Weißrussland

Sprachzeichen in einem isolierten Land

Von Thomas Veser, Minsk

Büffeln für eine bessere Zukunft

Büffeln für eine bessere Zukunft

02. Februar 2007 Obwohl sie im Deutschunterricht stets die Klassenbeste war, erlebte Olga Buslowicz aus der weißrussischen Hauptstadt Minsk bei einem Besuch in Deutschland einen Schock. "Ich habe kaum etwas verstanden, und die Gesprächspartner haben nicht begriffen, was ich wollte", erinnert sich die Achtzehnjährige, die an der Minsker Musikakademie das Geigenspiel erlernt. "Mir blieb damals nichts anderes übrig, als intensiv zu lernen, bis es besser klappte mit der Verständigung." Dank ihrer Kenntnisse hat sie vor kurzem die Aufnahmeprüfung für den Fortgeschrittenen-Deutschkurs am Goethe-Institut bewältigt. Und auch beruflich weiß Olga, was sie will: Sie möchte an einer Musikhochschule in Deutschland ihr Studium aufnehmen und dort auch gleich als Berufsmusikerin arbeiten. In Weißrussland gebe es nur wenige Stellen, die zudem schlecht bezahlt seien. "Viele meiner Bekannten, die als Musiker tätig sind, sind deshalb nach Deutschland gezogen."

Jahr für Jahr registriert die Minsker Dependance des deutschen Kulturinstituts ein reges Interesse an den Fremdsprachenkursen, wie die Leiterin Katrin Ostwald-Richter berichtet. Bevor sie ihr Studium aufnehmen, verbessern viele Schulabsolventen ihre Fremdsprachenkenntnisse. Viele träumen von einem Neubeginn in Deutschland. Die 26 Jahre alte Maryna Rakhlei, Redakteurin bei Belapan, Weißrusslands einziger unabhängiger Nachrichtenagentur, sagt, mehr als 80 Prozent ihres Jahrgangs seien nach dem Studienabschluss 2002 emigriert - vornehmlich Frauen, die nach Deutschland geheiratet hätten. In einem Land, dessen Wirtschaft noch überwiegend in Staatshand sei, sehe die jüngere Generation kaum berufliche Chancen. Viele nähmen deswegen oft schon früh eine apathische Haltung ein. Deutschland hingegen stehe nach wie vor für eine erfolgreiche Wirtschaft - und werde deswegen zum Dorado verklärt.

Zwei Fremdsprachen sind Pflicht

Alexander Lukaschenka hat Weißrussland politisch isoliert

Alexander Lukaschenka hat Weißrussland politisch isoliert

"Deutsch behauptet bei uns traditionell eine starke Stellung", bekräftigt Ludmila Kasak, Deutschlehrerin am Gymnasium Nummer 10 in der weißrussischen Stadt Molodetschno. Ihre Schule hatte den fremdsprachlichen Schwerpunkt selbst festgelegt und beteiligt sich seit 1988 an einem Schüler- und Lehreraustausch mit einem Esslinger Gymnasium. Zwei Fremdsprachen sind an weißrussischen Schulen mittlerweile Pflicht, 20 Prozent der Schüler räumen Deutsch als erster Pflichtfremdsprache den Vorrang ein.

Wie in den übrigen Ländern Ost- und Mitteleuropas beteiligen sich die weißrussischen Deutschschüler am jährlichen Sprachwettbewerb "Die Besten von Riga bis Belgrad". Die Gewinner erhalten Stipendien für einen Sommerkurs in Berlin, ehemalige Kursteilnehmer können sich um Praktikumsplätze in Deutschland bewerben. Ins Leben gerufen wurde dieses Programm von der Initiative Deutsche Sprache, einer gemeinnützigen GmbH der Hertie-Stiftung und des Goethe-Instituts. Ziel ist es, kulturelles Erbe und Ausdrucksreichtum der deutschen Sprache hervorzukehren und Freude an ihrem Erlernen zu wecken.

Es mangelt an Alternativen

Dass Goethes Sprache in der zehn Millionen Einwohner zählenden Republik Belarus so hoch im Kurs steht, hat jedoch noch einen anderen Grund. Außer Polnisch wird dort zur Zeit keine andere Fremdsprache mehr durch ausländische Institute angeboten. Mit der Schließung ihrer Kulturvertretungen in den neunziger Jahren hatten Großbritannien, Spanien, Italien und Frankreich gegen den autokratischen Regierungsstil von Staatspräsident Alexander Lukaschenka protestiert. Mittlerweile hat der im eigenen Land durchaus populäre Präsident, der westlichen Wirtschaftsformen wenig abgewinnen kann, Weißrussland international isoliert.

"Die Schließung des beliebten British Council hat kulturpolitisch eine unnatürliche Situation geschaffen", sagt Katrin Ostwald-Richter. So hätten sich die Menschen dem Deutschen zugewandt. Als relativ kleine Niederlassung mit 14 Angestellten, die dem diplomatischen Personal der deutschen Botschaft angehören, betreibt das Minsker Institut schwerpunktmäßig die Sprachausbildung. Die Kosten werden durch die Kursgebühren gerade gedeckt. Gewinn darf das Institut, das sich der Deutschlehrer-Fortbildung widmet und auch abgelegene Landesteile über Bücherbusse versorgt, wegen des diplomatischen Status nicht erzielen. Hinzu kommt ein Jahresprogramm mit Konzerten, Filmen, Ausstellungen und Lesungen. Deutschkurse zur beruflichen Weiterbildung verzeichnen dabei Teilnehmerrekorde.

Geringe Chancen in Deutschland

So nutzt der 30 Jahre alte Sergeij Babaschkow, bei einem Fahrzeugimporteur mit deutschen Partnerunternehmen für den Verkauf zuständig, die Spezialkurse, um sein Fachvokabular aufzufrischen. "Eine Fremdsprache reicht in der Import-Export-Branche heute nicht mehr aus, um beruflich aufzusteigen." An eine Übersiedlung nach Deutschland denkt er jedoch ebenso wenig wie Alexeij Herneichuk, der in einer staatlichen Transportfirma den Außenhandel abwickelt.

"Mit meiner Qualifikation würde auf mich in Deutschland doch eine millionenfache Konkurrenz warten. Da bleibe ich lieber in der Heimat und versuche, das Beste daraus zu machen." Herneichuk und Babaschkow, die sich bei Gesprächen über politische Themen zurückhalten, haben bereits in Deutschland gelebt und geben sich pragmatisch: "Angesichts der dortigen Arbeitslosigkeit hätten wir nur geringe Chancen", meint Babaschkow. "Und ein Arbeitnehmer zweiter Wahl möchte ich nicht sein."

Nicht mehr das gelobte Land

In der benachbarten Ukraine hat Englisch der deutschen Sprache längst den Rang abgelaufen. Marion Haase, Direktorin des Kiewer Goethe-Instituts, das mit dem British Council das Gebäude teilt, sagt, Deutsch werde als Kultur-, Englisch als Wirtschafts- und Berufssprache wahrgenommen. Rund 70 Prozent der Schüler wählen Englisch als erste Pflichtfremdsprache, Deutsch erreicht etwa 15 Prozent, gefolgt von Spanisch und Französisch. Über mangelnde Nachfrage kann sich das Goethe-Institut zwar nicht beklagen, deutlich mehr Teilnahmewillige verzeichne jedoch das britische Kulturzentrum - obwohl es für seine Kurse doppelt so viel verlangt.

Anders als in Weißrussland sehen junge Menschen in der Ukraine Deutschland auch nicht mehr als gelobtes Land: Sergeij Kalchenko, Student am Kiewer Polytechnikum, meint, seit der Öffnung nach Westen sei es leichter geworden, Deutschland zu besuchen. Und bei dieser Gelegenheit habe man sich an Ort und Stelle darüber informieren können, dass es auch dort ein Arbeitsplatzproblem gebe. Außerdem, so ergänzt Übersetzerin Nina Ivanschenko, hoffen junge Ukrainer mit ihren Deutschkenntnissen auf einen Arbeitsplatz in einer der mittlerweile über 800 Niederlassungen deutscher Unternehmen in der Ukraine. "Schließlich kann es bei uns jetzt eigentlich nur noch aufwärtsgehen."

Text: F.A.Z., 02.02.2007, Nr. 28 / Seite 7
Bildmaterial: AP, REUTERS

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