Die lieben Kleinen (1)

Mutters Glück, Mutters Leid

Von Sigrid Tinz

04. Dezember 2006 „Hauptsache gesund.“ Kaum einen Satz hören werdende Eltern häufiger. Und dafür mühen sie sich ab: Neun Monate lang gibt es Kaffee nur noch ohne Koffein, morgens dafür Yoga und abends Folsäure-Pillen. Neun Monate lang klappern sie die Infoabende der regionalen Entbindungskliniken ab und trainieren Atmen und Entspannen für eine Geburt möglichst ohne Schwierigkeiten.

Dieser Idealfall sieht seit Millionen Jahren gleich aus. Und zwar in etwa so: Das Zeichen zum Aufbruch soll das Kleine geben dürfen, denn vermutlich werden die Wehen angeregt, wenn das Kind gegen Ende der Schwangerschaft verstärkt ein für die Lungenentfaltung nötiges Protein bildet. Während der Geburt gilt: ausreichend Sauerstoff und keinen Streß. Und das heißt vor allem: keinen Streß für die Mutter, also keinen Hunger, keinen Durst, keine Sorgen, drum herum vertraute Begleiter und Begleiterinnen. Erschöpft, aber wach und gesund - so starten Vater, Mutter, Kind am besten ins neue Familienleben.

Laut, brutal und blutig

Doch die Realität sieht, wie immer, anders aus. Von jährlich gut 700.000 Kindern in Deutschland werden nur einige zehntausend streßfrei geboren. Weil es nämlich in der Regel Komplikationen gibt und weil die Klinikroutine nervt: Einlauf, Schamhaarrasur und stundenlanges Liegen, während das CTG-Gerät pochend die Herztöne und Wehen aufzeichnet. Alle halbe Stunde eine Hand zwischen den Beinen, die kontrolliert, ob und wie sich der Muttermund öffnet. Essen und Trinken ist verboten, für den Notfall. Obwohl ziemlich viele Geburtshaltungen möglich sind - in der Wanne oder am Seil oder auf allen vieren -, muß sich das Baby meist aus einer auf dem Rücken liegenden Mutter winden, statt sich von der Schwerkraft helfen zu lassen.
Für viele Frauen ist das eigene Kind der erste Säugling, den sie im Arm halten, die eigene Geburt die erste, über die sie nicht nur lesen. Werdende und erfahrene Mütter tauschen sich heute nur noch selten aus. Und wenn, dann im Stile von "Schön ist das nicht, aber das steht ja schon in der Bibel". Oder: "Da müssen wir alle durch." Und: "Wenn das Kind erst mal da ist, hast du alles sofort vergessen."

Woher sollen Frauen schon wissen, daß eine Geburt so erhaben nicht ist, sondern laut, brutal und blutig? Daß Apparate, Instrumente und Medikamente doch nicht alle Mühen und Schmerzen verschwinden lassen? Daß auch ein gesundes Kind viele frischgebackene Mütter nicht gleich vor Liebe überfließen läßt? Daß der in der Ratgeberliteratur zugestandene eine Heultag im Wochenbett selten ausreicht, weil das Kind mit der Zange oder der Saugglocke aus der Mutter herausgezerrt wurde? Weil es allein in seinem Wärmebettchen in der Kinderklinik liegen muß, weil die im Notfall hektischen Handgriffe zur OP-Vorbereitung und der unfreundliche Anästhesist die Frau noch bis in ihre Träume verfolgen? Woher sollen Frauen wissen, daß es zwar nicht im eigentlichen Sinne schön ist, ein Kind auf die Welt zu bringen, aber bewegend und bedeutend? Und daß man dieses Erlebnis nicht ohne Not der Klinikroutine opfern sollte?

Hochtechnologie oder intime Atmosphäre?

Die Suche nach dem besten Ort für die Entbindung wirft jedenfalls einige Fragen auf. Geht es um medizinische Hochtechnologie oder eher um eine möglichst intime Atmosphäre, in der die Gebärende weniger durch Raum- und Schichtwechsel, Geräte und Formalitäten gestört wird? Soll es die Uni-Klinik sein oder lieber ein Geburtshaus? Lieber das Krankenhaus mit dem jovialen Chefarzt, der den Infoabend mit Dias von Pharaonengebärstühlen auflockerte? Oder das, wo die Hebammen zum Geburtsgespräch einladen, um die Frauen kennenzulernen, damit sie wissen, ob ihnen mit Schmerzmitteln oder Durchhalteparolen besser gedient ist? Sind viele Parkplätze ein wichtiges Kriterium oder eine niedrige Dammschnittrate? Familienzimmer oder Frühstücksbüfett, Babypaß oder Stillberaterin, Gebärhocker, Akupunktur oder Homöopathie?

98 Prozent aller deutschen Kinder kommen heute in einer Klinik zur Welt. Seit Ende der sechziger Jahre zahlen die Krankenkassen nämlich allen Frauen eine Klinikgeburt, und nicht nur in Risikofällen wie bei Zwillingsmüttern oder Diabetikerinnen. Noch nach dem Zweiten Weltkrieg wurden Kinder nicht nur im Ehebett gezeugt, sondern dort auch geboren. 1950 starben fünf von hundert Kindern kurz vor, während oder nach der Geburt. Dreißig Jahre später waren es bloß noch fünf von tausend. Im gleichen Zeitraum sank auch die Müttersterblichkeit auf weniger als ein Promille. Die hygienischen Verhältnisse besserten sich, die Frauen gingen besser genährt und insgesamt fitter an die körperliche Höchstleistung von Schwangerschaft, Geburt und Stillzeit heran. Hebammen und Ärzte konnten in Notfällen immer schneller und wirksamer helfen.

Pillenknick sorgte für Freundlichkeit in der Klinik

Dieser medizinische Fortschritt bedeutete für die werdenden Mütter lange Zeit allerdings, daß sie weißgekachelte Schlachthofatmosphäre in Kauf nehmen mußten und resolutes Personal, das alle paar Stunden das Baby zum Füttern aushändigte. Erst seit dem Pillenknick präsentierten sich die Kliniken, die weiter Geld verdienen wollen, etwas freundlicher. Und so wichen die Pritschen der Kreißsäle den heutigen Gebärlandschaften mit eigenem Bad. Väter dürfen inzwischen die Nabelschnur durchschneiden; früher durften sie ihren Nachwuchs allenfalls durch eine Glasscheibe betrachten.

Dem Moment der Familienwerdung gestand man auf diese Weise größere Bedeutung zu. Dem Aspekt "Hauptsache gesund" allerdings auch. Der Natur traute man in dieser Hinsicht immer weniger zu, der Technik immer mehr. Dieser Trend setzt sich bis heute fort. Die Osnabrücker Gesundheitswissenschaftlerin Beate Schücking hat die Daten von rund einer Million Geburten aus 15 Jahren ausgewertet und dabei festgestellt, daß ein Viertel der Kinder durch künstliche Hormone auf die Reise geschickt und ein gutes Drittel während der Geburt zur Eile gedrängt wurden. Und das nicht nur bei Komplikationen, sondern oft routinemäßig, selbst wenn die Geburt völlig normal verlief. Nahezu jede Geburt wird heute von Apparaten überwacht und von Medikamenten und Instrumenten gesteuert.

Spezielle Eingriffe nur bei einem Notfall

Was haben Mutter und Kind eigentlich davon? "Weder Säuglings- noch Müttersterblichkeit haben weiter abgenommen", sagt Beate Schücking. Sie befürchtet sogar Nachteile. Denn jeder Eingriff birgt Risiken, auch der Kaiserschnitt. Nach einer Studie der Weltgesundheitsbehörde WHO sind bei etwa zehn bis fünfzehn Prozent aller Geburten Leben und Gesundheit von Mutter und Kind so akut gefährdet, daß ein Kaiserschnitt trotz möglicher Probleme die beste Lösung ist. In Deutschland aber ist die grelle Beleuchtung des Operationssaales bereits für jedes vierte, in manchen Kliniken sogar für jedes zweite Kind das erste Licht der Welt. Werden aber immer mehr Kinder per Skalpell entbunden, übersteigen irgendwann, bezogen auf alle Geburten, die Risiken den Nutzen.

Alle Eingriffe, angefangen vom Wehentropf über den Dammschnitt bis hin zur als Rückenmarkspritze bekannten Peridualanästhesie, sind, falls kein Notfall sie erforderlich macht, nicht nur unnötig und gefährlich, sondern schlicht rausgeworfenes Geld: Eine ambulante Geburt kostet fast nichts, verglichen mit den rund 2500 Euro für einen Kaiserschnitt. Magdalene Weiß, Präsidentin des Bundes Deutscher Hebammen, fordert deshalb "ein Abrechnungssystem, das interventionsarme und ambulante Geburten fördert und nicht benachteiligt".

Beste Erfahrungen mit Hebammen

Dadurch ließe sich vielleicht die hierzulande übliche Geburtsmedizin mehr in Richtung Geburtshilfe entwickeln. In Skandinavien beispielsweise werden normale Schwangerschaften und normale Geburten ausschließlich von Hebammen betreut. Erst bei schweren Komplikationen springen Ärzte und Kliniken ein. Die Interventionsraten sind dort deutlich niedriger, die Gesundheit von Müttern und Kindern ist sogar noch ein bißchen besser. Eine angemessene Stellenausstattung hat für Magdalene Weiß ebenfalls Priorität. "Daß heißt: für jede Gebärende eine Hebamme, die sie kontinuierlich betreut." Oft hat das Personal nämlich schlicht zuwenig Zeit und zuwenig Erfahrung. Es ist eben einfacher, einer schreienden Frau Schmerzmittel zu verabreichen statt Zuspruch und Massagen.
Leider fällt so etwas unter das Thema Gesundheitspolitik, und auf gesundheitspolitische Verbesserungen sollten werdende Eltern besser nicht warten. Was können sie trotzdem tun? Zum Beispiel einfach wieder ein bißchen mehr guter Hoffnung sein. Immerhin kommen 97 Prozent aller Babys gesund zur Welt. Allerdings wird eine derart gelassene Einstellung durch die übliche Praxis der Geburtsvorbereitung kein bißchen gefördert. Einmal im Monat kontrolliert da der Arzt die technischen Daten und den Muttermund und vermißt das Kind per Ultraschall. Im Zweifel hat er noch ein paar zusätzliche Tests und Pillen parat. "Ich fühlte mich dabei nicht wie eine schwangere Frau", erzählt eine Mutter, "sondern wie ein überwachungsbedürftiger Risikofall."

Die besten Erfahrungen machen häufig noch Frauen, die von Anfang an zu einer Hebamme gehen, sich dort die Schwangerschaft bestätigen und einen Mutterpaß ausstellen lassen. Zu den Ultraschallterminen werden sie an einen Arzt überwiesen, bei auftretenden Problemen ebenfalls. Hebammen nähmen sich einfach mehr Zeit, heißt es oft: "Statt unten ohne auf dem Untersuchungsstuhl begrüßt sie mich mit einer Tasse Tee, statt mich eine halbe Stunde ans CTG zu hängen, lauschen wir gemeinsam auf die Herztöne", berichtet eine Schwangere. "Und Blut abnehmen oder die Waage ablesen kann sie mindestens so gut wie jede Sprechstundenhilfe."
Reden, fragen, zuhören - das hilft am besten dabei, herauszufinden, wo genau zwischen Wunschkaiserschnitt und Wannengebären die persönliche Idealgeburt liegen könnte. Viele Hebammen bieten außerdem Vorbereitungskurse an, betreuen Hausgeburten oder arbeiten als Beleghebamme und kümmern sich in den ersten Wochen zu Hause um die neue Familie. Die werdende und gewordene Mutter muß dann nicht jedesmal vom Gynäkologen über das Klinikpersonal, die Krankengymnastin und Nachsorgehebamme jeden neu kennenlernen, sondern hat vom ersten Strich auf dem Schwangerschaftstest bis zum letzten Milchstau eine vertraute Begleiterin. Und die ist besonders viel wert in der Zeit nach der Geburt.

Viele Fragen, kaum noch Antworten

Mit der Entlassung aus der Klinik endet nämlich im allgemeinen die lückenlose ärztliche Überwachung. Der Kinderarzt schaut lediglich noch alle paar Wochen, ob sich das Kleine körperlich gut entwickelt, die Mutter wird noch einmal auf eine ordnungsgemäße Rückbildung kontrolliert. Und gerade jetzt gibt es doch so viele Fragen. Heilt der Nabel gut? Sind die Pickelchen normal? Trinkt das Kleine genug? Schreit es zu viel? Und was bedeutet es, daß es immer spuckt? Auch nach einer glücklichen Geburt hat die Mutter schlaflose Nächte. Auch ein gesundes Baby hat einen wunden Hintern, auch ein von seinem frisch geschlüpften Nachwuchs entzückter Vater ist irgendwann eifersüchtig.

Erschöpft, aber wach und gesund - so starten Vater, Mutter, Kind am besten ins neue Familienleben. Aber mehr als ein guter Start ist auch das noch nicht. Bis zum ersten Schritt und bis zur Selbständigkeit ist die Geburt ohnehin ein zwar wichtiger, aber sehr, sehr kurzer Moment.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 07.11.2004, Nr. 45 / Seite 71
Bildmaterial: F.A.Z./Isabel Klett

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