Moçambique

Ronaldinho frisst sich durchs Minenfeld

Von Thomas Scheen

Rattenheger Joaquim geht mit den Riesenhamsterratten auf Minensuche

Rattenheger Joaquim geht mit den Riesenhamsterratten auf Minensuche

02. September 2009 Edward ist heute nicht gut drauf. Statt zu schnüffeln, setzt das Rattenmännchen sich ständig auf die Hinterbeine und putzt ausgiebig seine Schnurrhaare. Es ist kalt an diesem Morgen im Süden Moçambiques. Und es nieselt. Regen aber mögen die Riesenratten überhaupt nicht. Vier müde Runden dreht Edward an seiner Suchleine, dann bekommt er ein Stück Banane, und Ronaldinho übernimmt.

Ronaldinho ist der unbestrittene Star der „Herorats“, wie die Minensucher der belgisch-tansanischen Nichtregierungsorganisation Apopo genannt werden. Ronaldinho ist drei Jahre alt und mit knapp zwei Kilogramm Gewicht und einer Länge von fast einem Meter ein richtiger Brocken. Kaum an der Leine, hebt der hasengroße Nager seinen nackten Schwanz in die Luft und rast los. Es dauert nur wenige Minuten, da hält Ronaldinho inne, schnüffelt nach rechts und nach links, dreht sich um die eigene Achse, um sicherzugehen, woher der Geruch kommt, und fängt dann an zu graben. Treffer. Die Ratte hat eine Tretmine gefunden, die zu Trainingszwecken vergraben wurde.

Trainingsprogramm für die Nagetiere

Die Ausbildung einer Riesenhamsterratte dauert zwischen sechs Monaten und einem Jahr

Die Ausbildung einer Riesenhamsterratte dauert zwischen sechs Monaten und einem Jahr

Minenfelder zu räumen ist eine unglaublich teure Angelegenheit. Man kann teure Maschinen benutzen, man kann Menschen in aufreibender Langsamkeit ganze Landstriche mit einer Stricknadel umgraben lassen, oder man kann Hunde einsetzen. In jedem Fall dauert die Suche ewig. Man kann aber auch die „Herorats“ von Apopo auf die Minenfelder loslassen. „Die Ratten finden sogar alte Munition, obwohl sie dafür gar nicht trainiert sind“, sagt der Biologe Andrew Sully, der das Programm der belgisch-tansanischen Organisation in Moçambique leitet.

Apopo steht für „Antipersoonsmijnen Ontmijnende Productontwikkeling“ und klingt übersetzt genauso sperrig: „Produktentwicklung zum Entschärfen von Antipersonenminen“. Hinter dem technischen Kalauer aber verbirgt sich eine pfiffige Idee, die maßgeblich auf den belgischen Ingenieur Bart Weetjens zurückgeht. Frustriert vom langsamen Verlauf des Minenräumens in Moçambique und den immensen Kosten, entsann sich Weetjens der Ratten, die er als Kind gehalten hatte – wie andere Katzen. Er kannte ihre Intelligenz und ihre Lernfähigkeit und dachte, es müsse einen Weg geben, Ratten das Erschnüffeln von Sprengstoff beizubringen. Die biologische Fakultät der Universität Antwerpen stellte daraufhin zusammen mit ihrer Partneruniversität im tansanischen Morogoro ein Trainingsprogramm für die Nagetiere auf, das belgische Entwicklungshilfeministerium steuerte das Geld bei, und die tansanischen Streitkräfte stellten das Testgelände und den für die Ausbildung der Ratten nötigen Sprengstoff zur Verfügung.

Offiziell akkreditierter Minenjäger

Das Trainingsprogramm unterscheidet sich dabei kaum von dem für Sprengstoffspürhunde. Geht es bei den Hunden um die Ausnutzung ihres Spieltriebs, setzen die Trainer bei den Ratten auf Gefräßigkeit. Erschnüffelt eine Ratte Sprengstoff, wird ihr durch ein lautes Klickgeräusch signalisiert, dass nunmehr eine Belohnung fällig ist, und zwar Bananen, denen die Gambia-Riesenhamsterratten einfach nicht widerstehen können.

Die ersten Versuche Ende der neunziger Jahre in Tansania verliefen vielversprechend. Ende 2003 schließlich wurden die Riesenratten zum ersten Mal in einem richtigen Minenfeld in Moçambique eingesetzt. 500 Quadratmeter war das Feld groß, und die Nager fanden 20 Antipersonenminen. Eine anschließende manuelle Überprüfung des Feldes ergab, dass den „Herorats“ nicht eine einzige Mine entgangen war. Seither tragen die Ratten das Gütesiegel des Genfer Zentrums für humanitäre Minenräumung, und jeder der Nager ist in Moçambique ein offiziell akkreditierter Minenjäger.

Minenfelder aus den siebziger Jahren

28 Kilometer lang und 75 Meter breit ist der Korridor, den Ronaldinho zusammen mit den 29 anderen Ratten von Apopo zur Zeit abschnüffelt. Das Minenfeld liegt direkt neben einer Eisenbahnlinie im sogenannten Limpopo-Korridor. Mit solchen Minenfeldern schützte die von der ehemaligen Freiheitsbewegung Frelimo dominierte moçambiquanische Regierung im 16 Jahre dauernden Bürgerkrieg von 1976 bis 1992 ihre Infrastruktur vor den Rebellen der Renamo: Antipersonenminen, Panzerminen, hochspringende Splitterminen – das gesamte Sortiment.

Die trainierten Ratten erschnüffeln den Sprengstoff der Minen wie ein Hund

Die trainierten Ratten erschnüffeln den Sprengstoff der Minen wie ein Hund

Moçambique ist neben Angola das Land mit den meisten Minenfeldern. Manche stammen noch aus den siebziger Jahren. Die ersten, die die todbringenden Waffen verlegten, waren die portugiesischen Kolonialherren, die sich damit gegen Tansania abzuschotten versuchten. Die nächsten waren rhodesische Truppen, die ihre Grenze vor dem kommunistisch angehauchten Regime in Maputo schützen wollten. Als dann der Bürgerkrieg in Moçambique ausbrach, bedienten sich sowohl die Armee als auch die Rebellen der Minen, um Positionen zu sichern oder einfach ganze Landstriche zu entvölkern.

Dubiose Minenräumer

Während der Norden Moçambiques inzwischen als minenfrei gilt, liegen im Süden nach wie vor 100 000 Minen im Boden. Das ist schon deshalb ein Skandal, weil zwischen 1993 und 2004 insgesamt 140 Millionen Dollar ausländisches Geld zur Verfügung gestellt wurde, um die Minen dort zu räumen. Das Geld teilten sich korrupte moçambiquanische Politiker und nicht minder skrupellose Minensucher, die vom Minenräumen häufig keine Ahnung hatten.

Als Belohnung bekommen die Ratten Bananenstückchen zu fressen

Als Belohnung bekommen die Ratten Bananenstückchen zu fressen

2009 sollte Moçambique eigentlich minenfrei sein. Die Frist wurde gerade bis 2014 verlängert. Die moçambiquanische Regierung hat vielen der dubiosen Minenräumer inzwischen die Lizenz entzogen. Geblieben sind die britische Nichtregierungsorganisation Halo Trust, die zuvor 100 000 Minen im Norden des Landes geräumt hat, die Franzosen von Handicap International und eben die 30 „Herorats“ aus Tansania.

Mit Sonnenschutzcreme auf den Ohren

Die Einheimischen glauben, er sei ein Zauberer. Weil er mit den Ratten spricht und die großen Nager ihm hinterherlaufen wie dem berühmten Rattenfänger aus Hameln. Seit fast zehn Jahren trainiert Shirima Vendeline die Nagetiere nun schon. Jetzt steht der Tansanier am Rand einer regenfeuchten und mit Testminen gespickten Wiese in Chokwé und feuert Solomon an. Solomon ist ein Veteran. Sieben Jahre ist die Ratte inzwischen alt. Ihre Ohren sind mit tiefen Kerben verunstaltet. „Hautkrebs“, sagt Shirima, „von der Sonne.“ Die Riesenhamsterratten sind nachtaktiv, und dass die frühmorgendliche Sonne ihren nackten Ohren zusetzen würde, daran hatte zunächst niemand gedacht. Seither tragen die Ratten Sonnenschutzcreme auf Ohren und Schwanz. „Lichtschutzfaktor 50“, witzelt der Trainer.

Shirima hat nicht den geringsten Zweifel, dass sich die Ratten auf lange Sicht als Minensucher durchsetzen werden, trotz der Bedenken der „Bulldozer“, wie die Minensucher mit der Vorliebe für gepanzertes Großgerät genannt werden. „Moçambique ist unser Schaufenster“, sagt Shirima, „wenn wir hier Erfolg haben, können wir auf der ganzen Welt arbeiten.“

Ratten sind unglaublich schnell

Die Vorteile von Ratten bei der Minensuche liegen auf der Hand. Eine Ratte löst die Mine nicht aus, wenn sie drauftritt. Zudem haben die Ratten gegenüber Metalldetektoren eine fünfzigmal höhere Treffsicherheit. Die Ausbildung einer Gambia-Riesenhamsterratte zu einer „Herorat“ dauert zwischen sechs Monaten und einem Jahr und entspricht damit der Ausbildungszeit für einen Sprengstoffspürhund. Die afrikanischen Ratten sind resistent gegen fast alle Krankheiten, die sich Hunde in den Tropen einfangen können. „Ein Hund mit einem Zeckenbiss muss zum Tierarzt, eine Ratte nicht“, sagt Andrew Sully. Ratten brauchen weniger Pflege, weniger Futter und weniger Transportraum als ein Hund.

Bei einer durchschnittlichen Lebenserwartung von acht Jahren kann die Riesenhamsterratte rund sechs Jahre eingesetzt werden – das lässt sie mit einem Sprengstoffhund gleichziehen. Zudem sind die Ratten unglaublich schnell. Zwei Nager können innerhalb von 40 Minuten eine Fläche von 200 Quadratmetern absuchen. Ein Mensch benötigt dafür den ganzen Tag. Wenn sie ihre 30 Ratten einsetzen, können die Minensucher von Apopo täglich bis zu 1500 Quadratmeter überprüfen. Das schafft nicht einmal eine Hundemeute. Darüber hinaus brauchen Ratten keine Bezugsperson wie ein Hund. Jeder der Rattenführer kann mit jedem Nager arbeiten – Ronaldinho und den anderen ist es egal, wer am anderen Ende der Leine zieht.

Riesenhamsterratten können mehr als Minen suchen

Allein in den ersten sechs Monaten dieses Jahres haben die Ratten im Limpopo-Korridor 143 961 Quadratmeter abgesucht und 57 Minen, 38 Blindgänger und rund 1600 Stück alter Munition gefunden. Seit ihrem Arbeitsbeginn in Moçambique konnten dank ihrer unermüdlichen Schnüffelei rund 400 000 Quadratmeter Land für minenfrei erklärt werden.

Doch die Riesenhamsterratten können mehr als nur Minen suchen. In Tansania werden die Nager mittlerweile auf das Erschnüffeln von Tuberkulose trainiert. In sieben Minuten kann eine Ratte 30 Speichelproben auf den Erreger testen. Das entspricht zwei Tagen Laborarbeit. Zudem wurden Ratten als Suchtiere für den Einsatz nach Erdbeben ausgebildet. Trainiert sind sie auf den Geruch menschlichen Schweißes. Die Wissenschaftler haben sie „Camerarats“ genannt, weil die Tiere mit einer Miniaturkamera auf dem Kopf in Trümmerfelder gelangen, in die kein Spürhund vordringen kann. Das Projekt musste eingestellt werden. „Kein Geld mehr“, sagt Shirima.

Wenig Geld für Minensuche

In Moçambique droht dem ersten großen Feldversuch der „Herorats“ ein ähnliches Schicksal. Die internationale Gemeinschaft ist nur noch sehr zögerlich bei der Vergabe von Geld für die Minensuche. Große Organisationen wie Halo Trust haben ihre eigenen Quellen, Apopo aber muss kämpfen.

Die flämische Regionalregierung will in diesem Jahr die Hälfte des nötigen Jahresbudgets von 600 000 Dollar stellen, für die andere Hälfte hofft Apopo auf die belgische Bundesregierung. „Das Räumen von Minen“, meint Andrew Sully resigniert, „ist für die Gebergemeinschaft anscheinend nicht mehr sexy genug.“

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Thomas Scheen

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
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