Digitales Kino

Wie die Bilder besser laufen lernen

Von Andreas Wirwalski, München

Bilder wie dieses aus dem Film “Balls of Fury“ könnten mit digitaler Technik im Kino noch schärfer werden

Bilder wie dieses aus dem Film "Balls of Fury" könnten mit digitaler Technik im Kino noch schärfer werden

08. Juli 2008 „Was, hier werden noch richtige Filmrollen eingelegt?“ Die Verwunderung von Kinogängern über das Polyester teilen auch Leute vom Film. Der Regisseur Wolfgang Petersen bemerkte einmal, wie seltsam es sei, dass im Internetzeitalter weiterhin Lastwagen über Land fahren und Filmrollen transportieren, bevor Kinovorführer mehrere Rollen zu einem großen „Teller“ zusammenkleben, um den kompletten Spielfilm abzuspulen. Bei großen Filmstarts wie „Harry Potter“ oder „Der Herr der Ringe“ werden mehr als 1000 Kopien durch Deutschland gefahren, bevor sie am Ziel angelangt sind: im Vorführraum der Kinos.

Und was gibt es zu sehen? Allzu oft technisch minderwertige Qualität. Heute reißt zwar kaum noch ein Film. Aber allzu oft sieht man Farbschlieren oder lauscht einer miserabel verarbeiteten Tonspur. Der Vorführer trägt daran keine Schuld – für die Massenkopien sind die Verleiher verantwortlich. Dass solche Bilder auch besser laufen können, beweisen brillante Gala- und Pressevorstellungen von Premierenkopien auf Festivals. Warum also sollte nicht auch das Lichtspieltheater in der Provinz von der digitalen Moderne ausgeleuchtet werden?

Sisyphos-Kampf der Provinz-Kinobetreiber

Oder sind das nur Illusionen? Florian Stiglhofer, der im bayerischen Oberstdorf unter anderem das Kurfilmtheater betreibt, meint: „Der durchschnittliche Besucher wird zunächst keinen Unterschied zur herkömmlichen Projektion erkennen.“ Kameramann Benedict Neuenfels, dessen jüngste Arbeit „Anonyma – Eine Frau in Berlin“ im Oktober in den Kinos anläuft, hält dagegen: „Ich werde froh sein, wenn es endlich eine flächendeckende digitale Projektion gibt. Erst dann sind meine Filme in jedem Kino auf der Welt in der gleichen Bildqualität erlebbar.“

Das Digitale erblickte in den neunziger Jahren das Licht der Kinowelt. Zunächst kamen die mehrkanaligen digitalen Tonformate Dolby Digital und DTS zum Einsatz. Im Juni 1999 wurde mit George Lucas’ Sternensaga-Fortsetzung „Star Wars: Episode 1 – Die dunkle Bedrohung“ erstmals eine durchgängig digitale Filmkopie an vier amerikanische Kinos ausgeliefert. Seitdem haben sich zwei Leinwand-Realitäten herausgebildet: Die Technikwelt buchstabiert erbarmungslos 2K, DLP, DCP, JPEG 2000, DCI, SMPTE und andere Akronyme durch, die Kunstwelt wird meist noch vom schlichten 35-Millimeter-Film dominiert und erlebt den gewohnten Sisyphos-Kampf der Provinz-Kinobetreiber um Startkopien. Das alles vor einem dramatischen Abspann: der Angst der Branche, dass die Zuschauer zugunsten von DVD-Player und Flatscreen-Fernseher der Leinwand Lebewohl sagen.

Die Umrüstung ist teuer

Das Historienepos „The Last Samurai“ mit Tom Cruise im Jahr 2003 gilt als der hundertste Hollywood-Film, der digital vertrieben wurde. Allmählich musste ein umfassender Standard her, der – ähnlich wie der seit 1889 gebräuchliche 35-Millimeter-Filmstreifen mit doppelseitiger Perforation – eine hochwertige Projektion ermöglicht. Die Digitalisierung muss von Ingenieuren der Society of Motion Picture and Television Engineers (SMPTE) in verbindliche Standards übergeführt werden. Bis Ende 2008 soll der Standardisierungsprozess abgeschlossen sein, sagt SMPTE-Mitglied Siegfried Fößel vom Fraunhofer-Institut für Integrierte Schaltungen in Erlangen. Parallel hat eine Standardisierung durch die internationale Normungsorganisation ISO eingesetzt, um das D-Cinema rundweg international etablieren zu können. Hersteller von Projektoren und Servern müssen nun ihre Geräte DCI-konform gestalten.

Das D-Cinema hält indes noch mehr an Spannung bereit – nämlich filmpolitische. Erst mit einem der digitalen Kopie beigelegten Schlüssel (Key), einem speziellen Datencode, kann das Digital Cinema Package (DCP), also der komprimierte digitale Film, für die jeweilige Projektion freigeschaltet werden. Die Verleiher erhoffen sich dadurch einen Schutz vor Filmpiraterie, können aber gleichzeitig auch in die Programmierung eines Kinos eingreifen. Vor allem deutsche Betreiber wollen jedoch Herr im eigenen Haus bleiben. Sie verlangen, dass die Verleiher die eingesparten analogen Kopienkosten den Theatern für deren Umrüstung zur Verfügung stellen. Laut Hochrechnungen von Pricewaterhouse-Coopers muss man für die Erstausstattung in Deutschland von rund 3700 relevanten (insgesamt: mehr als 4800) Leinwänden mit Projektoren und Serveranlagen um die 211 Millionen Euro veranschlagen – Umbau- und Wartungskosten nicht eingerechnet. „Solange diese Kostenpunkte nicht endgültig geklärt sind, werden sich die Kinobetreiber bei der Umrüstung zurückhalten“, sagt Florian Stiglhofer, der auf bessere Bedingungen für die Filmtheater wartet.

Kinobetreiber halten sich mehrheitlich zurück

Außerdem bleibt das Risiko, dass nach einigen Jahren die Soft- und Hardware veraltet ist. Nun verhandeln Kinoverbände und Verleiher, wer wie viel wann und wo beizusteuern hat. Die Verleiher wollen sich an der nationalen „Konversion“ mit 100 Millionen Euro beteiligen – quasi den „virtuellen Kopienkosten“, die in einen gemeinsamen Topf eingezahlt werden. Das Geld soll aber nur ausgezahlt werden, wenn der Kinobetreiber sich mit einem auf acht Jahre ausgedehnten „Investitionskostenbeitrag“ von 100 Euro pro Monat und digitalem Saal an diesem „100er-Modell“ beteiligt. Aus staatlichen und regionalen Fördertöpfen könnten in den kommenden Jahren ebenfalls 100 Millionen Euro fließen. Mit dem Modell-Vorschlag will die Kinobranche die Bundesregierung von der Förderungswürdigkeit des D-Cinema überzeugen, sagt Thomas Negele, Vorstandschef des Hauptverbands Deutscher Filmtheater. Nur wenige Kinos, meint er, würden der digitalen Revolution zum Opfer fallen. Im Gegenteil gebe es immer mehr Möglichkeiten für die Betreiber. So könne man vielleicht schon bald Kinos für die Privatvorstellung eines Films mieten.

Die Kinobetreiber, allen voran Ketten wie Cinemaxx, CineStar oder Kinopolis, halten sich aber noch zurück – obwohl sie schon testen und verkabeln. Nur unabhängige Häuser, zumeist im XDC-Verbund vernetzt, können digitale Spielfilmvorführungen mit erfolgreichen Kennziffern vorweisen. Einer der Vorreiter ist der Nürnberger Kinobetreiber Wolfram Weber, der in seinem 21-Saal-Kino „Cinecittà“ bald alle Leinwände mit neuer Technik bespielen will: „Wir sehen das digitale Kino als eine besondere Gelegenheit an, unsere Erträge und unsere Rentabilität zu erhöhen.“

„Wir sind davon überzeugt“

Im englischen Hawkhurst wurde bereits im Februar 2006 ein ausschließlich digital betriebenes Ein-Saal-Haus mit 91 Plätzen eröffnet. Paul Corcoran, Chef des Betreiberunternehmens Kino Cinemas Ltd., finanzierte die Technik mit Mitteln der nationalen Förderinstitution Digital Screen Network. Corcoran war mit dem Umsatzergebnis derart zufrieden, dass er in Sevenoaks ein weiteres Kino mit zwei digitalen Sälen eröffnete, diesmal vollständig selbst finanziert. „Wir sind davon überzeugt“, sagt er, „dass die höheren Kinoeinnahmen und die Einsparungen durch die digitale Projektion eine derartige Investition rechtfertigen.“ Neben Spielfilmen könne er nun auch Opern, Sportereignisse und lokales Filmschaffen flexibel präsentieren.

Der Filmproduzent Jeffrey Katzenberg sieht die Zukunft des Kinos vor allem in der Renaissance des 3D-Brillen-Kinos. Der Chef des Animationsstudios Dreamworks („Shrek“) wirkt wie ein Missionar, wenn er die ästhetischen und ökonomischen Vorzüge des digitalen 3D-Kinos anpreist. Mit seiner positiven Sicht scheint er recht zu haben. Als in Amerika der Teenie-Konzertfilm „Hannah Montana/Miley Cyrus: Best of Both Worlds Concert Tour“ herauskam, spielte er 29 Millionen Dollar an einem Super-Bowl-Wochenende ein – und versenkte damit sogar die „Titanic“, die 25,2 Millionen Dollar einfuhr.

Digitales Kino - digitale Technik

Im März 2002 gründeten die Studios Buena Vista/Disney, 20th Century Fox, Metro-Goldwyn-Mayer, Paramount, Sony Pictures Entertainment, Universal und Warner Bros. den Interessenverbund Digital Cinema Initiatives (DCI), um Standardvorgaben für das digitale Kino zu erarbeiten. Die Majors plädierten für das Bildkompressionsformat JPEG2000, eine Bildauflösung in mindestens 2K (2048 × 1080 Pixel) sowie für einen erweiterten Farb- und Dynamikbereich, um dem Fernsehen optisch überlegen zu bleiben, das, hochauflösend, nur 1920 × 1080 Pixel erreicht.

Bald entstanden zwei Lager: das D-Cinema (das auf DCI-kompatible Spielfilme setzt) sowie das E-Cinema (Filme bis zu 1,4K, etwa Werbung und HD-Produktionen). Im Kampf zwischen David und Goliath, zwischen 1,4K- und 2K-Anhängern, siegte dieses Mal Goliath. Denn um eine hollywoodtaugliche 2K-Auflösung auf der Leinwand sicherzustellen, bedarf es der sicheren Apparaturen von Barco, Christie, Cinemeccanica, Kinoton oder NEC, die als Projektoren mit lichtintensiven 2K-DLP-Chips ausgestattet sind.

Die Zahl der digitalen Kinos wird steigen

DLP bedeutet Digital Light Processing und ist eine Erfindung von Texas Instruments. Ohne DLP-Chips, aber mit ähnlich hohen Auflösungswerten operieren Projektoren von JVC und Kodak. Auch Sanyo will bald mit einem DCI-tauglichen 2K-Beamer nachlegen. Und Sony glänzt seit zwei Jahren sogar mit einem 4K-Projektor. Die kastenförmigen Hightech-Geräte sind nicht viel größer als herkömmliche 35-Millimeter-Projektoren. Aber in der Vorführkabine benötigt man dafür Verkabelung, Belüftung und einen Server - das Herzstück der 60.000 bis 120.000 Euro teuren Anlage. Die auf 200 Gigabyte komprimierte digitale Filmkopie wird meist weiterhin per Paket als DVD oder Festplatte geliefert - in Zukunft per Hochgeschwindigkeits-Kabelverbindung oder über die Satellitenschüssel auf dem Theaterdach.

Kleinere Filmtheater haben sich zumeist dem Verbund CinemaNet Europe angeschlossen, der günstig bis zu 1,4K-taugliche Bildwerfer (“Beamer“) samt Server anbietet. Kinotechnische Ausrüster und Hardware-Entwickler befördern dagegen DCI-kompatible teurere Geräte. So hat der belgische Dienstleister XDC in Europa bislang 349 (in Deutschland: 118) Kinosäle umgerüstet. Insgesamt sind auf der Welt nun mehr als 6500 Leinwände fürs digitale Kino in 44 Ländern vorhanden. Angesichts von etwa 100.000 Kino-Leinwänden in aller Welt sind das noch wenige. Aber die Zahl wird schnell wachsen.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp

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