Hochbegabung

„Intelligenz juckt nicht wie ein Hühnerauge“

“Was soll ich mir hier auf die Schulter klopfen?“: Hans-Georg Weiss

"Was soll ich mir hier auf die Schulter klopfen?": Hans-Georg Weiss

13. April 2007 Hans-Georg Weiss besitzt einen Intelligenzquotienten (IQ) von über 130. Mit 86 Jahren gehört er zu den ältesten Mitgliedern des Hochbegabtenvereins „Mensa“. Im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung sprach Rainer Schulze mit Weiss über Anerkennung, Intelligenz im Alter und Fehler in Kreuzworträtseln.

Herr Weiss, Sie gehören zu den zwei Prozent der Bevölkerung, deren IQ den Wert 130 übersteigt. Fühlen Sie sich schlauer als andere Menschen?

Was soll ich mir hier auf die Schulter klopfen? Ich spreche ein paar Sprachen. Französisch, Englisch, Polnisch, Russisch. Und ein bisschen Latein. Aber schlauer? Nein, eigentlich nicht.

Nur keine falsche Bescheidenheit. Woran merken Sie, dass Ihre Synapsen besonders gut geölt sind?

Intelligenz juckt nicht wie ein Hühnerauge. Ich merke das eigentlich ständig. Und ich freue mich darüber. Ich kann Dinge zum Beispiel schneller auffassen als andere. Vieles fällt mir einfach leichter. Das fängt beim räumlichen Denken oder bei der Reaktionszeit an. Zum Beispiel an der Ampel. Wenn es grün wird, will ich sofort losfahren. Andere kommen langsamer in die Gänge.

Wie reagieren Ihre Bekannten? Sind sie neidisch?

Nein, die meisten äußern sich anerkennend. Und ich binde das anderen auch nicht stolz auf die Nase.

Sie sind nicht nur hochbegabt, sondern mit 86 Jahren auch hochbetagt. Während andere in Ihrem Alter abbauen, sind Sie noch gut dabei. Woran liegt das?

Och, ich gehe wandern, male Ölbilder, lerne meine Sprachen, reise gerne - bis nach Sibirien. Man muss einfach versuchen, sich geistig zu betätigen, dann bleibt man auch im Alter rege. Früher habe ich auch Horn geblasen. Aber das geht heute nicht mehr wegen der Zähne. Außerdem löse ich gerne Rätsel. Beim Kreuzworträtsel in der „Süddeutschen Zeitung“ habe ich früher einige sachliche Fehler gefunden. Das habe ich denen auch geschrieben.

Sie sind Mitglied bei „Mensa“, dem Verein der Hochbegabten. Was tun Sie dort?

Gerade haben wir eine Porzellanmanufaktur besichtigt. Unsere Jahrestagung in Frankfurt dauert noch bis Sonntag. In meinem Wohnort Oldenburg gehe ich auch regelmäßig zum Stammtisch. Aber ich sage dann immer nur, ich gehe zur Mensa. Manche denken dann, ich meine die Hochschulkantine. Das ist mir nur recht.

Woher kommt der Name?

Ein Engländer, er hieß, glaube ich, Serebrejakoff, fuhr 1946 zusammen mit einem Australier durch einen zerbombten Vorort Londons. Den beiden kam die Idee, Intelligenz zum Wohle der Menschheit einzusetzen. Den Club nannten sie Mensa, was auf lateinisch Tisch bedeutet. Alle vernünftigen und intelligenten Menschen sollten sich an einen Tisch setzen. Gleichzeitig steckt in dem Namen das lateinische Wort „mens“, also Geist oder Verstand. Heute hat der Verein mehr als 100.000 Mitglieder.

Was sind das für Leute? Lauter Überflieger?

Die meisten sind Studenten. Ich habe zum Beispiel als Architekt gearbeitet. Wir sind ungefähr 5000 Mitglieder in Deutschland, alle sind per Du. Beim Jahrestreffen diskutieren wir. Oder wir gehen ins Museum. Oder wir hören uns Vorträge an. Eine thematische Stadtführung zu berühmten Kriminalfällen war besonders spannend.

Wie ist die Stimmung bei Ihnen? Wälzen Sie die Kantischen Fragen?

Nein, wir tauschen uns einfach nur aus. Möglichst nicht über Politik. Die Atmosphäre ist sehr anregend. Natürlich gibt es auch ein paar verhinderte Advokaten, die Fliegenbeine kreuzweise spalten wollen. Aber es wird auch viel gelacht. Intelligenz hilft dabei, das Leben nicht tierisch ernst zu nehmen. Und nicht zu verbiestern.

Wie lange sind Sie schon dabei? Und wie kam es dazu?

Auf einer Zugfahrt habe ich 1989 aus Neugier einen Intelligenztest gemacht. Zusammen mit dem Ergebnis kam der Vorschlag einzutreten. Als Mitglied Nummer 997.

Sie waren damals schon 69. Und Sie haben früher nichts gemerkt?

Ich konnte als Kind schon mit fünf Jahren lesen. Aber als Schüler war ich ganz normal.

Was halten Sie von der Hochbegabtenförderung?

Die Kinder sollen sich frei entfalten können. Wenn es ohne Zwang geschieht, ist das eine gute Sache.

Die Fragen stellte Rainer Schulze.



Text: F.A.Z., 14.04.2007, Nr. 87 / Seite 9
Bildmaterial: F.A.Z. - Kai Nedden

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