Von Stefanie Walter, Rauschenberg
23. Januar 2006 Die Schule im stillen Dorf ist so klein, daß man leicht an ihr vorbeifahren kann. Dieter Krowatschek schüttelt den Kopf. Man kann sich kaum vorstellen, daß Kinder in dieser Umgebung unkonzentriert sein können. Aber drinnen im Klassenraum üben Kinder Konzentration - nach einem Konzept Krowatscheks.
Acht Jungen und Mädchen sitzen in einem Kreis, vor ihnen liegen farbige Folien. Was müssen wir als erstes machen, fragt Conny Soff, die das Training leitet, wenn wir ein Arbeitsblatt bekommen? Ein Mädchen: Wir müssen die Aufgabe lesen. - Sehr gut, wer liest vor? Lena beginnt stockend. Gut. Wer erklärt nun mit eigenen Worten, was sie gelesen hat?
Nachfrage wächst stetig
Das Programm heißt Marburger Konzentrationstraining. Die Kinder lernen, Aufgaben systematisch zu lösen, die eigene Arbeitsweise zu strukturieren, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren und sich in die Gruppe einzufügen. Vor zwanzig Jahren begann der Marburger Schulpsychologe Krowatschek mit den Übungen. Damals wurde er belächelt, weil niemand sich vorstellen konnte, daß Psychologen den Schülern beibringen müssen, im Unterricht aufzupassen. Doch inzwischen wächst die Nachfrage nach dem Training stetig, weil viele Schüler Schwierigkeiten haben.
Die Schüler aus der dritten Klasse legen Karten auf die entsprechenden Bilder einer Vorlage, so wie beim Spiel Schau genau. Ein Junge legt sofort los und ist schnell fertig. Er dreht die Kärtchen um. Wie - geschmiert - konzentriert - geht's. Das bedeutet: Er hat etwas falsch gemacht. Kinder mit Konzentrationsschwierigkeiten seien häufig impulsiv, sie schießen geradezu an eine Aufgabe heran, sagt Conny Soff. Deshalb sollen sie sich mit leiser Stimme selbst erklären, was sie gerade machen. Wenn man zu sich selbst spricht, kann man nicht alles auf einmal machen.
Lob für positives Verhalten
Die junge Frau reicht eine kleine Kiste in die Runde. Die Jungen und Mädchen greifen hinein und fühlen, was sich darin befindet. Vier Gegenstände - Handy, Feuerzeug, Taschentücher, Spielzeugauto - müssen sie sich einige Minuten lang merken, bis die Psychologin sie zu sich nach vorn ruft. Ein Junge kann sich nur an zwei Gegenstände erinnern. Er darf am Nebentisch zwei bunte Stempel auf sein Punkteblatt drücken. Die Punkte tauschen die Kinder am Ende des Kurses in einen Preis um. Die Jungen und Mädchen lachen und reden, schubsen und drängeln.
Vier Kinder sitzen schon wieder am Tisch, sagt da die Trainerin, und sofort laufen die anderen zu ihrem Platz. Die Psychologen nennen das Ignorieren mit positivem Modell. Conny Soff erklärt: Ich entziehe dem einen Kind die Aufmerksamkeit und lobe die anderen für positives Verhalten. Im Unterricht hingegen läuft es oftmals umgekehrt: Die unruhigen, lauten Schüler fordern die gesamte Aufmerksamkeit des Lehrers. Er reagiert mit Ermahnungen, so daß das Kind wegen seines Fehlverhaltens in den Mittelpunkt der Klasse rückt.
Nicht nur von Fehlern sprechen
Oft sind es die Lehrer, die für einen ihrer Schüler das Konzentrationstraining empfehlen. Die Eltern stimmen dem meist zu. Den Kindern geht es vor allem um bessere Schulnoten. Sie kommen gern, obwohl - oder gerade weil? - klare Regeln herrschen. Moment, ich sage, wann es losgeht, ruft die Psychologin energisch, als ein quirliger Junge sofort mit einem Spiel beginnt. Die Preise zum Kursabschluß sind begehrt: Pupskissen, Hundekothaufen aus Plastik, Glibber-Gel oder, besonders beliebt, die Lolli-Leckmaschine.
Das Marburger Training vermittelt den Kindern eine Strategie, wie sie schulische Aufgaben besser lösen können. Gleichzeitig stärkt es das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Die Schüler absolvieren sechs Trainingsstunden, die Eltern müssen an fünf Abenden kommen. Lob und Tadel lautet heute das Thema. Mein liebster Elternabend, sagt Conny Soff. Denn das Loben ist etwas, was wir heutzutage unterschätzen. Wenn man nur von Fehlern spricht, sehen die Kinder nur, was sie nicht können.
Ermutigung zur Selbständigkeit
Etwa 10.000 Jungen und Mädchen seien mittlerweile nach dem Marburger Programm trainiert worden, sagt Krowatschek. Achtzig Prozent würden durch die Methode aufgefangen, nur die restlichen zwanzig Prozent seien wirklich auffällig. Achthundert Videofilme von Hausaufgaben drehten er und seine Kollegen. Wir könnten daraus einen Horrorfilm machen, scherzt er. An den Abenden bekommen die Eltern Ratschläge, wie sie zu Hause die Situation entschärfen können.
So soll das Kind zum Beispiel der Mutter zunächst die Hausaufgaben erklären, sie dann aber allein erledigen. Die Kinder sollen zur Selbständigkeit ermutigt werden. Das beginnt schon damit, daß die Mütter sie nur beim ersten Termin in den Gruppenraum begleiten. Heute glauben die Eltern oft, die beste Erziehung sei diejenige, die alle Schwierigkeiten aus dem Weg räumt.
Reizüberflutung durch elektronische Medien
Die Marburger Psychologen bieten deshalb jetzt auch ein Trainingsprogramm für den Kindergarten. Damit lernen die Kleinen, was ihnen eigentlich die Eltern hätten beibringen müssen. Dazu gehören so einfache Dinge wie Linien zeichnen, Mengen erfassen, Bilder erklären.
Die Hauptursache für Konzentrationsschwierigkeiten sieht Krowatschek jedoch in der Reizüberflutung durch elektronische Medien. Insgesamt höchstens zwei Stunden am Tag dürften Kinder fernsehen und an Computer und Gameboy spielen. Außerdem rät der Schulpsychologe zu einem strukturierten, verläßlichen Tagesablauf - und zu zweimal in der Woche Sport.
Fortbildung von Lehrern und Therapeuten
Vor allem in den süddeutschen und zunehmend in den neuen Bundesländern sowie in Österreich sei das Training populär. Krowatschek sieht es am liebsten, wenn Volkshochschulen die Kurse anbieten, weil sie für die Eltern nicht so teuer sind. Aber das Programm richtet sich ebenso an Ergotherapeuten und Lernpraxen und vor allem an Schulen. Der Marburger Schulpsychologische Dienst bildet Lehrer und Therapeuten fort, die das Konzentrationstraining anbieten wollen. Einnahmen aus diesen Fortbildungen kommen dem Verein zur Förderung überaktiver Kinder zugute, der vor allem längere Verhaltenstrainings für Kinder aus sozial schwachen Familien finanziert.
Die acht jungen Kursteilnehmer gehen zum Nebentisch, auf dem Flippergeräte und Kugelbahnen stehen. Sie dürfen einige Minuten spielen. Zum ersten Mal wird es in der 75 Minuten langen Trainingsstunde richtig laut. Es klingelt und dudelt, die Kugeln schießen nach oben. So, es reicht jetzt, sagt Conny Soff. Bevor die Kinder zur Tür hinausstürmen, verabschieden sie sich der Reihe nach von ihrer Trainerin - mit Handschlag.
Text: F.A.Z., 24.01.2006, Nr. 20 / Seite 9
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