Von Judith Lembke, Köln
11. März 2005 Wenn unbekannte Musiker eine Verbindung zu ihren potentiellen Hörern suchen, könnten sie es mit ihrer Musik probieren. Doch wenn die Kandidaten beim deutschen Grand-Prix-Vorentscheid an diesem Samstag in Berlin auf der Bühne stehen, werden viele Zuschauer viele kleine Geschichten von den Künstlern kennen - ihre Lieder jedoch häufig zum ersten Mal hören, obwohl die CD Germany 12 Points schon länger im Handel ist.
Beim diesjährigen Grand Prix vertrauten die PR-Berater anscheinend noch weniger als sonst auf die Macht der Töne und Texte. Statt dessen setzt man in diesem Jahr auf Gott oder Sex. Die Band Allee der Kosmonauten, die heute abend mit dem Song Dein Lied antritt, ist - ähnlich wie Xavier Naidoo - im Namen des Herrn unterwegs. Damit man Mischa Marin und Jürgen Fürwitt aber nicht für Abgesandte der katholischen Pfadfinderschaft hält, wird der PR-Botschaft noch schnell hinzugefügt, daß die beiden früher ganz anders waren, so richtig wild, Sex, Drugs and Rock 'n' Roll aus eigener Anschauung kennen und als Krönung ihres Rockerdaseins sogar mal einen Pizzalieferanten überfielen. Auch die Murphy Brothers haben demnach erst den richtigen Weg zu Gott finden müssen, nachdem sie den Fängen der Sekte Children of God entflohen waren.
Die sexuelle Ausrichtung wird ausgeschlachtet
Die Strategie, mit Sex zu punkten, ist nicht neu, aber heute reicht es anscheinend nicht mehr, einfach nur ein hübsches Mädchen mit Schmollmund im durchsichtigen Kleid am Strand abzulichten. Auch die Geschichte muß stimmen: Entweder man bringt weniger bekannte Namen wie Volkan Baydar, Sänger der Band Orange Blue, in einen amourösen Zusammenhang mit prominenteren Personen wie der Moderatorin Desiree Nosbusch, oder man leuchtet die sexuelle Ausrichtung des Teilnehmers von allen Seiten aus, wie bei Ellen ten Damme (bekennend bisexuell) oder Villaine (bekennend lesbisch).
Was früher mit allen Mitteln verheimlicht werden sollte, wird heute zum Trumpf in der Hand der PR-Berater. Besonders deutlich wird der Versuch, mit der Liebe von Frau zu Frau extra zu punkten, bei Villaine, die mit dem Lied Adrenalin an den Start geht. Das Plattencover der Single zeigt die Sängerin mit dem roten Irokesenschnitt zusammen mit ihrer Freundin Britta-Marie, die sich in devoter Pose an Villaine anlehnt, die wiederum ihre rechte Hand auf der Brust ihrer Lebensgefährtin parkt. Das Bild laviert zwischen sanfter Provokation und weiblicher Erotik, die auch mit dem gängigen Männergeschmack kompatibel ist. Die Strategie funktioniert: Singt diese Lesbe für Deutschland? fragte die Bild-Zeitung im Januar reißerisch, worauf schwul-lesbische Magazine gegen die diffamierende Schlagzeile protestierten.
Öffentlichkeit für eine Nacht
Villaine alias Vera Viehöfer ist eine sympathische Studentin der Kommunikationswissenschaft aus Jülich, die über sich sagt, das einzig Schräge an ihr sei ihre Frisur. Sonst bin ich eher langweilig, fast spießig. Ihren roten Iro hat sie mittlerweile pink gefärbt: Mir wurde von einer Stylistin geraten, auf der Bühne leuchtende Farben anzuziehen, weil es in der Berlin Arena so dunkel ist, sagt sie. Da es im Augenblick aber keine coolen T-Shirts in Rot, sondern nur in Pink gebe, wurde ihr Iro eben kurzerhand umgefärbt.
In der Rolle als Vorzeige-Lesbe des deutschen Vorentscheids ist sie ebenso pragmatisch wie bei der Entscheidung über ihre Frisur. Villaine, früher selbst einmal Inhaberin einer erfolgreichen Werbeagentur, weiß, daß der Erfolg mehr verlangt als einen guten Song. Dafür ist sie auch bereit, ein Stück ihres Privatlebens preiszugeben, auch wenn jeder Schritt in die Medien ein neues Abwägen des Für und Wider ist. Ich lasse mich nicht nackt fotografieren, aber ein Foto im BH ist okay. Sie begegnet dem Interesse an ihrer Person mit Neugier und dem Optimismus, daß sie die medialen Geister, die um sie und ihre Lebensgefährtin herumschwirren, nach dem Vorentscheid auch wieder verschwinden lassen kann. Die Konzentration auf meine Homosexualität ist okay, um bekannt zu werden, aber nach dem 12. März soll das wieder in den Hintergrund treten. Dann wolle sich ihre Lebensgefährtin Britta-Marie, eine EDV-Leiterin, auch wieder ganz aus der Öffentlichkeit zurückziehen.
Schwulen- und Lesbenszene im Rücken
Die Teilnahme am deutschen Vorentscheid sieht Villaine vor allem als Chance, mit ihrer Musik bekannt zu werden. Da stört sie auch das muffige Image nicht, das dem Grand Prix immer noch anhaftet: Wenn jemand, den es in der öffentlichen Wahrnehmung bislang noch gar nicht gegeben hat, die Chance bekommt, sich zu etablieren, ist das muffige Image egal, sagt sie. Ihre Chancen zu gewinnen schätzt sie realistisch ein: Die Konkurrenz ist ziemlich stark. Sie wolle einen guten Auftritt hinlegen und live überzeugen. Gewinnen muß nicht sein ist ihre Devise, denn danach werde es noch härter: Wenn ich in Deutschland gewinne, aber in Kiew schlecht abschneide, werde ich doch in der Luft zerrissen, und die Karriere ist auch wieder futsch.
Dabei hat ihr Lied Adrenalin gute Chancen, die deutsche Schwulen- und Lesbenszene zu mobilisieren, in der sie sich schon einen Namen gemacht hat und wo sich traditionell viele Grand-Prix-Aficionados finden. Adrenalin ist ein Schlager mit lauter E-Gitarre, der an die Musik von Rosenstolz erinnert und dessen Hookline sich beim ersten Hören ins Trommelfell brennt. Für die European Song Contest-Version hat der Produzent im Vergleich zur Radio-Version die E-Gitarren ein bißchen leiser und die Streicher ein bißchen lauter gedreht, um die Massentauglichkeit des Songs noch zu steigern. Damit Villaine beim deutschen Vorentscheid garantiert überzeugt, hat ihr PR-Berater noch eine andere Idee: Als sich das Gespräch darum dreht, daß einer Kandidatin beim englischen Vorentscheid in Janet-Jackson-Manier eine Brust aus der Bluse sprang, sagt er: Also schlecht wäre es nicht, wenn dir das zufällig auch passieren würde. Villaines hochgezogene rechte Augenbraue gibt Auskunft darüber, was sie von dieser Idee hält.
Text: F.A.Z., 12.03.2005, Nr. 60 / Seite 11
Bildmaterial: AP