Chinesisch in der Schule

Sprechen wie Konfuzius

Von Kathrin Fromm

09. April 2008 „Zhè shì shénme zì?“, fragt Meghann ihre Mitschüler und hält ein quadratisches Kärtchen mit schwarzen Strichen darauf hoch. Was ist das für ein Zeichen? Sofort gehen einige Hände hoch. Auch die Fragen nach der deutschen Übersetzung und einem Beispielsatz sind kein Problem für die Abiturienten der Geschwister-Scholl-Gesamtschule im Dortmunder Stadtteil Brackel.

Schließlich beginnt jede Chinesischstunde mit dem Kärtchenspiel. Dann teilt Lehrerin Christina Neder ein Arbeitsblatt aus. Darauf stehen in chinesischen Schriftzeichen kurze Aussagen darüber, wer was im Internet macht - eines der Abiturthemen in Nordrhein-Westfalen. Die Sätze werden vorgelesen, danach Fragen beantwortet. Deutsch hört man selten. Manchmal korrigiert sich ein Schüler selbst.

Chinesisch in der sechsten Klasse

Auch bei den Sechstklässlern, die seit Herbst vergangenen Jahres ihre zweite Fremdsprache lernen, klappt das Gespräch schon auf Chinesisch: Begrüßung, Durchzählen, kleine Aufforderungen wie "Qing dakai shu" ("bitte die Bücher aufschlagen"). Wer das nicht versteht, bekommt spätestens mit, was gemeint ist, wenn alle anderen zu blättern beginnen.

Das ungewöhnliche Unterrichtsfach ist einem Zufall zu verdanken, wie Schulleiter Klaus Zielonka erzählt: „Die Idee ist bei einem Abendessen mit Freunden entstanden. Die meisten sind in der Industrie tätig, Bergbautechnik, Jeans-Produktion und so.

Nicht nur für Hochbegabte

Das Gespräch drehte sich ausschließlich um China. Nur ich konnte keine Beiträge liefern. Da fragte ich in die Runde, ob man die Sprache nicht in der Schule anbieten sollte. Alle schauten mich erstaunt an und fragten: ,Wieso, gibt's das denn nicht?“ Eine Initialzündung.

Zielonka informierte das Ministerium, eine Fachlehrerin wurde eingestellt, und vor vier Jahren begann der Chinesischunterricht als neu einsetzende Fremdsprache in der elften Klasse, bis zum Abitur als vierstündiges Fach.

Ein Jahr später wurde die zweite Lehrerin eingestellt, und außerdem wurde das Fach als zweite Fremdsprache schon für Sechstklässler angeboten. „Chinesisch sollen bei uns alle Schüler belegen können. Das ist nicht nur etwas für Hochbegabte“, betont Zielonka.

400 Zeichen in drei Jahren

Heute lernen 240 Schüler in dem grauen Gesamtschulgebäude die asiatische Sprache. Eine Entwicklung, die Schulleiter Zielonka mit Stolz verfolgt: Für die Schule ist Chinesisch ein Alleinstellungsmerkmal, die Anmeldezahlen explodieren, die Schüler sind neugierig und motiviert dabei.

Nur die Eltern waren anfangs zurückhaltend, womöglich auch deshalb, weil sie ihren Kindern bei diesen Hausaufgaben nicht helfen können. Aber die schaffen es auch allein.

Nach drei Jahren sollten die Abiturienten vierhundert chinesische Zeichen schreiben, zweihundert weitere erkennen können. Damit kann man zwar keine chinesische Zeitung lesen, aber für kurze Briefe und Notizen reicht es.

Der „Singsang“ ist am schwersten

Mündlich sind die Schüler noch weiter, und zwar in Putonghua, dem häufig auch als Mandarin bezeichneten Hochchinesisch. Eine Hilfe ist dabei die Lautumschrift Hanyu Pinyin, mit der chinesische Schriftzeichen in lateinischen Buchstaben geschrieben werden.

Im Mittelpunkt des Unterrichts steht Alltagskommunikation. Sich und seine Familie vorstellen, einen Schultag beschreiben, erzählen, was man am Wochenende gemacht hat. Die Grammatik ist dabei eher einfach. Vergangenheit und Zukunft werden durch Worte wie „gestern“ und „morgen“ angedeutet, Frageworte einfach an den bestehenden Satz angehängt.

Auch die Zeichen sehen die Schüler nicht als Problem: „Die muss man halt lernen, wie in jeder anderen Sprache die Vokabeln auch“, sagt die neunzehnjährige Jennifer Vorderbrügge, die sich als Einzige der Klasse dafür entschieden hat, die mündliche Abiturprüfung abzulegen. Schwieriger sei die Aussprache, „dieser Singsang“. Die Tonlage kann die Bedeutung eines Wortes verändern. Da wird aus „Mutter“ schnell „Pferd“ oder „Hanf“.

„Guten Tag, Lehrerin“

Die Sechstklässler lernen darüber hinaus etwas über das chinesische Frühlingsfest, das an der Schule groß gefeiert wird, die Abiturienten schauen sich chinesische Soaps an. Und schon die Begrüßung deutet unterschiedliche Gewohnheiten an.

„Neder laoshi nín hao!“, klingt es im Chor. Guten Tag, Lehrerin Neder! Denn in China ist der Beruf wichtiger als der Vorname oder eine Anredeformel wie „Frau“. Noch mehr Einblicke in den chinesischen Alltag bekommen die Schüler durch Xìaoleì Zhang.

Die Vierundzwanzigjährige hat in Peking Germanistik studiert und unterrichtet seit Oktober als Assistenzlehrerin zwölf Stunden pro Woche in Dortmund. Dabei ist sie für die Kinder und Jugendlichen Aussprachehilfe und Alltags-Expertin. „Die Kleinen wollen schon mal wissen, ob es in China auch McDonald's gibt“, sagt Zhang.

120 Schulen bieten Chinesisch an

Nur eine Frage kann sie nicht mehr hören. „Essen Sie denn auch Hund, Frau Zhang?“ An rund 120 deutschen Schulen, darunter sogar sieben Grundschulen, wird Chinesisch unterrichtet, meist als Arbeitsgemeinschaft (AG). An 26 Schulen steht Chinesisch als Wahlpflichtfach auf dem Plan, teilweise bis zum Abitur.

Eine deutliche Steigerung. Im Jahr 1998 hatten gerade mal 34 Schulen Chinesisch im Angebot. „Ein Erfolg, aber noch zu wenig“, sagt Andreas Guder vom Fachverband Chinesisch, der sich seit 1988 für die Verbreitung der chinesischen Sprache in Deutschland einsetzt, Fortbildungen für Lehrer anbietet und Richtlinien für den Unterricht entwickelt.

Einheitliche Lehrerausbildung fehlt

Nur langsam kommt eine Struktur in den Chinesisch-Schulunterricht. Neun Bundesländer haben inzwischen einen Lehrplan. Immer noch fehlt aber eine einheitliche Lehrerausbildung. Derzeit unterrichten entweder deutsche Sinologen, wie Christina Neder, oder chinesische Akademiker, die zudem sehr gut Deutsch sprechen, wie am Humboldt-Gymnasium in Berlin-Tegel.

In beiden Fällen fehlt eine fachdidaktische Ausbildung. Nur in Köln und München ist es überhaupt möglich, Chinesisch auf Lehramt zu studieren. Für Guder bleibt die Ausbildung der Unterrichtenden das Hauptproblem. Generell sei der Chinesischunterricht in Deutschland immer noch abhängig von Zufällen und Einzelkämpfern. „Trotzdem ist selbst eine Arbeitsgemeinschaft ein wichtiger Anfang, weil so das Interesse der Schüler an China geweckt wird“, sagt Guder.

Erstes deutschsprachiges Schulbuch

Ein Indiz dafür, dass Chinesisch auch in deutschen Klassenzimmern immer populärer wird, könnte das erste deutschsprachige Schulbuch „Dong bu dong?“ (Hast du's verstanden?) sein. Die Sinologin Antje Benedix hat das Buch für ihre Schüler entworfen, und der Stuttgarter Ernst Klett Verlag beschloss kürzlich, es zu verlegen.

„Die politische und wirtschaftliche Bedeutung des asiatischen Raums wächst, und die Wirtschaft braucht chinakompetente Fachleute“, erklärt Birgit Knacke, Leiterin der Chinesisch-Redaktion des Klett Verlags.

Von all diesen Prognosen ahnen die Dortmunder Sechstklässler nichts. Sie sind erst einmal stolz - Chinesisch ist für sie eine Art Geheimsprache. „Wir sind einige der ganz wenigen, die das können“, sagt der zwölfjährige Jay Burrows selbstbewusst.

„Bessere Noten als in Englisch“

Französisch mochte er gar nicht. Und seine Mitschülerin Sophia Rausch erzählt vom großen Cousin, der in seinem Beruf mit China zu tun hat und ihr deshalb geraten habe, das Fach zu wählen. „Das ist spannend und macht Spaß“, sagt sie.

„Und ich habe bessere Noten als in Englisch.“ Die Abiturienten denken da schon etwas weiter. Meghann Jagnow ist sich sicher, dass der Hinweis auf Chinesisch später bei Bewerbungen nützlich ist. „Ja, das hat Perspektive“, bestätigt Corinna Wiesner, die im Herbst Sinologie studieren will. Englisch könne schließlich jeder.



Text: F.A.S.
Bildmaterial: AFP, dpa, ZB

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