Alkoholismus

Abhängig vom Abhängigen

Von Brigitte Roth

05. Januar 2007 Eigentlich sollte es nur ein Liebesabenteuer werden. Und eigentlich hätte sie von Anfang an merken müssen, dass eine leichte Beziehung zu diesem Mann nicht möglich war. Doch der Mann war groß, gutaussehend, verführerisch. Bereits am Telefon wusste er seinen Charme geschickt einzusetzen. So ließ sie erste warnende Zeichen fast unbeachtet. Zum Beispiel, dass er sie kurz nach dem Kennenlernen zu einem Urlaub auf ihre Kosten überredete und ihre Argumente, dass es finanziell eng für sie würde, mit Beschimpfungen über ihre Kleinlichkeit beantwortete. Oder dass er im Urlaub schamlos mit anderen Frauen flirtete. Zu seinem Alkoholismus bekannte er sich von Anfang an. Aber das Gefühl, von diesem Mann dringend gebraucht zu werden, war stärker. Aus der Affäre wurde ein vier Jahre währender Albtraum.

Sie wurde abhängig von seinem Verhalten. Sie verbrauchte ihre Kräfte für ihn bis zur Erschöpfung. Sie fand kaum mehr Zeit für sich selbst. Trotzdem blieb sie in der zermürbenden Beziehung gefangen, immer mehr auch aus Angst vor seinen Ausbrüchen. Noch heute gerät sie in Panik, wenn sie im Supermarkt vor dem Spirituosenregal steht. Und wenn sich das Handy in der Tasche meldet, zuckt sie zusammen. Er könnte es sein, sie kontrollieren, erniedrigen, bedrohen, beschimpfen. Doch sie weiß, dass die Zeiten zwischen Wodkaflaschen und Aschenbechern, zwischen Entgiftungsstationen, Liebesbekenntnissen und Beleidigungen endgültig hinter ihr liegen. Vor anderthalb Jahren hat sie endlich den Absprung geschafft.

„Dann sind wir im Bett gelandet“

Was wäre ihr alles erspart geblieben, hätte der nach ihrem Umzug beauftragte Handwerker nicht mehrmals abgesagt. Sie suchte sich einen anderen Handwerker, der den neuen Teppichboden verlegen und die Tapezierarbeiten übernehmen sollte. Sie nahm die oberste Annonce in der Zeitung. Vier Tage später, morgens um acht Uhr, stand er vor der Tür. Theresa war zu dieser Zeit dünnhäutig. Noch hatte sie ihre Scheidung nicht verkraftet und litt darunter, dass sie das gemeinsame Haus hatte verlassen müssen. Um das abzuzahlen, hatte sie ihr Psychologiestudium abgebrochen und war Versicherungsmaklerin geworden. Zu alledem war ihr Vater gestorben. Obendrein hatte sie sich einer komplizierten Kieferoperation unterzogen. Nun stand sie alleine da, und alles war ihr zu viel.

Noch nach Wochen standen die Umzugskisten in den Zimmern ihrer neuen Wohnung. Es kam ihr gelegen, dass der neue Handwerker die Schlüssel für ihre Wohnung bei ihr im Büro abholte und sie ihr abends wieder brachte. Doch nicht nur als Handwerker fand sie an dem Mann bald Gefallen. „In den Vierzigern für eine Jüngere stehengelassen zu werden, war ein Schock für mich. Das kratzte am Selbstwertgefühl.“ Die günstige Gelegenheit für eine Affäre wollte sie sich nicht entgehen lassen. Sie lud den Handwerker zum Frühstück ein. Eine Woche danach bat er sie zu sich nach Hause, um mit ihr seine Versicherungen durchzugehen. „Dann sind wir im Bett gelandet.“

Silvester wurde zum Debakel

In dieser Zeit war ihr neuer Liebhaber trocken. Er war Quartalstrinker, rührte wochen- oder monatelang keinen Tropfen an, um dann bis zur Besinnungslosigkeit zu trinken. Aber das war Theresa damals noch nicht klar. Sie wusste zwar von seiner Alkoholkrankheit, glaubte aber, wenn jemand so rational darüber redet, könne es kein Problem sein, abstinent zu werden.

In der Vorweihnachtszeit flogen sie gemeinsam in den Süden. Dass er im Hotel anderen Frauen schöne Augen machte, ertrug sie. Schließlich stand Silvester vor der Tür. Doch das Fest wurde zum Debakel - der Braten verkohlte ihr. Das erboste ihn derart, dass er noch vor Mitternacht rasend vor Wut ihre Wohnung verließ. Zunächst telefonierte sie lange mit einer Freundin, dann meldete er sich, immer noch außer sich vor Zorn. „Das war der Auftakt des Terrors.“

Wutausbrüche in der trockenen Phase

Seinen Ausrastern und seiner Aggressivität begegnete sie bald mit dem Vorschlag, dass es doch besser sei, sich zu trennen. Dem setzte er stets wortreiche Entschuldigungen entgegen, bat um Vergebung für die in seinen Augen berechtigten Wutausbrüche, die doch von ihr selbst durch ihre eigene Dummheit verursacht worden seien. Es folgte ein endloses Wechselspiel aus Vorwürfen, Entschuldigungen und Beschimpfungen.

Erst später fand sie eine plausible Erklärung für sein Benehmen. Seine Gier nach Alkohol während der trockenen Phase war so groß, dass er den psychischen Druck nicht aushielt. Wenn er sie beschimpfte, war das sein Ventil. Als er nach etwa sieben Monaten nach einer Auseinandersetzung zum ersten Mal zur Wodkaflasche griff, verwandelte sich der Wüterich in einen Charmeur. „Dieses erste Mal habe ich deshalb in bester Erinnerung. Er war zwei Tage lang supergut drauf. Dann war der Spaß vorbei.“

Zwölf Flaschen Wodka und eine Stange Zigaretten

Zehn Tage lang trank er jetzt täglich mindestens anderthalb Flaschen Wodka, hockte nur noch auf der Couch und sah sich Horrorfilme an. Er ging nicht mehr arbeiten und nachts nicht ins Bett, lungerte auf dem Sofa herum, schlief, trank, rauchte, schlief, rauchte und trank. In solchen Zeiten gehörten zwölf Flaschen Wodka und eine Stange Zigaretten zu seiner Grundausstattung. Wenn die Vorräte aufgebraucht waren, schickte er Theresa zur Tankstelle, Nachschub holen. Warum sie das mitgemacht hat? „Er war so hilflos und sein Betteln und Flehen nach Stoff so eindringlich. Er kam mir vor wie ein krankes Kind, wurde körperlich immer hinfälliger, war am Ende völlig ausgezehrt. Das hat mich berührt, ich musste helfen.“

Während sie morgens aus dem Haus ging und in ihrem eigenen Büro arbeitete, leerte er die Wodkavorräte. Oft erreichte sie tagsüber sein Anruf: „Du musst schnell kommen, mir geht es ganz schlecht, ich brauche dringend Wodka.“ Auf ihre Bitten, es bis zum Abend auszuhalten, reagierte er mit Anrufen in immer kürzeren Abständen, bis sie tatsächlich alles stehen und liegen ließ, um ihn zu versorgen. Er selbst war längst außerstande, das Haus zu verlassen. Schon an der Treppe wäre er gescheitert. Allein in den eigenen vier Wänden kam er zurecht. Nachts war an erholsamen Schlaf nicht zu denken. Sie lag im Nebenzimmer und lauschte, ob er vom Sofa fiel, röchelte, hustete oder sich wieder übergeben musste.

Entgiftungstermin kaum wahrgenommen

Morgens fiel es ihr zunehmend schwer, aus dem Haus zu gehen. Sie war übermüdet - und hatte ein schlechtes Gewissen: „Mir war zumute, als würde ich mein krankes Kind im Stich lassen.“ Wenn sie abends zurückkehrte, stand der Zigarettenrauch bis unter die Decke. Theresa riss die Fenster auf, brachte Ordnung ins Wohnzimmer, kippte die Aschenbecher aus, sammelte die leeren Wodkaflaschen ein. „Nach dem vierten oder fünften Tag exzessiven Trinkens bleibt der Alkohol nicht mehr im Magen. Das ist ein ewiges Husten, Würgen und Speien.“

Für die meisten Entgiftungen musste sie die Initiative ergreifen. Manchmal weigerte er sich dann plötzlich, ins Krankenhaus zu gehen. Einmal habe sie den Rettungswagen alarmiert und vorgegeben, ihr Freund liege im Sterben. Mehrmals nahm er den Entgiftungstermin im Krankenhaus nicht wahr, dann musste ein neuer vereinbart werden, der oft erst nach einer weiteren Woche zu haben war. Sich selbst vernachlässigte Theresa. Ihre engsten Freundinnen wussten von ihrer Not. „Aber auch im Zuhören und Erzählen setzte allmählich ein Gewöhnungseffekt und eine gewisse Abstumpfung ein.“

Mitgefühl gewann die Oberhand

Schon während der zweiten Entgiftung war sie fest entschlossen, sich nicht weiterhin schikanieren zu lassen. Doch eine Mitarbeiterin durchkreuzte ihre Absicht: „Du kannst ihn jetzt doch nicht alleinlassen. Der braucht dich doch.“ Wieder gewann er. „Und ich bin doch wieder ins Krankenhaus.“ Sie tröstete ihn, hielt seine Hand und hörte ihm schier endlos zu, wenn er über sein Leben reflektierte, ihr seine Liebeserklärungen machte und seine Dankbarkeit bekundete. Ein wenig erinnerten sie die Schilderungen seiner Kindheit auch an ihre eigene. Auch Theresa fühlte sich als ungewolltes und von ihrer Mutter vernachlässigtes Kind. Allein kam sie nicht aus dieser Beziehung heraus. Sie begann mit einer Psychotherapie. „Ich hatte gehofft, das wird so eine Art Schocktherapie. Doch meine Therapeutin wählte einen tiefenpsychologischen Ansatz und deutete an, den Weg daraus müsste ich alleine gehen.“ Ihr Freund, der von den Sitzungen wußte, schimpfte über die Therapeutin.

Er hatte drei Kinder von drei verschiedenen Frauen. Mit der letzten war er nach wie vor verheiratet. Sie hatte ihn wegen seiner Alkoholsucht verlassen. Der Sohn, damals zehn Jahre alt, besuchte seinen Vater häufig, allerdings nur während seiner trockenen Phasen. Dann hatten sie einen innigen Kontakt. Noch bevor er sich die erste Flasche Wodka kaufte, informierte er die Mutter davon. Ihrem Sohn machte sie dann vor, der Vater sei verreist, er könne ihn im Moment nicht sehen. Für Theresa wurde das Leben zur Tortur. Sie schaffte Wodka in Mengen herbei - und Bier. Von einem Mitarbeiter einer Entgiftungsstation hatte sie erfahren, dass ein Trinker in ein Delirium fallen konnte, wenn man ihm von heute auf morgen Promillehaltiges komplett vorenthalte. Er müsse auf Weicheres umsteigen.

„Sie werden sich gegenseitig zugrunde richten“

Wenn er endlich wieder zur Entgiftung im Krankenhaus war, forderte er sofort ihr Versprechen ein, ihn täglich zu besuchen, zum Beispiel weil die Zigarettenvorräte knapp wurden, sie die falschen Unterhosen eingepackt habe, oder weil er sie ganz besonders jetzt in dieser schwierigen Zeit des Entgiftens dringend brauche. Theresa kann sich nicht mehr genau erinnern, bei der wievielten Entgiftung ein Suchttherapeut sagte: „Das wird noch zehn Jahre so weitergehen. Sie werden sich gegenseitig zugrunde richten. Sie müssen sich trennen. Am besten gleich.“

Das traute sich Theresa nicht. Denn wohin das führte, hatte sie nicht nur einmal erlebt, wenn sie sich in ihre eigene Wohnung zurückzog, ihn fast anbettelte, ihr ein wenig Zeit zu lassen, um Abstand zu gewinnen. Dann stand er nachts wie ein Phantom plötzlich in ihrer Wohnung und randalierte - sie hatte ihm einen Zweitschlüssel überlassen. Zu ihrer Sicherheit, wie er gemeint hatte. Ein anderes Mal sagte sie ihm, dass sie unbedingt ausschlafen wolle, sich nicht wohl fühle, Ruhe brauche. Darauf reagierte er wiederum mit übertriebener Anteilnahme. Er halte es nicht aus, wenn es ihr schlecht gehe. „Erst rief er jede Stunde an, dann stand er in der Tür. Ich hätte schreien können.“ Als sie ihrem Ärger Luft machte, ging er wieder, rief eine halbe Stunde später abermals an, er habe die Enttäuschung nicht verkraften können. Er sei so verzweifelt gewesen, weil er es nicht aushalten könne, wenn es ihr nicht gut gehe, er fühle sich zu Unrecht bestraft dafür, dass er sich sorge, könne aber nicht anders. „Kurzum, er teilte mir dann im selben Atemzug mit, dass er sich Wodka besorgt habe.“

Zur Entschuldigung ein Gänge-Menü

Immer wieder gab es gute Phasen. Wenn er die Disziplin aufbrachte, die Treffs der Anonymen Alkoholiker regelmäßig zu besuchen, kam er bestens gelaunt nach Hause und erzählte ihr begeistert von neuen Perspektiven, die er für sich sah. Manchmal schickte er ihr lustige Zeichnungen und anzügliche Bemerkungen ins Büro. Solche Anflüge von Hochstimmung wurden oft von einem wunderbaren Essen gekrönt. Überhaupt gehörte Kochen zu seinen Hobbys. Mit zärtlicher Stimme sprach er dann ins Telefon, wie sehr sie einander doch bräuchten; wie gut sie sich doch verstünden; dass die Streitereien und seine Krankheit unbedeutend seien. Mal als Entschuldigung, mal zur Belohnung, mal zur Versöhnung gab es das tollste Menü, mehrere Gänge, guten Wein - und er nahm keinen Schluck.

Nach kaum einem Jahr durfte sie ihre engsten Freundinnen nur noch einmal wöchentlich im Fitnessstudio sehen. „Ansonsten absorbierte mich dieser Mann komplett.“ Theresa, früher eine begeisterte Kino- und Theatergängerin, verfolgte das kulturelle Leben nur noch in der Zeitung. Ihre Versicherungsabschlüsse gingen zurück, weil sie unkonzentrierter wurde. Noch reichte das Geld gerade so. Er nahm Gelegenheitsjobs an, wurde von seiner ehemaligen Frau finanziell unterstützt und bekam Arbeitslosengeld. Ab und an schob er ihr ein Überweisungsformular hin. Sie solle doch bitte so nett sein, die Kfz-Steuer diesmal zu übernehmen. Was sie dann tatsächlich tat.

Gefangen im Wohnmobil

Nach etwa zwei Jahren machten die beiden in einer trockenen Phase einen Ausflug an den Edersee, und er entdeckte seine Liebe zum Camping. Ein altes Wohnmobil wurde übernommen, ein fester Platz gemietet. Von da an lebte er die meiste Zeit dort, während Theresa zu Hause wieder etwas zu sich fand. Auf dem Campingplatz wurde sein Bedürfnis nach einer überschaubaren Idylle offenbar befriedigt, er blieb sogar trocken. Doch duldete er die räumliche Trennung nur an Werktagen, damit Theresa weiterhin Geld verdienen konnte. Am Wochenende musste sie anreisen. Das Wohnmobil empfand sie wie einen Käfig. Wenn sie deshalb versuchte, die 80-Kilometer-Distanz zu nutzen, um sich zurückzuziehen, und ihr Kommen absagte, war die nächste Sauforgie programmiert. Dann setzte er sich ins Auto, raste nach Hause und trank und trank. Die Schuld daran gab er ihr.

Ein wohlmeinender Bekannter empfahl ihr, es doch mit den „Codependence Anonymous“ (Coda) zu versuchen. Die Treffen begannen stets mit demselben Ritual: „Ich heiße Theresa, ich komme aus einer dysfunktionalen Familie, und ich bin ko-abhängig.“ Die Schilderungen blieben von der Gruppe unkommentiert. „Weil jetzt der Zuspruch fehlte, den ich von meinen Freundinnen gewohnt war, setzte eine Selbstreflexion ein. Um Himmels willen, habe ich nach den anderthalb Stunden gedacht, was habe ich da wieder von mir gegeben.“ Ihr wurde bewusst, dass sie ihre eigenen Ziele sehr schnell aufgab und dass sie sich in ihrem Leben immer auf ihre jeweiligen Freunde fixiert hatte.

Dem nervenzehrenden Kreislauf entrinnen

Theresa wollte mit aller Macht frei werden. Sie durchstöberte Zeitungen, Zeitschriften, Bücher - und entdeckte die Ankündigung eines Ko-Abhängigen-Treffens der Guttempler. Sie versuchen in ihren Selbsthilfegruppen, die Angehörigen stark zu machen. Partner sollen in die Lage versetzt werden, resolut aufzutreten und zu sagen: „Jetzt ist Schluss. Ich gehe, egal wie es ausgeht.“ Manche Frauen berichten ähnlich wie Rauschgiftsüchtige von einem Kick - durch die Befriedigung, wieder einmal geholfen zu haben. Danach fällt der Ko-Abhängige in ein tiefes Loch, Ernüchterung kehrt ein. Zwei Punkte der Hauptreferentin leuchteten ihr ein. Erstens: Ko-Abhängige sind Menschen, die das Gefühl benötigen, gebraucht zu werden. Zweitens: Es sind häufig Frauen mit Helfersyndrom, die sich leicht ausbeuten lassen. Beides traf auf sie zu.

Sie entschloss sich, einen Schnitt zu machen. Sie verkaufte ihr Auto und gab die kleine Agentur auf, denn im Büro hatte er ständigen telefonischen Zugriff auf sie. Sie rechnete sich aus, dass sie etwa drei Monate vom Verkaufserlös würde leben können. Ihr Freund spürte, dass sie Ernst machte. Er wurde noch misstrauischer. Theresa, deren ganze Energie für seine Entzüge, Stimmungsschwankungen, Vorwürfe und Bedrohungen aufgezehrt war, wollte über die Beziehung sprechen. Doch sein Misstrauen wurde nur größer. Das Mobiltelefon wurde zum Überwachungsgerät. Das Telefon auch: Er drückte auf die Wahlwiederholungstaste, um zu sehen, mit wem sie zuletzt telefoniert hatte. Er machte seiner Angst durch Drohungen Luft. Dann wieder versuchte er sie zu umschmeicheln: „Theresa, du brauchst mich doch, und ich brauche dich. Nie wieder wirst du einen Mann finden, der dich mehr liebt als ich.“ Dem nervenzehrenden Kreislauf musste sie entrinnen.

Flug in die vorrübergehende Freiheit

An einem Freitagabend löste sie eine Fahrkarte nach Rom. Ihr Freund wiegte sich noch in Sicherheit, denn sie hatte versprochen, am Samstag zum Campingplatz zu kommen. Als sie im Zug saß, sprach sie auf seinen Anrufbeantworter: „Ich fliege jetzt nach Rom zu einer Freundin.“ In diesem Moment fühlte sie sich unbeschreiblich frei. Nur wenige Minuten später holte das piepsende Handy sie in die Realität zurück: „Ich kann es nicht glauben, wie grausam du bist. Dass du in der Lage bist, mir das anzutun, hätte ich nie gedacht.“

Eine Umkehr war nicht möglich. „Diese Fahrt war für mich absolut unwirklich. Es kam mir vor, als würde ich in eine ganz neue Sphäre vordringen, als würde ich auf den Mond fliegen.“ Dann stellte Theresa ihr Handy ab und versuchte sich innerlich frei zu machen, aufzuatmen und ganz bei sich selbst zu sein. Der Unterschlupf bei einer alten Schulfreundin war allerdings keine Dauerlösung. Nach fünf Wochen kehrte sie zurück. Als der Zug in den Hauptbahnhof einfuhr, schaltete sie ihr Handy ein. Es läutete umgehend. „Ich halte es nicht mehr aus ohne dich. Ich hole dich ab, egal wo. Wo bist du?“ Theresa fühlte sich ihm ausgeliefert. Er besaß noch immer ihren Zweitschlüssel.

Nur einen Gedanken - Flucht!

Wieder derselbe Psychoterror, wieder Vorwürfe, Bitten, Flehen. Sie hatte nur noch den einen Gedanken: Flucht! Kaum zwei Wochen später packte sie heimlich ihre Koffer und reiste wieder nach Italien. Vor der Abreise gelang es ihr, ihm den Schlüssel abzuschwätzen: Sie erwarte ihre Freundin aus Italien und benötige ihn deshalb. Von da an konnte er sich wenigstens keinen Zutritt mehr zu ihrer Wohnung verschaffen. Dieses Mal schaltete sie im Zug das Handy sofort ab. Als Mädchen für alles schlug sie sich in der Küche eines Restaurants durch. Doch Theresa wollte ihrer Freundin nicht lange zur Last fallen. Als sie wieder zu Hause war, stand er schon bald vor der Tür. Er hatte die Wohnung observiert, war regelmäßig vorbeigefahren und hatte jede Bewegung von Fenstern, Rollläden und Vorhängen beobachtet. Immer wieder Szenen, Drohungen, Angst. Seine Unberechenbarkeit, seine Ankündigungen, sie umzubringen, kann sie bis heute nicht vergessen.

Vier Jahre nach dem Beginn der Beziehung kam die Wende. Weil Theresa viele Wochen im Sommer unerreichbar gewesen war für ihn, begann er ein Liebesverhältnis mit einer neuen Frau. Das ist jetzt anderthalb Jahre her. Doch Theresa spürt noch immer die Erleichterung: „Die Neue war meine Rettung.“ Und dass sie sich jahrelang demütigen und für seine Zwecke missbrauchen ließ? „Diese extreme Erfahrung brauchte ich, um meine eigene Suchtstruktur aufzubrechen, um meine tiefe Sucht nach Zuwendung zu überwinden.“ Neu anfangen könne man nur, wenn man es schaffe, Sicherheiten aufzugeben. „Das ist wie ein freier Fall.“ Theresa ist sicher gelandet. Und muss doch damit leben, dass sie noch in der Trennung abhängig geblieben ist - dieses Mal nicht von ihm, sondern von seiner neuen Freundin.

Im Februar erscheint von Brigitte Roth das Buch „Jeder kriegt die Kurve anders - Lebenswege von Süchtigen mit Happy End“ im Verlag Ueberreuter.



Text: F.A.Z., 06.01.2007, Nr. 5 / Seite 8
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa

 
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