Umweltschutz

Auf der Ölspur

Von Bernd Steinle, Anchorage

31. August 2004 Luci Beach kennt den Reflex. Er kommt so sicher wie der erste Schnee zu Hause in Fort Yukon. "Jedesmal, wenn der Ölpreis steigt", sagt sie, "geht auch die Diskussion über ANWR wieder los." Eine Diskussion, in der jeder nur seine eigene Wahrheit sieht: Umweltschützer, Politiker, Lobbyisten, Indianer, Eskimos. "ANWR", sagt Lisa Murkowski, Senatorin für den Bundesstaat Alaska, "ist unsere emotionalste umweltpolitische Entscheidung überhaupt."

ANWR, sprich "änwar", ist das Kürzel für das Arctic National Wildlife Refuge, eine Wildnisregion im Norden Alaskas, fast so groß wie Österreich. Es ist Sommerweide für 130.000 Karibus, Brutgebiet für Hunderttausende von Zugvögeln, Winterzuflucht für Eisbären aus der Beaufort-See. Es ist Lebensraum für Schwarzbären und Grizzlybären, Elche und Wölfe, Moschusochsen und Dallschafe. Weite Tundra mit verzweigten Flußläufen, Seen wie Spiegel, in denen die Gipfel der Brooks Range aufragen. Im Jahr 1980 stellte der Kongreß das Gebiet jenseits des Polarkreises auf Initiative des damaligen Präsidenten Jimmy Carter unter Schutz. Mit einer Einschränkung: Die Küstenebene, das biologische Herz von ANWR, sollte weiter untersucht werden. Denn darunter liegt Öl.

Förderung frühestens 2013

Wieviel Öl, das weiß niemand genau. Klären sollte das unter anderem eine 1985 von Chevron und British Petroleum vorgenommene Probebohrung. Die Ergebnisse blieben geheim. Von vier bis sechzehn Milliarden Faß war die Rede. Der US Geological Survey (USGS) geht inzwischen von rund zehn Milliarden Faß aus. Zwei Drittel davon sind laut USGS bei einem Ölpreis von 25 Dollar pro Faß wirtschaftlich zu erschließen. Zur Zeit liegt der Ölpreis - allerdings in den letzten Tagen mit abnehmender Tendenz - bei rund 40 Dollar.

Im März hat das amerikanische Energieministerium einen Bericht erstellt, der den Nutzen von ANWR für die Wirtschaft ermitteln sollte. Seine Ergebnisse: Die Förderung in ANWR könnte frühestens 2013 beginnen. Zwölf Jahre später würde ANWR bis zu fünf Prozent des täglichen Verbrauchs der Vereinigten Staaten decken. Das könnte den Ölpreis um 30 bis 50 Cent pro Faß senken - wenn die Opec-Staaten den Effekt nicht aushebeln, indem sie ihre Fördermengen drosseln.

ANWR, so der Bericht weiter, würde die Abhängigkeit der Vereinigten Staaten von Ölimporten reduzieren - allerdings nur von etwa 70 Prozent im Jahr 2025 auf 66 Prozent. Zur Zeit verbrauchen die Vereinigten Staaten täglich fast 20 Millionen Faß Öl, 60 Prozent davon sind importiert. Setzt man die im Bericht projizierte Fördermenge voraus, wären die Reserven in ANWR nach 30 Jahren erschöpft.

Kernstück republikanischer Energiepolitik

Ronald Reagans Innenminister Donald Hodel empfahl 1987 erstmals, die Küstenebene für die Ölförderung freizugeben. Die Chancen standen gut, bis zwei Jahre später der Tanker "Exxon Valdez" im Prinz-William-Sund havarierte. Mehr als 40 Millionen Liter Öl strömten ins Wasser, 2000 Kilometer Küste wurden verseucht, zu Zehntausenden verendeten Seeotter und Wale, Seevögel und Fische. Das Projekt ANWR war gestorben - vorerst. 1995 verabschiedete der republikanisch dominierte Kongreß eine neue Vorlage.

Der damalige Präsident Bill Clinton legte sein Veto ein. Nun hat Präsident George W. Bush ANWR zu einem Kernstück seiner Energiepolitik erhoben. Und er hat es mit den zugkräftigeren Fragen der nationalen Sicherheit und der wirtschaftlichen Entwicklung verknüpft. "Hätten wir vor zehn Jahren in ANWR zu bohren begonnen", sagte Bush jüngst in einer Wahlkampfrede in Florida, "hätten wir jetzt zusätzlich eine Million Faß Öl am Tag, amerikanisches Öl, das unsere Wirtschaft ankurbeln würde."

Verhärtete Fronten

Selbst mit dem Rückenwind durch den hohen Ölpreis jedoch scheiterte die jüngste Initiative im Juni abermals am Senat. Die Fronten sind verhärtet. Auf der einen Seite stehen Öl-Lobby und der Bundesstaat Alaska. Dessen Einnahmen stammten im vergangenen Jahr zu 84 Prozent aus dem Ölgeschäft, hauptsächlich dank des 1968 entdeckten Ölfelds in Prudhoe Bay, hundert Kilometer westlich von ANWR. 19 Prozent des amerikanischen Öls werden in Alaska produziert, 22 Prozent der amerikanischen Ölreserven lagern hier.

Doch Prudhoe Bay hat seine besten Zeiten längst hinter sich. Die Fördermenge ist seit Jahren rückläufig, wie in den meisten anderen Fördergebieten in Alaska. Deshalb sucht Gouverneur Frank Murkowski nach neuen Einnahmequellen - zum Wohl des Staates und seiner Wähler. Das Öl hat Alaska in den achtziger Jahren reich gemacht. Der Staat erhebt keine Verkaufs- und keine Einkommensteuer, dafür gibt er eine jährliche Dividende aus einem Fonds aus, der durch die Einnahmen aus der Ölproduktion gespeist wird. 2003 waren das für jeden Einwohner Alaskas knapp 2000 Dollar.

Quasi-religiöse Bedeutung

Nach einer Umfrage befürworten drei Viertel der Alaskaner die Erschließung von ANWR. Auf der anderen Seite hat ANWR für die Umweltschutzgruppen quasi-religiöse Bedeutung angenommen. Sie beschwören die Erhaltung des größten Wildnisgebiets der Vereinigten Staaten. Das Problem freilich ist, daß außerhalb Alaskas kaum jemand weiß, wo ANWR liegt. So können Bohrbefürworter wie Frank Murkowski ANWR dadurch beschreiben, daß sie ein weißes Blatt Papier hochhalten: "So sieht die Küstenebene in ANWR neun Monate im Jahr aus."

Für Luci Beach muß das wie Häme klingen. Sie ist Leiterin des Gwichin Steering Committee, des politischen Arms der Gwichin, eines Indianerstamms im Norden Alaskas. Seit 1988 führt das Komitee einen heiklen Kampf gegen das Ölprojekt. Denn ANWR hat auch die einheimische Bevölkerung Alaskas gespalten. Die Inupiat im Bezirk North Slope, acht Eskimodörfern an der Nordküste, haben vor Jahrzehnten beschlossen, ihr Land für das Öl zu öffnen.

Das hat ihnen Schulen und Krankenhäuser eingebracht, Straßenbeleuchtung und Wasserleitungen, Häuser, Straßen, Jobs. Seit einiger Zeit aber sinken die Steuereinnahmen aus dem Ölgeschäft dramatisch. Andere Geldquellen gibt es kaum, neue Ölprojekte sind nicht in Sicht. 30 Millionen Dollar in sechs Jahren muß der Bezirk daher jetzt einsparen, und das heißt: höhere Gaspreise, höhere Wasserpreise, weniger Busverbindungen.

Lebensgrundlage Meer

Das geht auch an den 300 Einwohnern von Kaktovik nicht spurlos vorbei. Kaktovik ist der einzige Ort innerhalb von ANWR. In den sechziger Jahren war Kaktovik eine ärmliche Hüttensiedlung. Dann kam das Öl. Jetzt sagt Bürgermeister Lon Sonsalla: "Das Wichtigste ist die Zukunft der Menschen hier. Und wir sind nicht sicher, wie die Zukunft ohne das ANWR-Projekt aussieht." Kaktovik befürwortet die Ölförderung an Land, nicht jedoch auf See.

"Das Meer ist unsere Lebensgrundlage, unser Garten", sagt Sonsallas Stellvertreter George Tagarok. "Die Umweltgefahren sind an Land zudem wesentlich leichter in den Griff zu bekommen als auf See." Wildnis und Tierwelt seien durch die Infrastruktur keineswegs bedroht, das hätten die vergangenen 30 Jahre in Prudhoe Bay gezeigt. Tagarok streitet für einen heiklen Kompromiß. "Wir wollen die Wildnis schützen, aber wir brauchen auch die Entwicklung. Seit Tausenden von Jahren ist das hier unser Land. Wer entschädigt uns dafür, daß wir unsere eigenen Ressourcen nicht nutzen dürfen, weil unser Land weggesperrt wird?"

Die Gwichin leben im Landesinneren, rund 300 Kilometer südlich von Kaktovik. Ihre Lebensgrundlage ist die Jagd auf Karibus. Genauer, auf die 130.000 Tiere der Porcupine-Herde, benannt nach dem Porcupine River. Ihr Fleisch gibt ihnen Nahrung, ihre Häute Kleidung, ihre Knochen Werkzeuge, ihre Sehnen Schnüre. "Unser Leben und unsere Kultur basieren auf den Karibus", sagt Luci Beach. Sie sind abhängig von deren ungestörter Wanderung durch den Norden Alaskas und Kanadas, auf der sie jedes Jahr mehr als 4000 Kilometer zurücklegen.

Natürliche Zyklen

Im Frühsommer strömen sie in die Küstenebene und bringen ihre Jungen zur Welt - weil sie dort sicher sind vor Wölfen und Bären und weil der Wind die Plage durch die Moskitos lindert. Entstünden hier Straßen, Pipelines und Bohranlagen, so die Sorge der rund 7000 Gwichin, würden die Karibus ihre Sommerweide meiden. Die Zukunft der Herde wäre gefährdet. "Die Gwichin", sagt Luci Beach, "wären die großen Verlierer von ANWR." Denn das Schmerzensgeld für den Kompromiß mit der Ölindustrie, die Steuereinnahmen, gingen an den Bezirk North Slope.

Die Öl-Lobbyisten entgegnen, natürliche Zyklen bestimmten die Zahl der Karibus, nicht der Einfluß der Ölförderung. Tatsächlich ist die zentralarktische Herde, die das Land um die bestehenden Ölfelder nutzt, von 20.000 Tieren 1997 auf 32.000 gewachsen - während die Porcupine-Herde von 178.000 Tieren 1989 auf 130.000 geschrumpft ist. Biologen allerdings erwidern, daß die Auswirkungen der Erschließung für die Porcupine-Herde dramatischer wären. Sie ist mehr als viermal größer als die zentralarktische Herde, hat aber einen zehnmal kleineren Lebensraum zur Verfügung. "Wir sind nicht gegen jegliche Entwicklung", sagt Luci Beach, "aber wir sind gegen die Förderung in der Küstenebene." Für die Gwichin hat sie religiöse Bedeutung. "Der heilige Ort, an dem das Leben beginnt", heißt die Ebene in ihrer Sprache. "Wir haben seit Urzeiten von unserem Land gelebt", sagt Luci Beach, "für uns geht es um das Bewahren unserer Lebensweise."

Abhängigkeit von Ölimporten

Das weitere Schicksal von ANWR hängt nun von den Wahlen im November ab. Erhält George W. Bush eine zweite Amtszeit, werden die Versuche weitergehen, ANWR mit Hilfe eines gesetzgeberischen Gegengeschäfts durch den Senat zu bringen. John Kerry hat sich klar gegen die ANWR-Pläne ausgesprochen. Die Blockade im Senat hat nun dazu geführt, daß der Staat Alaska ein bisher geschütztes Gebiet im Nordosten des 1923 eingerichteten National Petroleum Reserve westlich von Prudhoe Bay für Ölbohrungen freigeben will.

Ein Gebiet, das Lebensraum für die 40.000 Karibus der Teshekpuk-Herde ist, von der mehrere tausend Inupiat in sieben Dörfern des Bezirks North Slope leben. Sie laufen Sturm gegen die Pläne - zum Ärger von Alaskas Gouverneur Frank Murkowski: "Wo sollen wir denn anfangen, die Energieversorgung unserer Nation zu sichern, wenn nicht in einem Gebiet, das längst für die Ölförderung vorgesehen ist?"

Das hat sich auch Luci Beach gefragt. Und erkannt: "Wir können uns die Unabhängigkeit von Ölimporten nicht erbohren. Und wir fördern sie auch nicht dadurch, daß wir immer größere Geländewagen bauen." Ihre Antwort lautet: Energieerhaltung. Die Vereinigten Staaten stellen fünf Prozent der Weltbevölkerung, auf sie entfällt aber ein Viertel des Ölverbrauchs der Welt. "Wenn wir beginnen, in ANWR Öl zu fördern, wird sich 30 Jahre später in unserem Land nichts verändert haben", sagt Luci Beach. "Nur, daß wir ANWR verloren haben."

Die größten Ölreserven und 750 000 neue Jobs

Der überwiegende Teil der Alaskaner ist für eine Nutzung der Öl- und Gasreserven an der Küste von ANWR. Zehn Gründe sollen nach Angaben von "Arctic Power", einer Interesse norganisation in dem amerikanischen Bundesstaat, dafür sprechen:

- Nur acht Prozent des Naturreservats ANWR sind betroffen.

- Der Staat Alaska hat enorme zusätzliche Einnahmen.

- Bis zu 750 000 neue Jobs werden geschaffen.

- Jeder einzelne amerikanische Bundesstaat profitiert von dem Projekt. So lag der wirtschaftliche Nutzen des vergleichbaren North-Slope-Ölfelds zwischen 1980 und 1994 bei 50 Milliarden Dollar.

- Nirgendwo sonst in den Vereinigten Staaten gibt es größere Ölreserven.

- Die Produktion auf dem North-Slope-Ölfeld ist weiter gesunken.

- Importiertes Öl wird immer teurer.

- Es gibt keine negativen Auswirkungen auf die Fauna. Die Zahl der Karibus ist trotz Ölproduktion stetig gestiegen.

- Neueste Technologien schonen die Umwelt.

- Mehr als 75 Prozent der Alaskaner befürworten das Vorhaben.



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.09.2004, Nr. 203 / Seite 7
Bildmaterial: F.A.Z.

 
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