Weltmeisterschaft im Kopfrechnen

An die Wurzeln gehen

Von Reiner Burger

01. Juli 2008 Willem Bouman sitzt in der ersten Reihe und ist beinahe so aufgeregt wie ein kleiner Junge. Nach der ersten Runde der Weltmeisterschaft im Kopfrechnen an der Universität Leipzig teilt die Jury den 28 Teilnehmern aus zwölf Ländern die Ergebnisse mit. Der 68 Jahre alte Niederländer Bouman ist selbst erstaunt, dass er beim Quadratwurzelziehen mit 324 von 360 Punkten am besten im Wettbewerb abschneidet. Einige seiner Konkurrenten applaudieren spontan.

Dass er aber beim Addieren und Multiplizieren diesmal jeweils nur auf einen von zehn Punkten kommt, bringt ihn ziemlich ins Grübeln. Addieren und Multiplizieren liegt ihm nämlich eigentlich mehr als aus zehn sechsstelligen Zahlen auf die fünfte Stelle nach dem Komma genau die Wurzel zu ziehen. Zumal man ja nicht genau wissen kann, wie die Jury das mit dem Runden der fünften Stelle meint. Bouman hat deshalb lieber auch noch die sechste Stelle ausgerechnet.

Welcher Wochentag steckt hinter welchem Datum?

Zwei Kopfrechen-Weltmeisterschaften hat es schon gegeben. Im Jahr 2004 in Annaberg-Buchholz, wo einst der deutsche Rechenmeister Adam Ries wirkte, und im Jahr 2006 in Gießen, einer Stadt, die sich auch mit ihrem Mathematikum, dem ersten mathematischen Mitmachmuseum der Welt, ums Rechnen verdient macht. Neben dem Ziehen der Wurzel müssen die Teilnehmer auch zehn Kolonnen von jeweils zehn zehnstelligen Zahlen addieren oder mal eben zehn Mal jeweils zwei achtstellige Zahlen miteinander multiplizieren.

Danach warten schließlich auf die Meisterkalkulatoren noch ein paar kalendarische Kleinigkeiten. 55 Mal müssen sie errechnen, welcher Wochentag sich hinter einem Datum aus der Vergangenheit oder der Zukunft verbirgt – etwa hinter dem 13. Juli 1649 oder dem 25. August 2089. Damit es keine Missverständnisse über das Gewünschte gibt, haben die Organisatoren auf dem Bogen hinter dem 26. März 1923 ein hoffentlich zutreffendes „Mo“ vermerkt. Außerdem schadet es wahrscheinlich nicht, wenn man weiß, dass der 1. Juli 2008 ein Dienstag ist. Der Deutsche Jan van Koningsveld, bei der Weltmeisterschaft von 2006 Vizeweltmeister (Gesamtwertung) und Vizeweltmeister (Multiplikation), meint, dass das Kalenderrechnen nicht länger dauert, als das Datum aufzuschreiben.

Ohrenschützer und Augenklappe

Durch den ganzen Zahlenbrei zu rühren ist natürlich eine ziemlich anstrengende Sache. Manche der Meisterkopfrechner versuchen sich deshalb vor Störungen zu schützen: José Maria Bea aus Spanien und Jan van Koningsveld benutzen Ohrenschützer, wie sie sonst nur von Bauarbeitern am Presslufthammer getragen werden. Der Libanese Issam Khneisser verwendet für die Berechnungsphase eine bei Vielfliegern beliebte Augenklappe. Der elf Jahre alte Vinay Bharadwaj aus Indien – der jüngste Teilnehmer – hat auf seinen Platz in der letzten Reihe eine Hand voll Buntstifte vor sich gelegt und braucht ansonsten für seine Kalkulation nur seine Hände.

Fast könnte man meinen, so eine Wurzel könne man sich an seinen zehn Fingern ausrechnen. Aber der Junge zählt natürlich nicht, sondern macht mit seinen Händen kurze mechanische Bewegungen, als stricke oder häkle er. Vinay interessiert sich erst seit zwei Jahren für Mathematik. Seine Mutter, die ebenfalls als eine der wenigen Frauen an der Weltmeisterschaft teilnimmt, erzählt, Vinay schaue kein Fernsehen, spiele Badminton und höre gerne klassische Musik. Seinen Mitschülern, sagt Vinay, hilft er gerne beim Rechnen – damit er schneller mit ihnen spielen kann.

Rechnen im Deutschlandtrikot

Bouman, der mit Abstand älteste Teilnehmer in Leipzig, sitzt dagegen ganz still in der ersten Reihe. Sein Rechentalent entdeckte der Niederländer, als sein Grundschullehrer die erste Multiplikation an die Tafel schrieb – der kleine Bouman platzte direkt mit dem Ergebnis heraus. Besonders viel Aufhebens aber hat der Niederländer dann nicht von der Sache gemacht. Er wurde Automechaniker, machte ein Abendstudium und arbeitete bei einem großen Reifenhersteller. „Da gab es natürlich immer viel zu berechnen, Achslasten, Winkel und vieles mehr.“ Dann und wann nervte er seine Kollegen mit kreativ verschlungenen Lösungswegen. Nach seiner Pensionierung schrieb er schließlich noch ein Fachbuch über Reifen. Als er 2006 das Stichwort „Rechenwunder“ in eine Internetsuchmaschine eingab, änderte sich sein Leben, denn er bekam Kontakt zu anderen Meisterrechnern. Nach nur kurzer Trainingsphase kam er bei einem Rechenturnier im November 2006 auf den fünften Platz. Dass er all die Jahrzehnte zu wenig aus seinem Talent gemacht haben könnte, kann der Reifenfachmann nicht erkennen. „Spätestens seit 1970 das Computerzeitalter anbrach, gibt es für Berufsrechner doch sowieso nichts mehr zu tun.“

Seinem um 57 Jahre jüngeren Kollegen Vinay gibt er mit einem niederländischen Sprichwort den Rat, sich auch beim Rechnen in Ruhe zu entwickeln: „Es gibt keine Zeder im Libanon, die nicht aus einem kleinen Strunk entstand.“ Dass Rechnen nichts Dröges, sondern eine Turniersportart beinahe wie Fußball sein kann, wird dann für Außenstehende immerhin bei den Zwischenergebnissen deutlich. Rüdiger Gamm trägt ein Hemd der deutschen Nationalmannschaft mit seinem Namen. Und die Entourage der erstaunlich stark vertretenen Spanier feiert gute Ergebnisse beim Multiplizieren und Addieren fast europameisterlich mit Posen wie der „Sieger-Säge“.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp, DPA

 

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