Von Dominik Ohlig
08. März 2004 Das neue Zeitalter der mobilen Technologie hat begonnen. Die Revolution ist vom öffentlichen Nahverkehr in Osnabrück ausgegangen. Um dort an der Bushaltestelle ein Ticket zu kaufen, brauchen Reisende seit kurzem kein Bargeld mehr. Sie zücken statt dessen einfach ihr Handy. Während sie auf den Bus warten, bestellen sie im Service-Center über das Mobilfunknetz eine virtuelle Fahrkarte. Per SMS kommt das Ticket dann auf das Handy - kostenlos. Der Pilotversuch war so erfolgreich, daß die Stadtwerke das System der Teltix GmbH installierten.
Die Technik-Offensive in Osnabrück ist der Anfang einer neuen Entwicklung im privaten Zahlungsverkehr, die rasant voranschreitet. Mobile Payment - in Deutschland ist dies für viele noch ein Fremdwort, in anderen EU-Ländern wie Finnland längst Standard.
Nach Schätzungen der Unternehmensberatung Frost & Sullivan wird der Europamarkt für das sogenannte M-Commerce im Jahr 2006 ein Transfervolumen von 25 Milliarden Dollar erreichen. Dazu gehören mobile Finanztransaktionen wie M-Payment oder M-Banking. Zahlen per Handy an Automaten, an Kassen mit Personal, im Internet oder bei privaten Zahlungen zwischen Einzelpersonen - alles ist vorstellbar. Doch die Techniken sind sehr unterschiedlich.
Drei Techniken im Wettbewerb
Mehrere Anbieter in Deutschland kämpfen momentan um die Vormachtstellung in dem neuen Markt. So beispielsweise die NCS Mobile Payment GmbH aus Krefeld. Mit ihrem Angebot Crandy will sich das Unternehmen am Markt durchsetzen. Überweisungen von Handy zu Handy, Zahlungen in Geschäften oder im Internet jeweils bis zu 150 Euro werden dem Kunden mit seinem Mobiltelefon ermöglicht. Ende 2004 soll es an 100.000 Stellen möglich sein, mit Crandy zu bezahlen. Auf der Cebit wird das System vorgestellt.
Ein anderes Modell entwickelte die In Medias Res GmbH aus Mönchengladbach - das Geldhandy. Auslöser war ein Problem der Tabakindustrie: Ab 2007 dürfen keine Zigaretten mehr an Jugendliche unter 16 Jahren verkaufen werden. Mit Geldhandy läßt sich leicht das Alter der Kunden auch am Zigarettenautomaten überprüfen, sagt Geschäftsführer Christoph G. Klug. Derzeit ist es dem Zigarettenautomat naturgemäß egal, wer die Münzen zückt und Zigaretten zieht. Mit dem neuen System wäre das vorbei. Denn während der Kunde mit seinem Handy bezahlt, prüft die Technik anhand der Daten aus dem Handyvertrag das Alter des Käufers. Unter Sechzehnjährige bekämen dann keine Zigaretten ausgehändigt, das Busticket in Osnabrück hingegen schon. Bislang wurde das System an 1.000 Zigarettenautomaten getestet. Die Raucher seien zufrieden gewesen, sagt Klug. Akzeptanz und Bekanntheitsgrad müssen aber noch erhöht werden.
Technisch ganz anders probiert es die Fun Communications GmbH aus Karlsruhe. Photopay nennt sich das Verfahren, das die Firma auf der Cebit vorstellen wird. Der Verbraucher muß die Ware von einem Bildschirm abfotografieren, und die spezielle Handysoftware erkennt den Preis. Mit einem Pin kann dann die Zahlungsanweisung gesendet werden. Das System funktioniert laut Hersteller bei allen Handys, die eine Digitalkamera eingebaut haben. Wir wollen unsere Technik vor allem großen Zahlungsdienstleistern wie Mobilfunkbetreibern oder Banken anbieten, sagt Annette Höllebrand, zuständig für Marketing und PR. Der Nachteil bei diesem System: Der Einzelhändler benötigt einen Bildschirm, der normale Waren wie eine Banane oder eine Zeitung fürs Handyfoto aufbereitet.
Welches System besteht den Praxistest?
All diese Anbieter werden es nach Aussagen von Professor Kai Rannenberg aus Frankfurt jedoch schwer haben. Ihnen fehlen noch die Partner in der Wirtschaft. Mehr Chancen räumt Rannenberg den großen europäischen Mobilfunkanbietern ein. Sie erarbeiten eine gemeinsame Lösung mit dem Namen Simpay. Immerhin vereinen T-Mobile, Vodafone, Orange und Telefonica Moviles 270 Millionen Kunden auf sich, was einen erheblichen Startvorteil bedeuten könnte. Doch das System ist noch nicht marktfähig.
Spannend wird nun die weitere Entwicklung werden: welches System den Praxistest im virtuellen und realen Markt bestehen wird und ob sich die Technik überhaupt durchsetzt. Nach einer Umfrage von Forrester Research sind derzeit immerhin 13 Prozent der Handynutzer an M-Payment interessiert. Zurück in die Zukunft - dorthin, wo sich bereits ein System etabliert hat: Mehr als 1.200 Fahrgäste nutzen mittlerweile in Osnabrück ihr Handy im Nahverkehr. Die Technik ist auch für Spezialist Rannenberg ein Modell mit Zukunft. Der Kunde bekommt einen Service, und die Kommune spart Geld bei den Automaten und dem Personal. Das bekam auch die Stadt Bonn mit und hat flugs das System in ihrem Nahverkehr installiert. Weitere Städte sollen folgen.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 07.03.2004, Nr. 10 / Seite 51