Körperschmuck

Tattoo or not to be?

Von Jürgen Kaube

Tattoos machen den Körper zur Schautafel

Tattoos machen den Körper zur Schautafel

10. November 2003 Die Begegnung mit tätowierten Personen ist alltäglich geworden. Manchem kommen sie aus dem eigenen Badezimmer entgegen, anderen erst auf der Straße, im Lokal oder der Discothek, aus dem Fernsehgerät und den Fotografien der Regenbogenpresse aber in jedem Fall. Nicht mehr auf Strafgefangene oder Seefahrer eingeschränkt, finden sich alle Formen der Körperverzierung: teils drastisch am ganzen Körper, aus dem Kragen oder dem Dekollete wachsend, teils als kleine Marke auf Schulterblättern, an den Lendenwirbeln oder den Knöcheln. Mehr als vier Millionen Tätowierte sollen es in Deutschland schon sein.

Das "Tatauieren", wie es Goethe in seiner Farbenlehre nennt, war schon im 18. Jahrhundert als besondere Kulturtechnik aufgefallen. Cook brachte mit leibhaftig Tätowierten 1771 von seiner ersten Weltumsegelung auch das Wort mit, polynesisch "ta-tatau": kunstgerecht hämmern. Die sich anschließende Tätowiermode ergriff aber nicht nur die Unterschichten, sondern auch den Hochadel und sogar Kirchenoberhäupter. Manches Militärregiment hielt sich einen eigenen Tätowiermeister. Nur diejenigen, die über das Tätowieren schrieben, beteiligten sich an jener Mode nicht. Man konstatierte den Anfang der Kunst in der Körperbemalung und frühesten Äußerung von Phantasie.

Aus einer überwundenen Zivilisationsstufe

Der Leipziger Historiker Heinrich Wuttke (1818 bis 1876) behauptete in seinem posthum publizierten Werk über "Die Entstehung der Schrift", daß Tatoos die ersten Schriftzeichen im Sinne konventioneller Zeichen überhaupt seien. Aber, so Hans-Georg von Arburg in einem gerade publizierten Beitrag, die Diagnose, Tätowierungen gehörten einer überwundenen Zivilisationsstufe an, führte genauso zu einem "Einschluß per Ausschluß" wie die Zuschreibung dieser Praxis auf Leute, die da waren, ohne dazuzugehören: Soldaten, Matrosen, Gefangene, Jahrmarktsvolk. Der Tätowierte war der Fremde, entweder am Rand oder in der - und sei es antiken - Vorzeit des modernen Lebens.

Je nachdem, ob man diese Vorzeit als Ursprung fortwirkender Natürlichkeit oder als überwundene Stufe einschätzte, fiel das ästhetische Urteil über das Tätowieren aus. Der Architekt Gottfried Semper (1803 bis 1879) etwa hielt für das Wesen der Baukunst nicht die Konstruktion, sondern die dekorative Bearbeitung der Hülle eines Gebäudes. Entsprechend fasziniert zeigte er sich auf der Weltausstellung 1851 von der Nachbildung einer "karaibischen Hütte" aus Trinidad. Das Ornament am Bau sei dasselbe wie Kunst auf der Haut. Die Praxis der Umhüllung durch verzierte Textilien sei zuerst im Hüttenbau angewendet worden, dann erst zum Schutz des menschlichen Körpers: erst der Schmuck, dann das Kleid.

Ein Verbrecher oder ein Degenerierter

Der Wiener Architekt Adolf Loos hingegen, der sich auf Sempers Gedanken stützte, kam zu einem ganz anderen Befund. Zwar war auch für ihn die Bekleidung älter als die Konstruktion. Häuser haben primär zu schützen und wohnlich zu sein. Dem diene die Konstruktion, und zwar am besten so, daß die "Haut" des Gebäudes diesen Zweck möglichst unauffällig erfülle. Hier kommt das Tätowieren ins Spiel: "Das Ornament ist etwas, das überwunden werden muß", denn es gehört dem Kindheitsstadium der Menschheit an. "Der Papua tätowiert seine Haut, sein Boot, sein Ruder, kurz alles, was ihm erreichbar ist. Er ist kein Verbrecher. Der moderne Mensch, der sich tätowiert, ist ein Verbrecher oder ein Degenerierter." Er ähnele Kindern, die alles bekritzeln müssen, gebärde sich, als wäre er ein Gefangener, der seine Zellenwand verziert.

Faszination und Aufregung von gestern, mag man sagen. Doch wie kommt es, daß das Tätowieren sich heute nicht mehr auf Randgestalten der Gesellschaft beschränkt? Der Soziologe Alois Hahn aus Trier hat das Tätowieren als "Technik des Selbst" bezeichnet. Wer sich beschriftet, teilt sich als Skulptur und Bildhauer zugleich mit. Damit ist ein Grenzwert aller Kosmetik erreicht. Eigentlich kann man für sein Aussehen nichts, uneigentlich aber schon, denn es gibt nicht nur Fitneßstudios, sondern auch Cremes und Tuschen und Stifte. Wer sich tätowieren läßt, dem genügt das nicht. Frauen, die sich die Brauen ausrupfen, um dann ein permanent make-up anzubringen, oder solche, die sich die Lippenkonturen einätzen lassen, gelten dabei noch nicht als tätowiert. Erst das Kalligramm, das vom Körper niemals selbst hervorgebracht würde, zeigt eine neue Qualität. Man soll die ästhetische Maßnahme sehen. Es soll nicht etwas Gegebenes verschönert, sondern Schönheit eigens aufgebracht werden.

Flirt mit dem Unbürgerlichen

Bei Gefangenen, Matrosen, Soldaten mochte das heißen: Zumindest über meine Haut verfüge ich selbst. Doch die sich heute tätowieren lassen, sind zumeist nicht von "totalen Institutionen" wie Schiffen, Kasernen oder Strafanstalten eingeschränkt. Dafür flirten sie mit dem Unbürgerlichen. Hierfür ist die Tatsache, daß Tätowierungen schmerzen, nicht unwesentlich. Die Körperbeschriftung teilt mit, daß ihr Träger zwei Leiber besitzt, einen natürlichen und einen willkürlichen. Aber keinesfalls einen sozialisierten, gebändigten. Man fühlt sich auf urtümliche Weise frei, erotisch aggressiv und wild - so als habe der Urmensch am Sandstrand Bacardi getrunken.

Lektürehinweis:

Hans-Georg von Arburg, "Archäodermatologie der Moderne: Zur Theoriegeschichte der Tätowierung", Deutsche Vierteljahresschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte, September 2003;

Alois Hahn, "Handschrift und Tätowierung", in: ders., Konstruktionen des Selbst, der Welt und der Geschichte, Frankfurt am Main 2000.

Stephan Oettermann, "Zeichen auf der Haut". Die Geschichte der Tätowierung in Europa, Frankfurt am Main 1985.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 09.11.2003, Nr. 45 / Seite 72
Bildmaterial: AP, dpa, PA

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