09. Januar 2009 Auf dem Tisch liegt ein Foto. Die Hausfrau hat Kaffee aufgetragen, sie hat von früher erzählt, von Krieg und Wanderung, vom Jagdhund Thyras, der nicht mehr lebt. Dann hat sie das Album herausgeholt und das Foto zwischen die Tassen gelegt: Einige ältere Leute stehen auf einer Freitreppe vor dem Eingang einer Villa. Sie neigen sich zueinander, sie lächeln. Manche sind offenbar auf Reisen, tragen Rucksack und Windjacke. Andere, etwa die Frau mit dem nach hinten gebundenen dunklen Haar, sind häuslich gekleidet und wohl gerade erst herausgetreten. Eine der Reisenden, eine schlanke Frau mit feinem, weißgrauem Haar und ebenso feiner Bluse, legt der Dunkelhaarigen sanft die Hand auf den Unterarm.
Die Hausfassade zeigt Zeichen neueren Verfalls ebenso wie solche alten Wohlstands. Überall blättert zwar der Putz, aber die Eingangstür ist mehrflügelig und in hohem Bogen modelliert. Der vorspringende Empfangsraum trägt eine herrschaftliche Terrasse, und die ebenfalls von Bögen gekrönten Fenster haben Glasscheiben, die sich nach außen wie feine Seifenblasen wölben. Der Efeu windet seine Ranken um ein Säulenkapitäl.
Eine eigene Geschichte
Es sind, genau gesagt, zwei Abzüge desselben Bildes. Beide liegen zwischen Kaffeegeschirr auf dem Wohnzimmertisch, in beiden Wohnzimmern haben die Menschen zu erzählen begonnen. Und doch liegen zwischen ihnen 875 Kilometer, 13 Stunden Autofahrt - die Distanz zwischen Soest in Westfalen und dem polnischen Dorf Lublewo in der Wojewodschaft Pomorze an der Ostsee.
Die Bilder sind identisch, aber jedes hat seine eigene Geschichte. Die Geschichte von Abzug eins, der sich jetzt in Lublewo gemächlich in den Händen einer freundlichen Frau mit straff nach hinten gebundenem dunklen Haar hin- und herdreht, beginnt im Feuer: Ein Junge von fünf Jahren rennt auf die Straße und merkt zu spät, dass alles an ihm brennt, Kleider, Hände, Haare. Ein Mann stürzt auf ihn zu, der Vater. Er löscht das schreiende Kind im Wasser der Pfützen, dann verschwindet er in einem Versteck, denn die Deutschen sind da.
Es ist der 2. Februar 1944, das vorletzte Jahr des Zweiten Weltkriegs, und weit im Südosten Polens, im Dörfchen Szczecyn, dem dritten Schauplatz unserer Geschichte nach Soest und Lublewo, haben Wehrmacht und deutsche Truppenpolizei gerade mit etwas begonnen, was bis heute unter dem Begriff Pacyfikacja (Befriedung) jedem Kind geläufig ist: Sie verbrennen ein Dorf aus Rache für vermutete Zusammenarbeit mit den Partisanen der Wälder, sie ermorden jeden, der sich nicht schnell genug versteckt. Mehrere hundert Mal ist das während des Kriegs in Polen geschehen, mehr als 19.000 Menschen wurden nach Angaben des Historikers Czeslaw Madajczyk dabei ermordet. In Szczecyn sterben an diesem Tag etwa 200 Menschen. Zuerst schießen Mörser und Panzerabwehrkanonen im Morgengrauen die strohgedeckten Holzhäuser in Brand, dann gehen die Trupps von Haus zu Haus, töten, wen sie fassen können, übergießen die Toten mit Benzin und zünden sie an. Erst nach Stunden hört das Morden auf; wer noch lebt, wird abtransportiert.
Nicht nur der erste Eindruck
Einer von denen, die noch lebten, sitzt in Lublewo beim Kaffee. Er ist der Ehemann jener Hausfrau mit dem straffen dunklen Haar von dem Fotoabzug, und er war der rennende Junge, bei dem die Geschichte begann, derselbe, der beim Rennen zu spät merkte, dass er sich am brennenden Elternhaus entzündet hatte. Sein Name ist Winicjusz Natoniewski. Von seinem Vater in der Pfütze gelöscht, rettete er sich schwerverletzt zu seiner Tante Józefa Rogalla, die ihn bis zum Abend in den Armen trug, während die Deutschen ihren Mann und ihren Sohn erschossen. Drei Jahre verbrachte der Verbrannte danach in den desolaten Krankenhäusern der polnischen Nachkriegszeit. Bis heute aber ist sein Gesicht, sind seine Hände vom Brand verwüstet. Narben in Grau, Feuerrot und Fahlgelb überziehen seinen Kopf, sein rechtes Ohr ist verstümmelt, und die Finger beider Hände sind bis auf das unterste Glied heruntergebrannt.
Später ist Winicjusz Natoniewski von seinem verbrannten Dorf an der ukrainischen Grenze nach Nordwesten gezogen, in Polens gewonnene Gebiete, in das ehemals deutsche Pommern an der Ostsee. In den sechziger Jahren traf er auf eine Frau, die auf die ungläubige Frage ihrer Freunde, warum sie einen Entstellten zum Mann nehme, nur gesagt hatte, es komme nicht nur auf den ersten Eindruck an. In den Siebzigern übernahm er die Führung des Staatsguts in Lublewo, dem früheren Groß Lüblow. Er zog in dieses mittlerweile in Einzelwohnungen aufgeteilte alte deutsche Gutshaus, dessen Eingang die Fotografie vor ihm zeigt.
Mord und Vergewaltigung
Abzug zwei liegt 800 Kilometer weiter westlich auf dem Tisch. Eine schlanke alte Frau mit feinem weißgrauem Haar und ebenso feiner Bluse hat ihn genau wie jene andere in Lublewo zwischen Tassen und Kuchenteller gelegt. Auch die Geschichte dieses Abzugs beginnt im Feuer. Es sind die ersten Märztage 1945. Im Osten hat die Rote Armee auf ihrem Vormarsch nach Berlin deutsches Reichsgebiet erreicht, Städte und Dörfer brennen, sowjetische Soldaten gehen von Haus zu Haus, plündern, morden, vergewaltigen. Pfarrer Barckow aus der pommerschen Kreisstadt Lauenburg, nur 32 Kilometer von jenem Gutshaus mit den Bogenfenstern entfernt, gibt später in einem Bericht für das Bundesministerium für Vertriebene zu Protokoll, bis zu 45 Soldaten hätten jeweils eine einzige deutsche Frau vergewaltigt - wer nicht Folge leistete, wurde erschossen.
Dabei hätten die russischen Soldaten immer wieder gerufen, ihre Frauen und Schwestern seien von deutschen Soldaten noch viel schlimmer behandelt worden, wohl gar mit Benzin begossen und verbrannt. Ein Bauer, aus dessen Haus Schreie schallten, sagte: Hören Sie? Sie haben meine dreizehnjährige Tochter heute morgen schon zum fünften Male vor. Etwa zur gleichen Zeit, zu der der Pfarrer aus der Kreisstadt flieht, erreicht jenseits der Äcker ein Trupp sowjetischer Soldaten den mit geometrisch gestutzten Eiben und einem Blumenrondell geschmückten Vorgarten des Gutshofes Groß Lüblow. Die Herrin des Anwesens, Viktoria Senfft von Pilsach, eine schlanke junge Frau mit feinem hellem Haar, hat Vorsorge getroffen. Ihr Mann ist irgendwo im Krieg, und so hat sie sich mit ihren drei Kindern in die Obhut des Gutskutschers Göring begeben. Die Leute auf dem Anwesen wissen von den Vergewaltigungen, sie wissen auch, dass die Russen alle Gutsherren, die ihnen in die Hände fallen, kurzerhand erschießen.
In seiner Hilflosigkeit schiebt der Kutscher einen Schrank vor die Tür des Schlafzimmers, versteckt die Herrin, ihre Kinder und seine eigenen Töchter dahinter - und sie bleiben unentdeckt. Die Russen ziehen weiter, und während die benachbarten Gutsherren, die Zitzewitz, die Braunschweig, ums Leben kommen, während der Besitzer vom Krahnshof nebenan, ein stämmiger Mann mit einer prächtigen Uhrkette über der Weste, oder der Förster Adolf Müller von Unter-Bismarck sich mitsamt ihrer Familie vor der Ankunft der Eroberer selbst erschießen, während ein paar Kilometer weiter, in Groß Damerkow gleich bei der Kreisstadt, ein russischer Soldat mit dem Finger eine junge Frau zu sich winkt und, als sie nicht gleich kommt, langsam auf sie zugeht, ihr die Maschinenpistole ans Kinn hält und vor den Augen der Familie abdrückt, hat Viktoria von Senfft mit ihren Kindern überlebt. Nur bei einer Gelegenheit hat ein Soldat der jungen Frau den Ring vom Finger gerissen, und als sie einmal ihr Versteck verlassen musste und einer sie mit der Waffe bedrängte, hat sie ihm ihr kleinstes Kind gezeigt, und er hat von ihr abgelassen.
Auf in den Westen
Es hat dann noch bis zum Oktober 1945 gedauert, bis sie von dem Haus mit den gewölbten Fensterscheiben Abschied nehmen musste. Die Russen zogen durch, Richtung Berlin. Polen erschienen, zuerst Abenteurer und Plünderer, dann Ansiedler in Fuhrwerkstrecks oder in Güterzügen, selbst Vertriebene aus dem gerade von der Sowjetunion annektierten polnischen Osten. Auf den Feldern, so berichten heute die Nachkommen dieser Siedler, wuchs noch das von den Deutschen gesäte Korn, in den Küchen waren noch die Öfen warm. Zu Viktoria Senfft von Pilsach aber sagte am Abend des 14. Oktober der neu eingesetzte polnische Verwalter von Groß Lüblow, nunmehr Lublewo, ein gebildeter Mann, mit dem sie Französisch sprach, es seien Befehle eingegangen: Die alte Herrschaft habe am kommenden Morgen um fünf Uhr früh zum Abtransport bereitzustehen.
Er gab der Reisenden noch ein Stück Fleisch für die Fahrt, erhielt dafür aus den gutsherrlichen Beständen ein paar Windeln für seine Kinder, und am nächsten Morgen zog der Leiterwagen los. Den Senffts erging es wie Millionen anderen Deutschen, die in diesen Monaten ihre Häuser, Dörfer, Städte im Osten verlassen mussten. Sie warfen noch einen letzten Blick auf das Herrenhaus und dessen wohlverputzte Fassade, dann ging es zuerst im Karren zur Kreisstadt, dann in einem zertrümmerten D-Zug ohne Fensterscheiben über Stettin gen Westen. Unterwegs, wenn der Zug wieder einmal stundenlang hielt, holten sie Kartoffeln von den Feldern, die drei Kinder lagen auf dem Gepäck am Boden, und als es nach Tagen endlich mal etwas Richtiges zu essen gab, lohnte es sich, dass die Mutter den Kleinen je ein silbernes Biskuitschälchen in die Rucksäcke gepackt hatte - als Geschirr für die Suppe war es so gut wie irgendein Blechnapf.
Deutsche und Polen
In der Bundesrepublik begann die Familie ganz von unten. Der Ehemann, der den Krieg glücklich überlebt hatte, der ehemalige Gutsherr von Groß Lüblow, fand Arbeit als Waldarbeiter, dann als Lastwagenfahrer und schließlich als Angestellter des Roten Kreuzes im westfälischen Städtchen Soest. Viktoria Senfft von Pilsach wohnt heute, 94 Jahre alt, in einem Haus am Rand der Stadt. Die geretteten Biskuitschalen haben ihren Platz beim Familiensilber, und im Flur hängt gerahmt ein Foto des alten Gutshauses.
Und das Bild mit den Menschen auf der Freitreppe? Das Unwahrscheinliche ist geschehen: Die beiden Wege, die vor sechseinhalb Jahrzehnten in zwei brennenden Welten begannen, haben sich irgendwann freundschaftlich überschnitten, der Verbrannte aus Szczecyn mit seiner Frau und die Vertriebene aus Groß Lüblow haben sich eines Tages gegenübergesessen.
Die Senffts hatten schon in den siebziger Jahren zum ersten Mal das alte Haus in Pommern wieder besucht. Der Vater, der letzte Gutsherr, war mit den neuen Ansiedlern, den polnischen Vertriebenen aus dem Osten, über den Hof und durch die Scheunen gegangen, hatte von Bauer zu Bauer den Fruchtwechsel und die Viehhaltung mit ihnen erörtert. Der Sohn, der mit dabei war, mittlerweile Bankdirektor in Frankfurt, erfuhr die Geschichten vom Jagdhund Thyras, vom Schweinemajor, der einst die gutsherrlichen Sauen befehligte, sowie vom Schweizer, der die Rinder unter sich hatte. Weitere Fahrten folgten, und einmal sangen Deutsche und Polen sogar gemeinsam die Ballade Die Uhr von Carl Loewe.
Altes Eigentum
Nach einem dieser Besuche entstand das Foto, dessen identische Abzüge heute eine strapaziöse Tagesreise auseinander, in Soest und Lublewo, auf zwei Kaffeetischen liegen. Ist man sich nahe gekommen, hat man gar Freundschaft geschlossen? Das wäre zu viel gesagt. Aber die polnischen Gastgeber, der Verbrannte aus dem Osten und die Frau mit dem straff gebundenen dunklen Haar, haben ihre Besucher ins Haus gebeten, und sie haben Kaffee gekocht.
Die Besucherin ist der Einladung gefolgt, sie ist durch die mittlerweile kahle Eingangshalle, wo früher die Decken für die Kutschfahrten lagen und der Gewehrschrank stand, ins Wohnzimmer getreten, hat versichert, dass sie keineswegs plane, ihr altes Eigentum durch Prozesse zurückzuholen, und sie hat das freundliche Angebot der Gastgeber, doch über Nacht in ihrem alten Schlafzimmer zu bleiben, ebenso freundlich ausgeschlagen. Die Tochter der Natoniewskis spielte Klavier, und zum Abschiedsbild hat Frau Senfft von Pilsach der Frau Natoniewska sanft die Hand auf den Unterarm gelegt.
Heute ist das Gutshaus hinter den mächtigen Bäumen des Vorgartens, den kleinen gestutzten Eiben von einst, von der Straße aus nicht mehr zu erkennen. Aus den Dachrinnen wachsen Birken, und der Efeu, der auf jenem Foto noch als zarte Ranke zur Terrasse hochklettert, zerfrisst mittlerweile als üppiger Teppich Fassade und Traufe. Das Haus verfällt. Winicjusz Natoniewski und seine Frau werden wohl ausziehen, dann übernimmt vielleicht ein Investor das Anwesen. Von den zwei Wegen, die im Feuer begannen und sich hier kreuzten, wird niemand mehr wissen. Eines aber ist mittlerweile geklärt, zwischen Hausfrau und Hausfrau: der Zweck jenes Eisenrings draußen an der Freitreppe, den Frau Natoniewska sich durch all die Jahre nie erklären konnte. Sie hat gefragt, und sie hat es erfahren: Der Ring war für Thyras, den Jagdhund.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Edgar Schoepal