Arabische Touristen

München als Mekka

Von Friedrich J. Schmidt

Beliebtes Einkaufsziel: die Münchner Maximilianstraße

Beliebtes Einkaufsziel: die Münchner Maximilianstraße

28. August 2007 Trapezförmige Taschen aus weichem, hellbraunen Leder, halbrunde Taschen aus schwarzem Lack, mit silbernen Löwenköpfen besetzt, teuer wie ein Gebrauchtwagen - und mittendrin verteidigt Hussein Aziz aus dem Königreich Bahrein am Persischen Golf seine Grundsätze.

„Ich habe es euch gesagt: In jedem Urlaub kann jede von euch genau eine Tasche kaufen“, belehrt er seine beiden Töchter vor dem Schaufenster eines Modegeschäfts in der Münchner Maximilianstraße. „Da habe ich meine Prinzipien.“ Die Ältere der beiden beschwert sich: „Aber wenn wir zusammen einkaufen gehen und mir eine Tasche gefällt, kann ich es dir doch wenigstens sagen?“

Auf der Maximilianstraße, Münchens teurer Einkaufsmeile zwischen der Residenz der bayerischen Könige und dem Maximilianeum jenseits der Isar, dürften solche Widerworte in diesen Spätsommertagen nur selten zu hören sein. Vielleicht, weil nur wenige der Frauen aus den Golfstaaten, die hier derzeit zu Tausenden Kauforgien feiern, so streitlustig sind wie die Töchter Aziz, beide in Jeans und unverschleiert. Eher jedoch deshalb, weil die Prinzipien ihres Vaters bei den wenigsten der Touristen aus Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Qatar, Oman und Bahrein Zustimmung fänden.

„Sie mögen alles, was nach Geld aussieht“

„Enorm kaufbegeistert“ seien die Kunden aus diesen Ländern, sagt ein Schmuckverkäufer an der Maximilianstraße, der seinen Namen nicht nennen möchte. Immer die neueste Kollektion müsse es sein. „Shopping ist ihr Zeitvertreib, und dieses Jahr sind sie noch spontaner - wenn sie etwas wollen, dann kaufen sie es auch.“ 2006 verzeichnete das Münchner Tourismusamt mehr als 180.000 Übernachtungen von Gästen aus den Golfstaaten, dieses Jahr dürften es noch mehr werden. Der „Normaltourist“ gebe am Tag 163 Euro aus; bei arabischen Touristen spricht man von etwa tausend Euro. Und so wandern Handtaschen, Abendkleider, Schuhe und Schmuck aus den Regalen in die koffergroßen Hochglanztüten von Armani, Versace und Co.

Arabische Männer mit spiegelnder Sonnenbrille im Gesicht und meistens gänzlich schwarz verhüllter Frau an der Seite defilieren damit die Maximilianstraße auf und ab. Die meisten Geschäfte hier geben an, dass etwa sechzig Prozent ihrer Kunden in diesen Sommermonaten Araber seien, mitunter gar bis zu achtzig Prozent. „Sie mögen alles, was sehr opulent wirkt, ein bisschen verträumt ist und nach Geld aussieht“, sagt Shirin-Julia Frouhandeh, Geschäftsführerin der „Hugo Boss“-Filiale an der Maximilianstraße. „Arabische Kunden stehen auf Glitzer, Strass, Pailletten und Gold - was deutsche Kunden in der Regel nicht so sehr mögen.“

Medizintourismus all inclusive

Einige Autominuten nördlich liegen die Büroräume der Unterföhringer „Europe Health GmbH“. Für deren Gründer und Geschäftsführer Salah Atamna ist klar: „Der Ursprung des Ansturms der Araber auf München ist das Medizinische.“ Er sitzt auf einem schwarzen Ledersofa vor einem Glastisch, raucht und spricht aufgeregt mal auf Deutsch, mal auf Arabisch abwechselnd in zwei Mobiltelefone. „In fünf Minuten faxen wir Ihnen die Kostenübernahmeerklärung“, sagt er schließlich. Ein arabischer Patient will sich in einem Münchner Krankenhaus behandeln lassen.

Dazu muss die Botschaft seines Landes zusichern, dass jemand dafür zahlen wird. Das ist bei Besuchern aus den Golfstaaten meistens der Staat, aber oft zahlen Scheichs und Prinzen aus eigenen Mitteln dafür, dass deutsche Ärzte einen ihrer Untertanen kurieren. Atamnas Unternehmen bucht Flüge und Hotels, wählt die Ärzte und das Ausflugsprogramm aus: Medizintourismus all inclusive.

Arabisch essen und fernsehen

Seine glänzenden, daumendicken Broschüren werben für deutsche Fachärzte - je mehr akademische Titel, desto besser - und Kliniken auf grünen Wiesen im Alpenvorland. Bis zum 11. September 2001 spielten die Vereinigten Staaten eine Vorreiterrolle bei der Versorgung arabischer Medizintouristen. Damit sei es vorbei, sagt Atamna: „Es ist heute viel schwieriger, Visa zu bekommen. Außerdem gibt es große Ängste auf beiden Seiten.“ Und so konkurriert München nun mit Paris und London um die Kundschaft vom Golf - ein großes Geschäft nach Atamnas Worten: „Die Araber bringen den Kliniken nicht budgetiertes Geld.“ Bezahlt wird oft bar, abgerechnet nach den Sätzen, die auch für deutsche Privatpatienten gelten.

Neben den bei arabischen Patienten beliebten Privatkliniken versucht auch das Städtische Klinikum München, ein Stück vom Kuchen abzukommen. Im Schwabinger Krankenhaus gibt es seit 2001 islamische Gebetsräume. Hier breiten sich Gebetsteppiche über den grauen Linoleumboden, ein Bild weist in Richtung Mekka, der Koran und Gebetsketten liegen bereit. Im Bogenhausener Krankenhaus kann man arabisch essen und fernsehen. Noch stellen die Medizintouristen vom Golf weniger als ein Prozent der 130.000 Patienten, die das Städtische Klinikum jedes Jahr behandelt.

Ausgestopftes Kamel und Bauchtanz

Damit es mehr werden, vermarktet sich München auf Messen wie der „Arab Health“ in Dubai als Mekka der Medizin - seit dem vergangenen Monat auch auf einer eigens eingerichteten Internetseite in arabischer Sprache. Mit den Patienten kommen auch die Touristen. „Der durchschnittliche arabische Patient bleibt sechs bis acht Wochen und bringt fünf Begleitpersonen mit“, sagt Salah Atamna. Derzeit umsorgt allein Europe Health 2500 Besucher aus den Golfstaaten in München.

Sicherheit und Ärzte, das Grün und die Seen, Bergpracht in Garmisch-Partenkirchen und Schloss Neuschwanstein - das gefällt den arabischen Besuchern an München. Sie erwarten Diskretion und Heimeligkeit. In der Lobby des Park Hilton Hotel am Englischen Garten lädt ein ausgestopftes Kamel - „Bitte nicht berühren“ - zum Besuch im „Shisha-Café“. Das findet sich in einem pavillonartigen Anbau, wo ein Beduinenzelt aus dunkelrotem, festem Stoff steht. Auf dem Teppich liegen Sitzkissen, der Raum ist in ein warmes, rötliches Licht getaucht. Einmal in der Woche ist hier Bauchtanz - jetzt laufen ägyptische Musikvideos.

Anpassung an arabische Sitten

An einem Tisch sitzen vier arabische Männer und spielen Karten, Wasserpfeifen blubbern leise, wenn jemand den Rauch des aromatisierten Tabaks einatmet. „Dieses Jahr ist der Trauben-Minze-Geschmack im Trend“, sagt Mahmoud Abdella. Der 32 Jahre alte Ägypter kümmert sich um das „Shisha-Café“. Auf zehn bis fünfzehn Wasserpfeifen am Abend komme er schon, „das geht ganz schön auf die Lunge!“, sagt er und lacht. Aber schließlich gelte es, mit jedem Gast im Zelt einige Worte zu wechseln. „Die arabischen Gäste brauchen das Gefühl, hier zu Hause zu sein“, sagt Abdella. Höfliche Reserviertheit wie im normalen Restaurant nebenan ist hier fehl am Platz. „Musik, Licht und viel Temperament, das lieben die Araber.“

Im Park Hilton nennt man Juli und August die „Araberzeit“. Hier, wie auch im benachbarten Hotel Arabella Sheraton, mieten sich arabische Großfamilien oft gleich auf einer ganzen Etage für mehrere Wochen ein. Dann gelten Sonderregeln. Das Hotelpersonal wartet nach dem Klopfen zwei Minuten vor der Tür, wenn es etwas in die Zimmer liefert oder putzen will. Die Küchen bleiben länger als üblich besetzt, um sich an die Essenszeiten der arabischen Gäste anzupassen. Damit die Frauen nicht bei jedem Gang über den Flur ihren Schleier überziehen müssen, bestehen die Familien meistens darauf, dass die Zimmer untereinander verbunden sind.

Im „Shisha-Café“, an einem Tisch an der Ecke, sitzt der junge Scheich Ali Al-Thani, der zur Herrscherfamilie aus Qatar gehört, im schwarzen T-Shirt. Mit zwanzig Personen hat er einen Monat hier verbracht, einige ließen sich behandeln, andere machten Ausflüge an die Seen, seine Kinder spielten im Englischen Garten. Bald reisen sie ab, denn in Qatar fängt die Schule wieder an: „Aber wir wollen nächstes Jahr wiederkommen - und ein Haus hier in München kaufen.“

Text: F.A.Z., 28.08.2007, Nr. 199 / Seite 8

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