Estland

Jeder hundertste ist infiziert

Von Robert von Lucius, Tallinn

01. Dezember 2005 Bis zum Ende der neunziger Jahre hatten sich pro Jahr zehn oder elf Esten neu mit dem HI-Virus infiziert. Drei Jahre später, im Jahr 2002, waren es schon 1500 Neuinfektionen. In keinem Land nördlich von Afrika gibt es - gemessen an der Bevölkerungsgröße - mehr Infizierte.

Nirgends verbreitet sich das Virus rascher als in dem Land, das als Neumitglied der EU vielen ein Vorbild ist an Dynamik und wirtschaftlichem Erfolg. Die Seuche sei außer Kontrolle, sagt eine Sprecherin des nationalen Gesundheitsdienstes in Tallinn (Reval). In der Hauptstadt und im Nordosten, an der Grenze zu Rußland, finden sich die meisten Infizierten, meist junge Menschen unter 30 Jahren. Jeder hundertste junge Este ist Träger des HI-Virus.

Hilfsorganisationen werden vor allem vom Ausland finanziert

Dennoch schiebt die Regierung das Thema von sich. Hilfsorganisationen werden vor allem aus dem Ausland finanziert. Zwar gibt es Aids-Aufklärungsprogramme des Sozialministeriums. Geld und Interesse aber fehlen. So sitzen im Finanzministerium junge Technokraten, denen stärker an der Fortsetzung des erstaunlichen Wirtschaftswachstums gelegen ist als an der Bekämpfung der Seuche, die viele weiterhin als „Problem von Randgruppen“ bezeichnen. Es scheint, als sei die einzige Gruppe, die sich der Gefahr bewußt ist und durch Programme möglichst viele Menschen zu schützen versucht, jene, die von außen als die am stärksten gefährdete gilt - die kleine Homosexuellenszene Tallinns.

Auch in vielen Gemeinden lehnen Beamte es ab, mit Programmen aufzuklären. Im Jahr 2003 schloß die Regierung das staatliche Aids-Präventionszentrum und angeschlossene Zentren für kostenlose anonyme Tests. Nichtregierungsorganisationen, die von staatlichen Stellen wenig beachtet und kaum unterstützt werden, übernahmen ihre Aufgabe. In den vergangenen fünf Jahren, sagt Oppositionspolitiker Juhan Parts im Gespräch in Tallinn, seien Politiker „zu faul“ gewesen im Kampf gegen das Virus. Er spricht also auch von der Zeit, da er selbst Ministerpräsident war. „Man sollte mehr tun und stärker finanzieren.“

Reihe anonymer Tests

Genau in diesem Jahrfünft wurde eine vermeintliche Randerscheinung zur Epidemie. Aufmerksam wurde man im Jahr 2000, als im Nordosten eine Rauschgiftsüchtige starb. Als man Aids diagnostizierte, begann eine Reihe teils anonymer Tests. Die Zahl der Infizierten, die zuvor verdeckt war, schnellte in die Höhe. In keinem anderen Land des ehemaligen Ostblocks stieg der Anteil der Erkrankten so stark. Im Jahr 2000 lag der Anteil der HIV-Infizierten je Million Einwohner noch in fünf anderen Ländern - Rußland, Ukraine, Lettland, Weißrußland und Moldau - höher als in Estland. Ein Jahr später hatte der kleinste baltische Staat mit nur 1,2 Millionen Einwohner alle anderen überholt.

Im Vorjahr, so ein Ende November veröffentlichter Bericht über HIV-Infektionen in den 52 europäischen Mitgliedsländern der Weltgesundheitsorganisation, wurden unter je einer Million Einwohnern 568 Esten neu infiziert, gegenüber 24 Deutschen, 238 Russen, 141 Letten und 40 Litauern. Am nächsten kommt Estland in Europa prozentual noch Portugal. Dort liegt die Zahl Neuinfizierter mit 280 je Million bei weniger als der Hälfte Estlands. Dabei gelang es Estland schon, den Prozentsatz Neuinfizierter gegenüber 2001 fast zu halbieren - damals war der Prozentsatz Neuinfizierter sechsundsechzigmal so hoch wie in Deutschland.

Zwei Drittel der HIV-Positiven sind jünger als 25

Solche Zahlen können die Aufmerksamkeit schärfen, aber auch ablenken vom Problem. In Estland liegt es neben der staatlichen Unbekümmertheit vor allem in scharfen sozialen Gegensätzen zwischen wohlhabenden aufstrebenden Stadtbewohnern in Tallinn und verarmten Arbeitslosen, vor allem russischsprachig, in der Grenzregion um Narva. Dort waren die Bewohner über Generationen hinweg Bergleute, die Ölschiefer abbauten. Anderes beherrschen sie kaum. Mit der Loslösung von der Sowjetunion im Jahr 1991 begann der Niedergang in der Region, die vorher nahe an Sankt Petersburg lag, wo der Heroingebrauch ein, zwei Jahre früher als in Estland eingesetzt hatte. Jetzt aber, nachdem sich die EU-Grenze nach Osten verschoben hat, scheint die Region abgeschnitten.

Dort griffen die Jungen immer häufiger zur Spritze. Wohl weit mehr als die Hälfte der Heroingebraucher sind HIV-infiziert. Dazu kamen Hepatitis und Tuberkulose, deren Verbreitungsraten ebenfalls rapide stiegen, begünstigt von der Immunschwäche. Private Hilfsgruppen versuchen, das in den Griff zu bekommen. Sie tauschen gebrauchte gegen neue Spritzen aus und mindern so die intravenöse Ansteckungsgefahr. Heroinhändler aber vertreiben ihr Gift bisweilen in unmittelbarer Nähe dieser Hilfszentren. Junge Esten fühlten sich anfangs gefeit, da sie anders als Russen zu Rauschgiften wie Ecstasy oder Kokain griffen. Dennoch wuchs die Ansteckung auch in Tallinn unter jungen Esten rasch, anfangs vermutlich durch Prostituierte, die sich so Geld für Heroin beschafften, dann durch ungeschützten Sex unbekümmerter und unkundiger junger Menschen: Zwei Drittel der HIV-Positiven sind jünger als 25 Jahre. Die HIV-Infektion in Estland sei wie eine Zeitbombe, sagt eine Mitarbeiterin des Sozialministeriums in Tallinn kurz anläßlich des Welt-Aidstags.



Text: F.A.Z. vom 1. Dezember 2005
Bildmaterial: F.A.Z.

 

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