kleinen Joint gönnt er sich dafür in den kleinen Pausen, auf dem Weg zum Klo - das Schulgelände ist unübersichtlich, die Aufsichtslehrer können nicht überall sein. Im Unterricht falle doch gar nicht auf, ob man high sei, sagt er. In seiner Klasse, einer zehnten, kiffe von den 26 Schülern etwa ein Drittel.

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung in Köln warnt zwar davor, daß Haschisch und Marihuana bei regelmäßigem Konsum psychisch abhängig machen, bei dauerndem Konsum würden Bronchien und Herz geschädigt. Aber die Gesundheitsfürsorger haben ein Problem: Cannabis hat keinen schlechten Ruf. Viele Experten sagen sogar, es sei nicht gefährlich, helfe bei Krankheiten und Schmerz. In einigen Ländern wird es bei Krebs- und Aidspatienten und gegen multiple Sklerose einigermaßen erfolgreich angewendet, in Deutschland bleibt es allerdings auch für diese Zwecke verboten: Im Frühjahr lehnte das Verwaltungsgericht Köln die Klage von fünf an Aids, multipler Sklerose und Morbus Crohn Erkrankter ab, die vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte eine Ausnahmeerlaubnis für eine Cannabis-Therapie erzwingen wollen.

Wirkstoffgehalt ist gestiegen

Tim jedenfalls ist davon überzeugt, daß Dope nicht gefährlich sei. Vier Monate hat er mal nicht gekifft - es war ihm langweilig geworden, und seine Freundin fand, Joints zu rauchen sei asozial und überhaupt nur etwas für Loser. Statt dessen warf Tim in der Disko Ecstacy-Pillen ein und tanzte sechs Stunden am Stück. Weil er danach immer noch nicht müde wurde, rauchte er dann doch irgendwann wieder einen Joint. Nur so, zum runterkommen. Zwei Wochen später erzählte er das seiner Freundin, die machte deswegen Schluß. Jetzt kifft er wieder regelmäßig.

Karl Klaus-Signon ist Polizist, er arbeitet in der Drogenprävention. Vor ihm auf seinem Schreibtisch im Kölner Polizeipräsidium liegen ein paar bunte Hefte, auf denen "Sehn-Sucht" steht, "Zoff dem Stoff" und "Kinder stark machen - zu stark für Drogen". Er sagt: "Als ich 1972 Abitur gemacht habe, hatte Haschisch einen Wirkstoffgehalt von zehn Prozent." Heute seien es 24Prozent. Seine bunten Hefte verteilt er zusammen mit Kollegen in Schulen, seit sieben Jahren schon. "Wir sind aber nur zu zweit, das reicht nicht." Im vergangenen Jahr hätten sie zum ersten Mal einen Zwölfjährigen mit Cannabis erwischt.

Psychosen immer häufiger

Klaus-Signon, der sich selbst als "nikotinsüchtig" bezeichnet, hält Zigaretten für die Einstiegsdroge - wer nicht raucht, kifft auch nicht. Doch allen Aufklärungskampagnen zum Trotz greifen immer mehr junge Menschen zur Zigarette: 1993 noch rauchte jeder zehnte, heute sind es fast doppelt so viele. Sorgen bereitet Medizinern aber vor allem die Tatsache, daß es wegen der höheren THC-Konzentration des Cannabis immer häufiger zu Psychosen komme, viele Konsumenten müßten inzwischen wie Alkoholiker entwöhnt und psychotherapeutisch behandelt werden.

Karl-Robert Weigelt wußte sich irgendwann nicht besser zu helfen: Zweimal war Martin erwischt worden, zweimal hatte er Haschisch dabei, "er hat sogar zugegeben, es verkaufen zu wollen". Also flog der 16Jahre alte Junge vor zwei Jahren von der Gesamtschule in Köln-Holweide, einer Lernfabrik für 1800 Kinder und Jugendliche. Weigelt ist ihr Direktor, ein eher unscheinbarer Mann im graubraunen Pullover. "Man muß auch mal rigoros sein, sonst tanzen die einem auf dem Kopf rum", sagt er. Nicht, daß es ihm an Verständnis mangele, Drogen gebe es ja überall. Und dennoch.

Geringer Eigenverbrauch wird nicht bestraft

Kurz nachdem er Martin von der Schule verwiesen hatte, klagten dessen Eltern dagegen. Ein Richter entschied, daß der Besitz geringer Mengen Haschischs zum Eigenbedarf keinen Schulverweis rechtfertige. Weigelt hätte Martin den Schulverweis zuvor androhen müssen - eigentlich nur eine Formalie, die er aber versäumt hatte. Der Schüler kam zurück, ein Jahr später wurde er in eine Suchtklinik eingewiesen.

In Nordrhein-Westfalen ist der Besitz von Haschisch zwar genauso verboten wie in anderen Bundesländern auch. Die Gerichte dort orientieren sich aber meist am Spruch des Bundesverfassungsgerichts von 1994, wonach es möglich sei, "von der Bestrafung nach Paragraph 29Absatz1 des Betäubungsmittelgesetzes abzusehen, wenn der Täter Betäubungsmittel lediglich zum Eigenverbrauch in geringer Menge anbaut, herstellt, einführt, ausführt, durchführt, erwirbt (...) oder besitzt."

Erwachsene sind die Vorbilder

Weigelt sagt: "Ich bin Raucher, aber an unserer Schule haben wir ein Projekt ,Stop Smoking'. Denn mit dem Rauchen fängt es ja an." Doch warum sollen die Schüler damit aufhören, wenn der Direktor selbst es nicht tut? "Sehen Sie", sagt Weigelt, "das ist ja das Problem: Wir Erwachsene und unser Umgang mit Suchtmitteln wie Alkohol und Nikotin."

Einmal hatte er Eltern in der Sprechstunde, weil ihr Sohn beim Kiffen erwischt worden war. "Die haben gesagt: Wie sollen wir es ihm verbieten? Wir machen es doch selbst."

Im Rausch ist alles egal

Murat ist einer von denen, die schon ganz lange dabei sind, er raucht, seit er elf ist. "Klar Mann, wieso nicht?" Das Kiffen, sagt Murat, steigere sein Selbstbewußtsein. Er trägt das ganze Jahr über einen grünen Anorak mit riesiger Kunstpelz-Kapuze, auf dem Kopf hat er eine blauweiße Strickmütze - in der Aufmachung könnte er wirken wie ein Vorstadt-Hiphopper, nur daß er ein zu liebes Kindergesicht dafür hat. Vor einem Jahr hat Murat mit dem Kiffen aufgehört: "Ich hatte keinen Bock mehr, man kriegt nichts mehr gecheckt, findet sich aber immer supercool und supergeil."

Jetzt ist er 19, besucht Weigelts Schule und wohnt in der Piccoloministraße in Holweide, einer Ansammlung von weißgrauen Mietskasernen. Murat sagt: "Früher war ich jeden Tag breit. Vielleicht ist Hasch ja nicht wirklich schädlich, aber Kiffen trotzdem eine Gefahr." Man mache nämlich immer nur das eine, der Freundeskreis bestehe nur noch aus Kiffern. Meist sei er früher oder später "total zu" irgendwo in einer Ecke rumgelegen. "Auf vielen Konzerten und Partys bin ich total stoned durch die Gegend gerannt und hab' die Leute zugelabert mit dem letzten Müll", erzählt Murat. Im Schneckentempo sei er mit geklauten Mopeds über die Autobahn gefahren, weil es ihm viel schneller vorkam. Als ihm einmal das Benzin ausgegangen war, ließ er das Mofa einfach liegen und ging zu Fuß nach Hause - nebenan rasten die Autos vorbei, ihm war das egal.

Leichtes Spiel

Es sei heute ein Kinderspiel, an leichte Drogen zu kommen, behauptet die Polizei. Tim kriegt sein Haschisch in Remscheid, er klingelt bei einem Bekannten, der verkauft es ihm für sechs Euro das Gramm. "Die Qualität ist immer gut", sagt Tim und kratzt sich am Kinn. Aufhören will er nicht. "Wieso auch? Ist doch ganz geil."

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 01.08.2004, Nr. 31 / Seite 48

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